Tag der Schulseelsorge

"So lässt sich's leben!"

Beine einer Schülerin, Schulrucksack

Lernen, essen, ruhen, Hausaufgaben - heute verbringen Schüler*innen viel mehr Zeit an der Schule als früher. Schulseelsorgerinnen und SChulseelsorger schaffen Rückzugsräume und gehen auf die Bedürfnisse der Einzelnen ein.

Bild: Scott Webb/Unsplash

Am 29. Mai begeht das Religionspädagogische Zentrum Heilsbronn (RPZ) den Tag der Schulseelsorge. Warum dieser Dienst an Schülerinnen und Schülern heute notwendig ist, erklärt Pfarrerin Ute Baierlein.

"So lässt sich's leben", ist Motto dieses besonderenTages für staatliche und kirchliche Lehrkräfte. Bei einem Vortrag von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, bei Praxispräsentationen und Workshops zu den unterschiedlichsten Themen ist Raum für neue Impulse und Ideenaustausch. Pfarrerin Ute Baierlein, Referentin für Schulseelsorge im RPZ Heilsbronn, berichtet von den Chancen und Herausforderungen der Schulseelsorge heute.

Was wird am Tag der Schulseelsorge begangen?

Ute Baierlein: Der Tag der Schulseelsorge ist eine große kommunikative Plattform, in der sich Menschen treffen, die bereits in der Schulseelsorge engagiert sind oder die sich gerne in nächster Zeit engagieren wollen oder die sich informieren wollen über den aktuellen Stand der evangelischen Schulseelsorge in Bayern.

Seit wann gibt es die Schulseelsorge?

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Ute Baierlein: Immer schon gibt es Lehrkräfte, die ihre Schülerinnen und Schülern über die pädagogischen Aufgaben hinaus unterstützen in den Anforderungen, die das Leben an sie stellt. Wenn diese Begleitung vor christlichem Horizont geschieht, dann nennen wir sie Seelsorge. Das Referat Schulseelsorge am Religionspädagogischen Zentrum in Heilsbronn gibt es seit 2004. Hier finden die Fortbildungen zur Schulseelsorge und Notfallseelsorge in Schulen (NOSIS) statt. Hier ist das kommunikative Zentrum für Vernetzung und die konzeptionelle Weiterentwicklung des Handlungsfeldes. 2012 haben mein Kollege Thomas Barkowski und ich „NOSIS“ gegründet (Notfallseelsorge in Schulen). Ein bayernweit aufgestelltes Team unter seiner Leitung unterstützt seitdem Schulen in akuten Krisen.

Vor welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten stehen Schülerinnen und Schüler heute?

Ute Baierlein: Schüler*innen verbringen mehr Lebenszeit in der Schule. Sie lernen nicht nur, sondern essen, ruhen, spielen, streiten, machen Hausaufgaben etc. Damit gewinnt die Gestaltung der sozialen Kontakte in der Schule eine größere Bedeutung. Schüler*innen können sich weniger zurückziehen als früher. Für manche stellt das eine große Anforderung oder sogar Überforderung dar. Sie brauchen sichere und ruhige Räume in der Schule.

Das Schulsystem in Bayern ist immer noch stark von Leistung und Selektion geprägt. Schüler*innen stehen unter einem hohen Erfolgsdruck. Kinder und Jugendliche, die diesem Druck nicht standhalten, entwickeln vielfältige psychische Symptome. Diese Beobachtung ist nicht neu. Aber immer noch dauert es oft viel zu lange, bis Kinder und Jugendliche professionelle therapeutische Hilfe bekommen.

Kinder und Jugendliche wachsen in komplexen Familienstrukturen (Patchwork-Familien) auf. Das kann eine Bereicherung und Chance darstellen, aber manchmal sind sie mit den wechselnden Bezugspersonen und Geschwisterkonstellationen überfordert. Manchmal fehlt ihnen einfach die Stabilität im Umfeld.

Konflikte, die früher im direkten Kontakt ausgetragen wurden, werden jetzt in die sozialen Netzwerke verlagert. Dadurch werden viel mehr Menschen einbezogen und die Konflikte entwickeln eine andere Dynamik. Schüler*innen können sich da oft nicht abgrenzen und finden keinen Ausweg aus den Verwirrungen. 

Ein Erlebnis in der Schulseelsorge, das mich besonders bewegt hat

Ute Baierlein: Ich lese in jedem Sommer die Jahresberichte der aktiven Schulseelsorger*innen. Darin erzählen sie beispielhaft über einzelne Kinder und Jugendliche. Da berühren mich vor allem die Geschichten, in denen die Seelsorger*innen viel Zeit und Einfühlungsvermögen brauchen, um ganz langsam Vertrauen aufzubauen.

Für mich selbst ist immer noch ein Ereignis vor fast 10 Jahren besonders bewegend. Wir waren unmittelbar nach dem Amoklauf in Ansbach 2009 im Einsatz. Damals ist ein junger Mann mit Axt und Molotow-Cocktails auf Mitschüler*innen losgegangen. Die Gespräche und Begegnungen mit Jugendlichen, die davon direkt betroffen waren, haben mich sehr bewegt. Das tiefe Erschrecken und Entsetzen vor diesem unerwarteten Gewaltausbruch hat sich sehr eingeprägt.

Zur Person

Dr. Ute Baierlein, Bild: © privat

Pfarrerin Dr. Ute Baierlein

ist Referentin für Schulseelsorge im Religionspädagogischen Zentrum Heilsbronn (RPZ).

Brauchen Schülerinnen und Schüler heute Seelsorge dringender als früher?

Ute Baierlein: Kinder und Jugendliche brauchen Seelsorge heute genauso wie früher. Sie kommen aber kaum noch mit den Kirchengemeinden in Kontakt. Sie erleben christliche Religion fast nur noch in der Schule. Wenn es gut geht, erleben sie die Religionslehrkraft als Vertrauensperson. Dann trauen sie sich etwas davon zu erzählen, was sie auf dem Herzen haben. Wenn uns der christliche Glaube Orientierung und Kraft gibt, dann können wir den Schüler*innen etwas anbieten, was ihnen Halt und Lebensfreude gibt.

Hat jede Schule einen Schulseelsorger/eine Schulseelsorgerin?

Ute Baierlein: Jede Religionslehrkraft hat auch eine seelsorgliche Verantwortung. Einen offiziellen kirchlichen Auftrag zur Schulseelsorge bekommt sie aber nur, wenn sie eine Qualifikation dafür nachweisen kann und sich regelmäßig fortbildet.

Welche Qualifikation hat eine Schulseelsorgerin /ein Schulseelsorger?

Ute Baierlein: Die Qualifikation ist vor einigen Jahren zwischen allen Landeskirchen Deutschlands abgestimmt worden. Schulseelsorger*innen müssen eine umfangreiche Weiterbildung nachweisen, in der sie sich selbst als Person gut kennenlernen, seelsorgliche Gesprächsführung üben, die Begleitung in akuten Krisen erlernen und die Grenzen der eigenen Möglichkeiten gut reflektieren. Schulseelsorger*innen müssen das ganze Netzwerk an Unterstützungsmöglichkeiten gut kennen und genau wissen, wann sie als Seelsorger*innen hilfreich sein können und wann ein Kind oder ein Jugendlicher psychologische oder sozialpädagogische Unterstützung braucht.

Was sind zentrale Themen der Schulseelsorge heute?

Ute Baierlein: Schulseelsorge ist immer noch ein „junges“ Handlungsfeld innerhalb der ELKB. In unserer Kirche wird gerade intensiv über die zukünftigen Strukturen nachgedacht. Es ist deutlich, dass wir als Kirche zu den Menschen hingehen wollen und müssen, wenn wir gesellschaftliche Relevanz haben wollen. In diesem Sinn ist die Schulseelsorge absolut zeitgemäß. Wir hoffen, dass das Arbeitsfeld sich in gleichem Maße weiterentwickeln kann und Unterstützung erhält, wie in den vergangenen zehn Jahren.


27.05.2019 / ELKB