Pressemitteilung vopm 13.05.2026

Warum Menschen mit ihren Gefühlen allein bleiben

Eva Illouz analysiert beim Jahresempfang der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern die emotionale Überforderung der Gegenwart

Unter dem Titel „Explosive Moderne – Leben in einer gefühlsstarken Zeit“ lud die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) am Dienstagabend zu ihrem Jahresempfang nach Schloss Tutzing ein. Im Mittelpunkt stand der Vortrag und das Gespräch mit der in Paris lebenden Soziologin und Autorin Eva Illouz. Illouz beschrieb moderne Gesellschaften als emotionale Ordnungen, die Gefühle wie Hoffnung, Enttäuschung, Scham oder Angst hervorbringen. Zugleich werden diese aber immer wieder zur Privatsache erklärt.

Illouz widersprach damit der verbreiteten Vorstellung, Gefühle seien individuelle Befindlichkeiten. Moderne Gesellschaften erzeugen enorme Erwartungen an Selbstverwirklichung, Erfolg und persönliche Freiheit. Wo diese Erwartungen scheitern, entsteht Enttäuschung, Überforderung und Wut. „Gefühle sind nicht nur privat“, sagt Illouz. „Sie entstehen in gesellschaftlichen Verhältnissen.“
Die Soziologin analysierte die Kultur des permanenten Vergleichs. Nicht absolute Ungleichheit erzeuge die stärksten Kränkungen, sondern die dauernde Sichtbarkeit anderer Lebensentwürfe, Erfolge und Möglichkeiten. Moderne Gesellschaften versprächen Freiheit und Aufstieg, machten Menschen zugleich aber ständig vergleichbar. Hoffnung werde dabei zunehmend ökonomisch verwertet – in Arbeitswelt, Konsumkultur und digitalen Sphären. Aus überhöhten Erwartungen entstehe ein „bitterer Optimismus“, der Menschen dauerhaft antreibe und zugleich erschöpfe.

Kopp: Die Würde eines Menschen hängt nicht von Erfolg oder Leistung ab
Landesbischof Christian Kopp griff diese Diagnose in seiner Eröffnung auf. Viele Menschen hätten heute das Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen – beruflich, gesellschaftlich und persönlich. Der christliche Glaube widerspreche einer Kultur permanenter Selbstoptimierung. Er erinnere daran, dass die Würde eines Menschen dem Erfolg vorausgehe. „Du musst nicht perfekt sein, um Verantwortung zu übernehmen“, sagte Kopp. Christlicher Glaube rechne mit Brüchen, Konflikten und Scheitern – auch in Institutionen und Kirchen.
Zugleich betonte Kopp, religiöse Traditionen könnten Gefühlen eine Sprache geben. Angst, Scham, Hoffnung und Trauer müssten nicht verdrängt werden, sondern könnten ausgesprochen werden. Gerade darin liege eine besondere Freiheit: Verantwortung zu übernehmen, ohne ständig dem Anspruch zu folgen, allem und allen gerecht werden zu müssen.

Illouz: Soziale Ungleichheit wird in Demokratien sogar moralisch legitimiert

Im Gespräch mit der Journalistin Livia Gerster (Frankfurter Allgemeine Zeitung) beschrieb Illouz Hoffnung als Grundgefühl der Moderne – auch mit religiösen Wurzeln. Moderne Gesellschaften lebten von der Vorstellung, dass Menschen ihr Leben verbessern könnten. Zugleich werde Hoffnung politisch und wirtschaftlich instrumentalisiert. Die Folge sei eine Gesellschaft, die Menschen fortwährend Erwartungen aussetze, ohne Sicherheit oder Erfüllung garantieren zu können.

Blume: Offene Gesellschaft braucht Vertrauen und Orientierung
Der Bayerische Staatsminister Markus Blume griff in seinem Grußwort zentrale Gedanken des Abends auf. In einer „explosiven Moderne“ erlebten viele Menschen einerseits so viele Freiheits- und Wohlstandsmöglichkeiten wie nie zuvor, zugleich aber auch Überforderung, Unsicherheit und den Verlust klassischer Aufstiegsversprechen. Gerade deshalb brauche es neue Formen gesellschaftlicher Teilhabe und Vertrauen in demokratische Institutionen. Blume warnte zudem vor digitalen Echokammern und einer zunehmenden Zersplitterung des öffentlichen Raums. Entscheidend seien echte Begegnung, gute Kommunikation und das gemeinsame Ringen um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die offene Gesellschaft, die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft blieben dafür unverzichtbare Grundlagen.
„Eine freie Gesellschaft lebt nicht von Empörung und Zuspitzung, sondern von Vertrauen, Orientierung und der Fähigkeit, Spannungen auszuhalten. Vieles scheint heute gleichzeitig zu explodieren: unsere technischen Möglichkeiten, die gesellschaftliche Komplexität und die Kraft von Emotionen im öffentlichen Raum. Wer Freiheit und Offenheit zurückbauen will, gibt keine Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit. Gerade in Zeiten algorithmischer Echokammern brauchen wir Orte echter Kommunikation und des offenen Dialogs. Mit ihrem Jahresempfang in der Akademie Tutzing setzt die ELKB dafür ein starkes Zeichen“, sagte Blume.

Der Jahresempfang der ELKB fragte damit nach den emotionalen Bedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Deutlich wurde: Demokratien geraten nicht nur durch Krisen und Konflikte unter Druck, sondern auch durch Gefühle von Überforderung, Enttäuschung und sozialer Erschöpfung.

13.05.2026
München, Christine Büttner, Pressesprecherin

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