Museum Kirche in Franken

Protestantismus von der Reformation bis heute

Die Spitalkirche zum Heiligen Geist, Blick auf den Altar.

Das Museum Kirche in Franken hat seinen Platz in der aus dem Spätmittelalter stammenden Spitalkirche gefunden, die für den Gottesdienst nicht mehr gebraucht wurde.

Bild: Schorn/Museum Kirche in Franken

Das Museum Kirche in Franken ist das erste Kirchenmuseum im Bereich der bayerischen Landeskirche. Es gibt Einblick in die Geschichte, Traditionen und Formen des fränkischen Protestantismus.

Der Hotelier Simon Krafft ließ sich seinen Sitzplatz in der Kirchenbank einiges kosten: Laut Quittung aus dem Jahr 1903 zahlte er drei Mark und 45 Pfennige für einen Platz, hinzu kamen 50 Pfennig "Zuschreibgebühr". Der Beleg des königlich protestantischen Stadtpfarramtes von Windsheim ist im Museum "Kirche in Franken" zu bestaunen.

Bis ins 20. Jahrhundert war es üblich, den eigenen Kirchenstuhl zu kaufen und mit einem Schild aus Metall oder Porzellan zu markieren. Die Sitzordnung spiegelte die soziale Struktur der Gläubigen wider. Heute erinnern Stuhlschilder die Besucher daran, wie sich Sitten und Gebräuche des kirchlichen Lebens geändert haben.

Museen, die sich ausschließlich der evangelischen Kirchengeschichte widmen, gibt es in Deutschland nur wenige. Das Museum „Kirche in Franken“ in Bad Windsheim besteht seit 2006 – und zwar in einer historischen Kirche. Die Spitalkirche "Zum Heiligen Geist" wurde 1416 bis 1421 errichtet. Sie ist Teil des Fränkischen Freilandmuseums des Bezirks Mittelfranken in Bad Windsheim.

Der Kirchenbau selbst ist das wichtigste Exponat: Die originale Kirchenausstattung wurde restauriert; dazu gehören auch Kochtöpfe und Kannen aus dem Alltag des mittelalterlichen Spitals, das sich früher an das Gebäude anschloss. Um die historische Architektur nicht unnötig zu stören, arbeitet das Museum nur mit wenigen Vitrinen und Schautafeln.

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Die Ausstellung beginnt im Erdgeschoss mit der Geschichte des Kirchenbaus und Themen rund um die vorreformatorische Frömmigkeit. Im Altarraum kann das alte "Heilig-Geist-Loch" bewundert werden, durch das an Pfingsten eine Taube als Symbol des Heiligen Geistes herabgelassen wurde. Auch die Statue eines Palmesel-Christus blieb erhalten. Diese lebensgroße Darstellung des reitenden Christus wurde an Palmsonntag, also eine Woche vor Ostern, bei feierlichen Prozessionen durch die Ortschaften gezogen. Sie sollte an die biblische Geschichte des Einzugs Christi nach Jerusalem erinnern.

Die Reformation und ihre Folgen thematisiert ein monumentales Gemälde im Erdgeschoss. Gewaltige 2,78 Meter in der Breite und 1,60 Meter in der Höhe misst das 1601 in Nürnberg entstandene "Konfessionsbild". Das Ölbild von Andreas Herneisen zeigt die Übergabe der Confessio Augustana auf dem Reichstag zu Augsburg im Jahr 1530. Im Bildhintergrund sind die wichtigsten Elemente der protestantischen Lehre zu erkennen – Abendmahl und Taufe, Kirchenmusik und Lehre. Um den rechten Glaubensweg zu verdeutlichen, bedient sich der Maler drastischer Bildelemente: In der linken oberen Ecke werden zwei Soldaten mit Hellebarden und Hunden aus der Kirche vertrieben. Eine dieser Figuren wird beim Namen genannt. Es ist der Theologe Ulrich Zwingli, ein erbitterter Gegner Luthers.

Über das moderne Treppenhaus geht es hinauf zur hölzernen Empore der Spitalkirche. Hier dokumentieren Artefakte den Weg der Protestanten in die Gegenwart. Neben der Geschichte der Konfirmation widmet sich die Schau wichtigen Protagonisten des Pietismus und der "Inneren Mission". Da ist etwa Franz Daniel Pastorius (1651–1719), der 1683 nach Amerika reiste, um Land für religiös verfolgte Menschen zu erwerben. "Germantown" wurde zur ersten deutschen Kolonie in Nordamerika und besteht bis heute.

Museum in der Spitalkirche zum Heiligen Geist

Spitalkirche in Bad Windsheim, sie beherbergt das Museum Kirche in Franken.,© Schorn/M;useum Kirche in Franken
Das Museum Kirche in Franken hat seinen Platz in der aus dem Spätmittelalter stammenden Spitalkirche gefunden, die für den Gottesdienst nicht mehr gebraucht wurde.

Das Konfessionsbild

Andreas Hemeisens Konfessionsbild von 1601 im Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim.,© Schorn/Museum in Franken
Auf die Geschichte der Reformation und auf die gottesdienstlichen Gebräuche und sakramentalen Handlungen verweist exemplarisch Andreas Hemeisens Konfessionsbild von 1601.

Krankenkelch und Patene

Krankenkelch mit Patene und Hostiendöschen,© Schorn/Museum in Franken
Fast vergessene Traditionen des kirchlichen Lebens verkörpern z. B. Kanzelsanduhren, Beichtstuhl und Stuhlschilder, Leichenkerzen und Totenkronen. Hier im Bild Krankenkelch mit Patene und Hostiendöschen.

Auf Schatzsuche

Kirchenführung 'Auf Schatzsuche' für Kinder im Museum Kirche in Franken,© Schorn/Museum in Franken

Eine Entdeckungsreise durch das Kirchenmuseum: Gemeinsam mit MuseumsführerInnen erkunden die Kinder das Museum Kirche in Franken. In zwei Gruppen aufgeteilt spielen sie sich auf verschiedenen spannenden Stationen durch einen Schatzplan.

Beeindruckend: Das Dachwerk der Spitalkirche

Dachwerk Spitalkirche Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim,© Schorn/Museum Kirche in Franken

Der Dachstuhl, eine Meisterleistung der Zimmererkunst des 15. Jahrhunderts, ist begehbar und zeigt eine Ausstellung zur Geschichte der Kirchendachwerke.

Für Schulklassen

Schuilkinder besuchen das Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim.,© Schorn/Mueseum Kirche in Franken
Die Angebote für Schulklassen greifen Lehrplaninhalte aus dem Geschichts-, Kunst- und Deutschunterricht unterschiedlicher Jahrgangsstufen aller Schularten auf. Themen sind Kirche und Alltag in der mittelalterlichen Stadt, soziale Fürsorge im Mittelalter/Spitalwesen, Stadtarchäologie, Architektur und Handwerk im Mittelalter und vieles mehr.

Und da sind die wichtigen Diakonie-Pfarrer Wilhelm Löhe (1808–1872) in Neuendettelsau, Karl von Raumer (1783–1865) in Nürnberg oder Karl Buchrucker (1827–1899) in München. Sie alle kümmerten sich um Randgruppen der Gesellschaft, gründeten Waisen- und Krankenhäuser, Altenheime und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen.

Dass diese Arbeit nicht immer nur Heil brachte, dokumentiert die blecherne "Jungfernkrone", die Pfarrer Friedrich Wucherer 1865 in Auftrag gab. Die Kerzen des Kronleuchters wurden bei jeder Hochzeit angezündet, aber nur, wenn die Braut noch Jungfrau war und das Brautpaar einen "züchtigen Lebenswandel" nachweisen konnte. Auch wenn die Krone von Anfang an umstritten war, steht sie als kritisches Symbol dafür, wie Kirche bisweilen dazu beigetragen hat, Menschen zu stigmatisieren und auszugrenzen.

Für die evangelisch-lutherische Kirche spielt die Musik eine besondere Bedeutung. Martin Luther zufolge hat sie eine besondere Nähe zur Theologie: "Die Wunder, die sich unseren Augen darbieten, sind viel geringer als die Wunder, die wir mit den Ohren wahrnehmen", meinte der Reformator. Gesangbücher, Musikinstrumente und Hörbeispiele des Museums verdeutlichen, wie sich die Singbewegung mit der Reformation ausbreitete.

Beeindruckender Schlusspunkt der Schau bildet der Dachstuhl. Neben unterschiedlichen Konstruktionsmodellen für Dachstühle können hier ein Wetterhahn, diverse Uhrwerke und Glocken aus der Nähe betrachtet werden. Wer möchte, kann selbst eine Glocke läuten – nämlich am Modell des Windsheimer Turmes.

Sind Museen langweilig? Niemals, findet Museumsleiterin Andrea K. Thurnwald. Wer mit der Kulturhistorikerin spricht, bekommt viele Ideen für künftige Projekte zu hören. Denn Sonderausstellungen gehören zum Konzept des Museums. Mal geht es um Sterbebräuche und Totengedenken. Mal werden außergewöhnliche Beichtstühle präsentiert. Eine Ausstellung beschäftigt sich mit Geburt und Taufe, eine andere stellt interessante evangelische Frauen vor.

Besonderen Wert legt das Museum auf pädagogische Angebote. Für Konfirmanden und Jugendgruppen gibt es spezielle Führungen und Workshops. Besonders beliebt beim regionalen Publikum ist die Veranstaltungsreihe "Spitalkonfekt" reicht das Repertoire von Klassik bis Pop. Wer an der wissenschaftlichen Arbeit des Museums interessiert ist, kann Mitglied des Fördervereins werden. Der Verein unterstützt auch den Ankauf neuer Exponate.

Museum Kirche in Franken: Modernes Altarbild von Gerhard Rießbeck

Rießbecks Altarbild wurde im Juni 2015 beim siebten Kunstsymposium der Landeskirche enthüllt.

Bild: epd/Harmsen

Neues Altarbild in der Spitalkirche

Jüngste Neuerwerbung für das Museum ist ein zeitgenössisches Ölgemälde. Im Rahmen der Lutherdekade hat die Landeskirche den Windsheimer Künstler Gerhard Rießbeck damit beauftragt, ein modernes Altarbild für die Kirche zu entwickeln. Das großformatige Ölgemälde "Paradies“ zeigt einen Eisberg inmitten eines nachtdunklen Meeres.

Rießbeck reist seit vielen Jahren nach Grönland, Lappland oder Spitzbergen. Seine Gemälde zeigen ausschließlich Eis, Meer und Schnee und irritieren durch eine seltsame Mischung aus Perfektion, übersteigertem Realismus und artifiziellen Elementen. Das Altarbild „Paradies“ ist noch bis zum 18. Oktober 2015 im Museum zu sehen. Noch ein Grund, so bald wie möglich nach Bad Windsheim zu fahren.

Wer es bis dahin nicht schafft: Von 28. November 2015 bis 6. Januar 2016 präsentiert eine Sonderausstellung Werke des Künstlers Norbert Tuffek. Der aus Wendelstein stammende Holzbildhauer hat seinen Krippenzyklus um neue Figuren erweitert. Über 200 Figuren, zwölf Einzelszenen und das große Hauptbild im Chorraum laden zum Entdecken und Staunen ein.


01.10.2015 / Rieke C. Harmsen