EKD Fürbitte für verfolgte Christen Syrien Titelbild Materialheft

Die armenische Christin Kausar Muslim Muslim (67) steht im Februar 2018 in einer Ruine in Ar-Raqqa (Syrien), die ihr Zuhause war.

Bild: epd-Bild / Backhaus

Syrien

„Das Syrien, das wir einmal kannten, ist verloren gegangen“

Für bedränge und verfolgte Christinnen und Christen wird in den Kirchengemeinden am Sonntag "Reminiszere", den 8. März 2020, gebetet. Die Fürbitte gilt in diesem Jahr den Menschen in Syrien.

Seit dem Jahr 2011 haben Krieg, Gewalt und Terror den Alltag und das bisherige Leben der Bevölkerung in Syrien zerstört. Die Hoffnung auf Demokratie und Freiheit wurde in kurzer Zeit buchstäblich zerschlagen und das Ausmaß des Leidens, das mit dem einsetzenden Krieg folgte, ist unvorstellbar groß. Oberkirchenrätin Sabine Dreßler, Leiterin des Referats für Menschenrechte, Migration und Integration bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat Gabriele Hamzé-Conrad über Syrien befragt. Sie lebt seit 1981 in Syrien. Ihre Arbeit im Sekretariat des Deutschen Archäologischen Instituts über den Zeitraum von zwanzig Jahren beschreibt sie als eine ungeheure Bereicherung und enormen Kenntnisgewinn über das Land Syrien. Und will auch jetzt das Land nicht verlassen.

Dreßler: Frau Hamzé-Conrad, Syrien ist seit beinahe vier Jahrzehnten Ihr Zuhause. Nun herrscht seit acht Jahren Krieg – was ist Ihre Hoffnung für das Land?

Gabriele Hamzé-Conrad: In den Anfängen des Krieges gab es noch Hoffnung, dass es sich wieder beruhigen würde und die Normalität wiederhergestellt werden könnte. Das hat sich leider zerschlagen. Inzwischen herrscht bei vielen Menschen Apathie und Verzweiflung. Tristesse macht sich breit. Und doch ist noch ein kleiner Schimmer von Hoffnung vorhanden, und wir versuchen, dessen schon fast versiegende Glut am Leben zu erhalten.

Das Syrien, das wir einmal kannten, ist verloren gegangen und wird es so nicht mehr geben. Die Verletzung der syrischen Seele ist, neben den materiellen Schäden, zu groß.

Gabriele Hamzé-Conrad im Gespräch mit Sabine Dreßler

Noch die geringste Hoffnung gibt unserem Dasein in diesem geschundenen Land die Kraft, zu überleben. Das berühmte Luther-Wort: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, ich würde heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“ ist für uns zu einer Quelle permanenter Hoffnung und Inspiration geworden – auf eine vage Zukunft, in der die Minderheit der Christen anderen Glaubensgemeinschaften gegenüber in keiner Weise benachteiligt sein wird.

Syrien besteht ja aus vielen gut mit einander lebenden Ethnien und religiösen Minderheiten. Es ist mit keinem seiner arabischen Nachbarländer vergleichbar. Noch sind die christlichen Feste wie Ostern und Weihnachten gesetzlich geschützte Feiertage. Und in Soueida, wo wir leben, gibt es nach wie vor eine Wein- und Arakfabrik, und das deutet ja eher auf ein säkulares System hin.

Irrtümlich wird angenommen, man hätte ausschließlich und in besonderer Weise die Christen verfolgt. Das größte Ausmaß der Verfolgung haben jedoch die Muslime erlitten, in ihrer Mehrheit Sunniten. Es stimmt: es wurden viele Kirchen zerstört, ins Verhältnis gesetzt aber hat es sehr viel mehr Moscheen getroffen. Alle Ethnien und religiösen Minderheiten wurden wahllos verfolgt und haben großes Leid erfahren. Aus meiner Erfahrung im Süden halten aber gerade die Christen, trotz der allgegenwärtigen und verhassten Geheimdienste am Regime fest, in der Überzeugung, mit diesem Regime zu überleben. Sie wissen sich durch die Regierungsmacht nach altbewährter Tradition geschützt.

In Soueida bilden die Drusen die Mehrheit und lebten in bester Koexistenz mit den Christen. Ihr Verhalten dem Regime gegenüber ähnelt dem der Christen. Das Regime hat hier noch immer seine Anhänger und sicher keine radikal-fanatischen Gegner.

Meine persönliche Einschätzung hinsichtlich der nächsten Jahre ist ambivalent. Es war schon in
den letzten Jahren für Laien unmöglich, ernstzunehmende Analysen über die kritische Lage zu erstellen.
Genauso unmöglich ist es heute, glaubwürdige Prognosen abzugeben. Aber die Menschen
fühlen sich vom Westen allein gelassen, verraten und gedemütigt.

Dreßler: Sie und Ihre Familie sind massiv vom Krieg und seinen Folgen betroffen. Was bedeutet das für Sie heute?

Gabriele Hamzé-Conrad: Durch einen bewaffneten Überfall der Nusrafront – sie hat sich inzwischen umbenannt – hat der Krieg auch uns großen Schaden zugefügt.

Gabriele Hamzé-Conrad,

ursprünglich aus München, hat in den 1970er Jahren zunächst im Sozialreferat der Stadt gearbeitet. Ihr Ehemann, Syrer und Druse, studierte in München Ingenieurwesen. Nach einigen Jahren Aufenthalt in Algerien leben sie seit 1981 in Syrien. Ihre Arbeit im Sekretariat des Deutschen Archäologischen Instituts über den Zeitraum von zwanzig Jahren beschreibt sie als eine ungeheure Bereicherung und enormen Kenntnisgewinn über das Land Syrien. Und will auch jetzt das Land nicht verlassen.

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Unser mit viel Liebe und Kraft nach ökologischen Maßstäben erbautes Haus samt der 20 Hektar großen Plantage wurde zerstört, die Bäume wurden später abgeholzt und vermutlich als Brennholz verscherbelt. Mein Mann wurde entführt, konnte sich jedoch selbst noch befreien. Nachdem wir über vierzig Flüchtlinge aus dem Hauran, wo alles seinen unseligen Anfang nahm, über Wochen beherbergt hatten, wurden wir dann vertrieben.

Heute wohnen wir zur Miete in der nahen Kreisstadt Soueida. Unser Lebensunterhalt ist allerdings nicht unmittelbar bedroht, da wir immer noch in dieses Landwirtschaftsprojekt mit ca. 10 000 Bäumen – Oliven, Pistazien, Mandeln – investiert haben und auch die Arbeiter und den Wächter bezahlen konnten. Was uns schmerzt, ist nicht der materielle Verlust, vielmehr, dass es unser gastfreies Haus nicht mehr gibt. Hier sind auch die Gemeindemitglieder der deutschen evangelischen Kirche aus Beirut mit den „Damaszenern“ und ihrem Pastor zusammengekommen. Von hier aus sind wir zum Gottesdienst in die evangelische Kirche im Nachbardorf Kharaba gegangen. 1983 hat der seinerzeit sehr beliebte Pfarrer Eisenberg mit einem bewegenden
Segensspruch unser Haus eingeweiht.

Dieses ganz besondere Ambiente ging verloren. Das häufige, fröhliche und unbeschwerte Zusammensein mit Freunden und Bekannten, dieses Leben in freier Natur, all das gibt nicht mehr. Doch in Anbetracht der gewaltigen Not, der Massaker, der Toten und Kriegsverletzten überall im Land lautet unsere Devise: „Es gibt Schlimmeres.“ Und das hat uns letztlich zum Bleiben ermutigt, trotz dringender Empfehlung der deutschen Botschaft, das Land zu verlassen. Hier können wir aktive Hilfe leisten, dank großer Unterstützung deutscher
Freunde. Es heißt doch immer, man solle den Menschen im Land helfen, damit sie nicht zur Flucht gezwungen sind. Trotz dieses Hinweises aus Deutschland haben wir jedoch noch keine konkreten Maßnahmen in dieser Richtung feststellen können.

Eindrucksvolle Bilder von Lutz Jäkel finden sich im Bildband „Syrien – Ein Land ohne Krieg“ von Lutz Jäkel und Lamya Kaddor.

Bild: Lutz Jäkel / Piper Verlag

Ausschnitt aus Titelbild des Bildbandes Syrien - Ein Land ohne Krieg im Piper Verlag

Dreßler: Sie haben inzwischen eine Zufluchtsstätte für Flüchtlingskinder geschaffen. Wie können wir uns diesen Ort und die Arbeit mit den Kindern vorstellen?

Gabriele Hamzé-Conrad: Wir hörten davon, dass aus dem Norden stammende Flüchtlingskinder, kriegsbedingt analphabetisch geblieben, in unserer Nähe mit ihren Familien in schäbigen, unterversorgten Zelten hausen. Viele Jahre vor dem Krieg hatten wir im Dorf Era aus eigenen Mitteln ein großes Klubhaus nach ökologischen Vorgaben aus Basaltstein gebaut. Ehrenamtliche Mitarbeiter haben dort Kinder und Jugendliche für den Schutz der Umwelt begeistern können. Diese Arbeit musste infolge der Konflikte eingestellt werden. Und so standen jetzt die großen Räume für Unterricht und Betreuung der Flüchtlingskinder zur Verfügung, u.a. ein Saal von 160 Quadratmetern. Unser Projekt heißt: „Auf, lasst uns spielen, lasst uns lernen“ und wir konnten dafür
junge, kompetente und liebevolle Lehrerinnen und weiteres Hilfspersonal gewinnen.

An drei Vormittagen in der Woche kommen bis zu hundert Kinder. Sie erhalten ein Frühstück und werden schulisch und sozial betreut. Leider kommen sie unregelmäßig, weil sie durch Arbeiten in den Gemüsefeldern, auch wenn das gesetzlich verboten ist, zum Unterhalt der Familien beitragen müssen. Trotzdem haben wir bisher viel erreicht: z.B. große Fortschritte in der Hygiene oder dass viele Kinder heute lesen und schreiben können. Über den Second-Hand-Handel, und gelegentlich auch von Einheimischen, werden sie regelmäßig mit Kleidung und Schuhwerk versorgt. Das Spielen ist absolut wichtig und Kinder, die anfangs traumatisiert und gestört waren, haben ihre Apathie und Traurigkeit verloren und können heute wieder von Herzen lachen und fröhlich sein.

Dreßler: Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche, in der Sie ja auch selbst aktiv sind, in Syrien?

Gabriele Hamzé-Conrad: Der Pastor der deutschen evangelischen Gemeinde in Beirut, der noch vor dem Krieg einmal monatlich die Damaszener Mitglieder, ca. 25 Personen, betreute, musste krisenbedingt die Besuche nach Damaskus einstellen. Die Gottesdienste waren ökumenisch ausgerichtet, selbst Nichtchristen kamen und die Worte des Pastors berührten alle.

Dieses Projekt wird seit Jahren durch den Verein Orienthelfer e. V. in München unterstützt und ebenso durch großzügige Spenden aus Deutschland. Aber Hilfe kommt auch von Menschen aus Syrien, und das, obwohl sie selbst nicht viel haben. So können wir auch an anderen Stellen Hilfe leisten, z.B. durch Patenschaften für kriegsbedingt verarmte Studenten, in der medizinischen Versorgung und durch Unterstützung von Flüchtlingsfamilien.

Reminiszere

Am zweiten Sonntag in der Passionszeit, Reminiscere, erinnert die Evangelische Kirche an die Christinnen und Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Ein Großteil aller wegen ihres Glaubens verfolgten Menschen bekennt sich zum christlichen Glauben. Das christliche Hilfswerk Open Doors schätzt, dass weltweit etwa 100 Millionen Christen wegen ihres Glaubens verfolgt und diskriminiert werden.

Seit dem Jahr 2010 ruft die Evangelisch-Lutherische Kirche in Deutschland (EKD) am Sonntag Reminiszere Kirchen und Gemeinden auf, in Gottesdiensten und Gebeten in besonderer Weise auf die Leidenserfahrungen von Christen in anderen Ländern aufmerksam zu machen und Anteil zu nehmen. Der Sonntag Reminiszere verdankt seinen Namen dem sechsten Vers des Psalms 25: „Gedenke (lateinisch: Reminiscere), Herr, an deine Barmherzigkeit“.

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Der neue Pfarrer möchte im Herbst wieder einen Versuch starten und nach Damaskus kommen, um die wenigen versprengten Schäfchen aufzusuchen. Das wäre eine ungeheure Aufwertung kirchlicher Arbeit und Seelsorge und eine große Ermutigung für die Menschen, die jene Gemeinschaft aus alten Tagen in dieser doch so einmaligen, historischen Stadt so schätzten. Und es wäre ein positives Zeichen hin zu einer friedlichen Zukunft, in der die Christen, einheimische wie fremde, auch weiterhin ihren absolut akzeptierten Platz hätten.

Dreßler: Unser Syrien-Bild ist bestimmt von Krieg, Zerstörung, unendlichem Leid und Ausweglosigkeit. Gibt es zurzeit überhaupt die Möglichkeit des differenzierteren Blicks von außen?

Gabriele Hamzé-Conrad: Die Berichterstattung der europäischen Medien als Quelle der Information ist häufig unklar und dürftig. Dementsprechend ist auch das Bild der Menschen über die politischen Ereignisse entsprechend unpräzise. Ich würde sagen, dass man Aussagen zur Krise nur von dort aus machen kann, wo man sich gerade befindet. So können wir etwas über die Lage in Soueida im Süden des Landes sagen, vielleicht noch über die Umgebung.

Und über Damaskus, das wir öfter besuchen. Damaskus, obwohl militärisch massiv abgesichert, ist in den Randgebieten durch die Kämpfe in unmittelbarer Nähe ebenfalls teilweise zerstört worden. Und das Umfeld von Damaskus, das wissen wir aus gesicherter Quelle, ist z.T. dem Erdboden gleichgemacht worden, die Menschen wurden vertrieben und sind in unsere Region im Süden geflohen. Hier konnten immerhin einige Wohnraum mieten oder kommen in Zelten unter. Die Einwohnerzahl hat sich damit verdoppelt, die Schulen sind überfüllt.
Aber Soueida und die Umgebung mussten, wie alle Gebiete des Landes, den großen Mangel an Strom, Heizöl, Gas und Benzin hinnehmen, zusätzlich zu den Raketenattacken aus Israel, Autobomben, Entführungen und Raubüberfällen durch marodierende Banden. Im Sommer 2018 wurden in der Nähe der Stadt über 300 Menschen Opfer eines bestialischen Massakers des sog. Islamischen Staates (IS).

Noch sind die Märkte relativ gut versorgt, für diejenigen, die es sich bei der galoppierenden Inflation leisten können. Aber viele Hauptversorger der Familien und die Söhne sind im Krieg getötet worden. Da ist es ein großes Glück für manche, aus dem Ausland von Verwandten unterstützt zu werden. Auch hier ist die Lage unklar. Das Land wird durch die Interessensverquickung diverser politischer ausländischer Mächte von permanenten Konflikten heimgesucht. Ich fürchte, es treibt einer unseligen und ungewissen Zukunft entgegen. Das Syrien, das wir einmal kannten, ist verloren gegangen und wird es so nicht mehr geben. Die Verletzung der syrischen Seele ist, neben den materiellen Schäden, zu groß.

Dreßler: Haben Sie eine Botschaft für die Christen in Deutschland?

Gabriele Hamzé-Conrad: Schon lange vor dem Krieg haben viele Christen Syrien verlassen. Sie träumten von einer besseren wirtschaftlichen Zukunft, häufig in Schweden. Die Christen aber, die trotz bitterer Erfahrung im Krieg geblieben sind, fühlten und fühlen sich noch heute dem Land verpflichtet. Sie sind ihrer Tradition und ihren Werten verbunden und wissen um die historische Bedeutung des Christentums in Syrien. Der Apostel Paulus hat ja das Evangelium von hier aus in die Welt getragen. Die Christen wissen sich akzeptiert, geschätzt und vom Islam in ihrer Existenz anerkannt.

Und was immer über den Präsidenten zu sagen ist: Er wird diesen Christen traditionsgemäß weiterhin Schutz angedeihen lassen, so wie allen anderen Minderheiten auch. Es wird im Volk weithin angenommen, nicht er habe das Sagen, sondern vielmehr die omnipräsenten, rücksichtslos-brutalen Geheimdienste, die zu ihrem eigenen Machterhalt den Präsidenten als Marionette missbrauchen. Aber ich meine, die Glaubensgeschwister im Ausland sollten die syrischen Christen zum Bleiben und Ausharren ermutigen. „Jeder Gebildete hat zwei Heimatländer, das seinige und Syrien, denn Syrien ist das Spektakel der Weltgeschichte“ (Peter Bamm), und daran haben die Christen einen nicht unerheblichen Anteil. Ohne Christen würde diesem Land ein wesentliches kulturell-religiöses Element fehlen, es wäre um einiges ärmer.

Und was mich persönlich betrifft: Als ich mit meinem Mann 1981 nach Syrien kam, haben mich seine Familie und die Menschen in Syrien herzlich aufgenommen. Seine Familie ist meine Familie geworden, seine Verwandten sind meine Verwandten, seine Freunde meine Freunde. Hier habe ich Wurzeln geschlagen – wie könnte ich dieses Land je verlassen, zumal in seiner jetzigen dramatischen Situation?


Das Gespräch führte Oberkirchenrätin Sabine Dreßler, Referentin für Menschenrechte, Migration und Integration Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).

02.03.2020
Dreßler (EKD)/ELKB