Das evangelische Sonntagsblatt

"Kritisch-loyales Gegenüber zur Kirche"

Heinrich Bedford-Strohm gratuliert der bayerischen evangelischen Wochenzeitung zum 75. Geburtstag.

Am 6. November vor 75 Jahren ist das bayerische "Sonntagsblatt" aus München erstmals erschienen. Die Zeitung hat sich in der Zeit ihres Bestehens immer wieder neu erfunden.

In der aktuellen Jubiläumsausgabe würdigen unter anderem Ministerpräsident Söder und Landesbischof Bedford-Strohm die evangelische Wochenzeitung. Vier Seiten umfasste die Erstausgabe des bayerischen Sonntagsblatts vom 6. November 1945. Mit der Lizenz Nr. 7 der amerikanischen Militärregierung startete die Evangelische Wochenzeitung für Bayern in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Was der damalige Landesbischof Hans Meiser in seinem Editorial schrieb, macht die Not, aber auch die Chancen der unmittelbaren Nachkriegszeit deutlich: "Ich kann mir denken, dass viele Hände begierig nach dem neuen Blatt greifen werden; denn die geistliche Aushungerung unseres Volkes hat lange genug gewährt. Es ist die Zeit, dass nach so vielem Bombast leerer Worte die Seele wieder die Nahrung erhält, die ihr gebührt."

Die eng bedruckten Seiten waren gefüllt mit Bibelauslegungen und Kirchennachrichten; ein Aufruf fürs Evangelische Hilfswerk und ein Fürbittgebet für vermisste Soldaten zeugen von der notvollen Nachkriegszeit. Der Bericht vom Jahresfest der Gesellschaft für Innere und Äußere Mission München ist das einzige journalistische Stück.

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Seither sind über 3.900 Ausgaben erschienen. Mitarbeiter der ersten Stunde waren etwa Gerhard Hildmann, später langjähriger Leiter der Evangelischen Akademie Tutzing, der Schriftsteller Rudolf Alexander Schröder und der junge Vikar Robert Geisendörfer, später langjähriger Direktor des Evangelischen Presseverbands.

Für die evangelische Publizistik in Bayern markierte die Herausgabe des Sonntagsblatts einen Neubeginn. 1941 mussten die bis dahin zahlreich vorhandenen Gemeinde- und Sonntagsblätter in Bayern auf Verordnung der Reichspressekammer ihr Erscheinen einstellen. "Menschen und Material" wurden "für andere kriegswichtige Zwecke" gebraucht, hieß es. Bis dahin hatten die Blätter zwischen kirchlichem Widerstand und Treue zum NS-Staat laviert. Nach Georg Elsers gescheitertem Bürgerbräu-Attentat auf Adolf Hitler schrieb das Münchner Gemeindeblatt im November 1939: "Der ruchlose Anschlag?(...) ist misslungen. Gottes Hand hat gnädig eingegriffen."

Die Herausgabe des Sonntagsblatts durch die bayerische Landeskirche war ein Novum. Bis 1941 erschienen zahlreiche Gemeindeblätter in bayerischen Dekanaten, in einem Privatverlag das Rothenburger Sonntagsblatt. Die Landeskirche besorgte also bei der amerikanischen Militärregierung die Lizenz, delegierte den Auftrag zur Herausgabe jedoch sofort an den Evangelischen Presseverband für Bayern (EPV). Dieser wichtige Schritt garantierte zwar nicht absolute journalistische Unabhängigkeit, aber mindestens eine räumliche und personelle Distanz zum Landeskirchenamt. Verlegerisch war die Neugründung ein Coup: Die ab 1949 mit Generallizenz erscheinenden Gemeindeblätter wurden nach und nach in das bayerische Sonntagsblatt integriert.

Im Laufe der Zeit hat sich das Sonntagsblatt zum Wochenmagazin weiterentwickelt. Menschen mit Glaubens- und Lebensgeschichten prägen das Profil. In der Reihe "Kreative Gemeinde" reportieren die Mitarbeiter von der Kirchenbasis, unter "Basiswissen Christentum" werden Grundlagen des christlichen Glaubens vermittelt. Herausgeber Roland Gertz bedankt sich in der Jubiläumsausgabe bei den Leserinnen und Lesern, die das Sonntagsblatt begleiten - zu ihnen gehört auch der bayerische Ministerpräsident und frühere Landessynodale Markus Söder (CSU). Er sieht im Sonntagsblatt "eine wichtige Orientierungshilfe und ein Debattenforum" über das Geschehen in der Landeskirche. "Hier verbinden sich christliche Standpunkte mit anspruchsvollem Journalismus", schreibt Söder.

Die bayerische Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel gratuliert "einer gepflegten älteren Dame", die noch immer mitten im Leben steht und so interessant zu erzählen weiß, dass man ihr jede Woche gerne zuhört". Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm betont, die christliche Publizistik brauche Unabhängigkeit von kirchenamtlichen Weisungen, um professionelle Qualität zu liefern: "Genau darin kann sie dann auch ein kritisch-loyales Gegenüber zur Kirche selbst sein." Michael Bammessel, Präsident des Diakonischen Werks Bayern, sieht im Sonntagsblatt "für alle, die kirchlich oder diakonisch engagiert sind, eine Informationsquelle, die es nirgendwo sonst gibt".

Volker Heißmann, Komödiant und Schauspieler aus Fürth, schätzt am Sonntagsblatt, dass "gesellschaftlich relevante Themen wie Wirtschafts- und Familienpolitik, Politik oder Kultur stets auch aus einem Blickwinkel betrachtet werde, der unsere christlich-abendländische Prägung zur Grundlage hat". Heißmann, der sich als "Stammleser" outet, ist sicher "dass der schon eingeleitete Wandel vom traditionsreichen Wochentitel zu einem modernen Medium mit einem umfangreichen Digitalangebot gut gelingt".


10.11.2020 / Helmut Frank,Chefredakteur des "Sonntagsblatts - Evangelische Wochenzeitung für Bayern"/epd