Livia Gerster (Frankfurter Allgemeine Zeitung) moderierte den Abend mit Eva Illouz und Landesbischof Christian Kopp

Livia Gerster (Frankfurter Allgemeine Zeitung) moderierte den Abend mit Eva Illouz und Landesbischof Christian Kopp.

Bild: MCK

Jahresempfang 2026 der ELKB

Leben in einer gefühlsstarken Zeit

Wie prägen Gefühle unsere Gegenwart – und welche Rolle spielen sie für Demokratie und das gesellschaftliche Miteinander? Diese Fragen standen im Mittelpunkt im Schloss Tutzing beim Jahresempfang der ELKB.

Zahlreiche Gäste aus Kirchen, Politik und Gesellschaft haben am Dienstagabend am Jahresempfang der bayerischen evangelischen Landeskirche teilgenommen. Die Festrede hielt die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz, die die Entwicklung von demokratischen Versprechen hin zu enttäuschten Bürgern und populistischen Bewegungen nachzeichnete. Die westlichen Demokratien beruhten auf der Hoffnung - ausgehend vom „Amerikanischen Traum“ -, dass alle Menschen die gleiche Würde und die gleichen Chancen hätten, sagte Illouz, die als Professorin in Jerusalem, Paris und Friedrichshafen tätig ist.

„Doch wenn wir eines ganz sicher wissen: Die große Mehrheit menschlicher Hoffnungen und Träume erfüllt sich nicht.“ Meistens liege das auch nicht an den Menschen selbst, sondern an den Umständen. Vor allem mit Blick auf die USA und den teuren Elite-Universitäten - der sogenannten Ivy League - sagte Illouz, dass die in Leistungsgesellschaften lange als Türöffner geltende „Bildung“ nur noch für eine privilegierte Minderheit funktioniere. Die Einkommensunterschiede zwischen Absolventen von Elite-Unis und „normalen“ Universitäten seien enorm. Die Mittelschicht fühle sich daher abgehängt und permanent enttäuscht.

Jahresempfang 2026 der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zur Rolle von Emotionen in Gesellschaft und Politik

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Die Annahme, dass soziale Positionen durch Leistung erreicht würden, werde durch reale Ungleichheiten ständig widerlegt. Diese Entwicklung führe zu Wut bei den Menschen und zu dem Wunsch, Institutionen, Parteien, Politiker oder „das System“ zu verändern, sagte Illouz. Die Wut und der „Durst nach Gleichheit“ trieben die Wählerinnen und Wähler in die Arme von populistischen Parteien. Der Jahresempfang der Landeskirche in der Evangelischen Akademie Tutzing stand unter dem Motto „Explosive Moderne. Leben in einer gefühlsstarken Zeit“.

Wissenschaftsminister Markus Blume sagte in Vertretung von Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU), sagte dass das einstige Aufstiegsversprechen in einer Leistungsgesellschaft nicht mehr so funktioniere wie früher. Viele Menschen fühlten sich außerdem von Freiheit und einer immer komplexer werdenden Welt überfordert. Feinde der freien Gesellschaft böten einfache Antworten, sie stünden damit aber auf der falschen Seite der Geschichte. Denn einfache Lösungen seien meist nicht die richtigen, warnte Blume.

Der bayerische Landesbischof Christian Kopp sagte in seiner Begrüßung, dass Eva Illouz zeigte, was viele Menschen gegenwärtig spürten: „Dass Gefühle nie ganz privat sind. Hoffnung, Enttäuschung, Angst oder Scham entstehen nicht einfach nur in uns selbst. Sie haben auch mit gesellschaftlichen Erwartungen zu tun. Mit Bildern vom gelungenen Leben. Mit dem Druck aus sich selbst etwas machen zu müssen.“ Viele Menschen hätten das Gefühl, ständig etwas beweisen zu müssen - dass sie gute Eltern seien, attraktive Partner, psychisch stabil, anständig und erfolgreich, möglichst sehr entspannt und gut drauf.

Diese Erwartungen seien explosiv und machten vieles anstrengend, sagte Kopp weiter. „Wir leben in einer Zeit, in der Gefühle oft den Ton angeben – im persönlichen Leben und in der Politik. Umso wichtiger sind Räume, in denen wir einander zuhören und Konflikte aushalten." Die christliche Rechtfertigungslehre hingegen sagte ganz schlicht: „Du bist auch nur ein Mensch. Und als Mensch hast du deine Würde, bevor du etwas leisten musst. Das heißt nicht: Alles ist egal. Sondern: Du musst nicht perfekt sein, um Verantwortung zu übernehmen.“ Christinnen und Christen seien nicht überrascht vom Scheitern, von Brüchen und Konflikten. „Deshalb weiß ich, dass ich an allem arbeiten muss und kann. An Beziehungen, an Vertrauen, an unserer Demokratie, an unserer Kirche und an mir selbst. Das ist meistens am anstrengendsten“, sagte Kopp.

 

18.05.2026
epd/ELKB