Wort zum Feiertag

Weihnachten ist kein "Heile-Familie-Idyll"

 Das Bild zeigt zwei Weihnachtsgeschenke, eine Laterne, ein Tannenzweig mit Kugeln

Die vielen Weihnachtskrisen entstehen aus dem Zwang, eng aufeinander gepackt, Stunden und Tage harmonisch miteinander zu verbringen. Das muss nicht sein, meint Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler.

Bild: creative commons

Von dem Ideal einer friedlichen Weihnachten, von krisenreichen Festen und dem ersten Weihnachtsfest, das so alles andere als idyllisch war, schreibt Susanne Breit-Keßler in ihrem Geistlichen Wort. 

"Gesegnete, friedliche Weihnachten" - dieser fromme Wunsch steht auf vielen Weihnachtskarten. Zugleich weiß jeder, dass Weihnachten ideal ist, um aneinanderzugeraten. Bei manchen gibt es traditionell am Vormittag des Heiligen Abends Ärger. Einer besorgt den Christbaum, der preiswert ist, aber nicht schön. Die andere ist entrüstet, eine ungeratene Fichte schmücken zu müssen. Die Tochter möchte sowieso einen ganz anderen Baum.

An den Feiertagen, wenn alle bis zur Bewegungslosigkeit abgefüllt sind mit Ente, Gans, Punsch und dem Mehrteiler aus dem Fernsehen, wenn keiner mehr Stollen sehen kann, einem das anhaltende besinnliche Gedudel auf die Nerven geht, geht es los. Hochgespannte Erwartungen werden enttäuscht, eigene Sehnsucht trifft auf den Widerstand anderer. An Tagen, für die sogar in Kriegsgebieten Waffenstillstände vereinbart werden, knallt es.

Zitat

Die Botschaft des Weihnachtsfestes ist fleischgewordene Liebe, und Liebe verträgt ganz einfach keinen Druck, sie braucht Luft und Raum zur Entfaltung. Aus Zwang erwächst Hass - Liebe dagegen ist das Kind der Freiheit."

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Die vielen Krisen, die an Weihnachten Menschen erschüttern, Familien und Singles, rühren vom Zwang her. Vom Zwang, eng aufeinander gepackt, Stunden und Tage harmonisch miteinander zu verbringen. Vom Zwang, allen denkbaren Attacken auf die eigenen Gefühle ausgesetzt zu sein. Und vom Zwang, sich einem Heile-Familie-Idyll unterwerfen zu sollen oder wollen - einem Idyll, das es nie gegeben hat, schon gar nicht in der Bibel.

Dort ist bei der Geburt Jesu von Notunterkunft die Rede, von armen Leuten, von einer Flucht ins Ausland, von Verfolgung und Asyl. Die Botschaft des Weihnachtsfestes ist fleischgewordene Liebe, und Liebe verträgt ganz einfach keinen Druck, sie braucht Luft und Raum zur Entfaltung. Aus Zwang erwächst Hass - Liebe dagegen ist das Kind der Freiheit. Gott ist aus freien Stücken Mensch geworden. Er ist Kleinen und Großen hautnah gekommen, damit sie im besten Sinne zwanglos leben und ihr Dasein frohgemut gestalten können.

Zusammensein und Distanz

Feiern und Zusammensein gehört genauso dazu wie Distanz zu halten und den zeitweisen Rückzug zu genießen. Weihnachten ist nur einmal im Jahr. Man kann sich vorher gemeinsam und in aller Ruhe überlegen, wann man beieinander sein möchte und wann jeder Zeit für sich braucht.  Könnt' ja sein, dass nach einem solchen Gespräch - in dem jeder Lust und Last ausspricht - ein tiefes Aufatmen durch die Runde geht. Und wenn es doch einmal funkt, dann hilft Gelassenheit, Verständnis für sich selbst und für andere. Und die Gewissheit, dass Gott besonders dort ist, wo man ihn nötig braucht, wo es um Klarheit und Wahrheit, um Schuld und Vergebung geht. Nun aber wirklich: Gesegnete, friedliche Weihnachten!

Zur Person

Susanne Breit-Keßler, Bild: © ELKB / Poep

Susanne Breit-Keßler

ist Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern und Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs.


21.12.2017 / Susanne Breit-Keßler