Partnerschaft Bayern-Mecklenburg

"Das geht uns alle an"

Partnerschaft Bayern Mecklenburg Treffen 2020 Waren Gruppenbild

Berührende Geschichten und Schicksale: Diese standen im Mittelpunkt der Begegnung von Vertretern der Nordkirche und ihres Kirchenkreises Mecklenburg mit der bayerischen Kirchenleitung.

Bild: Meyer

Delegationen aus Bayern und der Nordkirche trafen sich Anfang Februar beim Partnerschaftstreffen im Gedenkort Waren/Müritz zum Thema „30 Jahre Friedliche Revolution – das geht uns alle an“.

Berührende Geschichten und Schicksale: Diese standen im Mittelpunkt der Begegnung von Vertretern der Nordkirche und ihres Kirchenkreises Mecklenburg mit der bayerischen Kirchenleitung. Zum Thema „30 Jahre Friedliche Revolution“ tauschten sich die Delegationen (30.1.-2.2.) in Waren/Müritz aus. Fazit des EKD-Ratsvorsitzenden und bayerischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm: „Das war ein wertvoller Anfang. Die meisten Geschichten aus dieser Zeit sind ja noch gar nicht erzählt.“

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Die Rolle der Kirchen und die Ereignisse im Herbst 1989 im Nordosten beleuchtete Anne Drescher beim Treffen näher. Die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in MV verdeutlichte, wie wichtig der Freiraum Kirche für das Engagement von Basisgruppen u.a. war. Zudem gab sie Einblick in die perfiden Methoden des von der SED gelenkten Staatssicherheits-Apparates. „Von Repressalien waren Christen überproportional betroffen“, so die Landesbeauftragte. Besonders das Schicksal von Dr. Karin Ritter berührte die Zuhörer aus Süd und Nord gleichermaßen. Die Ärztin engagierte sich – wie Anne Drescher auch – zu DDR-Zeiten in einem Schweriner Friedens- und Frauennetzwerk. So gelang sie in den Fokus der Stasi, die eine „Zersetzung“ anordnete. Karin Ritter wurde gezielt beruflich diskeditiert, ihr Telefon angezapft, ihre Wohnung durchsucht und in Abwesenheit umgeräumt. Drescher: „Beispielsweise hängte man ihre Bilder von der Wand ab und stellte diese auf den Fußboden. Ebenso wurde das Handtuch im Bad gewechselt.“ Die Stasi spielte die junge Frau psychisch kaputt. Sie zweifelte an sich selbst, sah am Ende keinen Ausweg mehr und nahm sich 1990 das Leben. Drescher: „Hätte sie ihre Stasi-Akte damals schon lesen können, hätte sie gewusst, dass alles nur inszeniert war.“

Die Gäste aus Bayern bekamen ebenso durch Gesichter der Revolution einen authentischen Einblick in die Zeit vor und während des Herbstes 1989. Christoph de Boor, Cornelia Ogilvie und Eckart Hübener skizzierten im moderierten Gespräch insbesondere die ersten Friedensandachten und Demonstrationen in Waren und Rostock – und, was sie motivierte und welche Gefühle und Ängste sie dabei begleiteten. Allen ging es darum, der „bleiernen Stimmung“ (Christa Wolf) im Land etwas entgegen zu setzen.

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Emotional aufwühlend war der Besuch der ehemaligen U-Haftanstalt des früheren Ministeriums für Staatssicherheit in Neustrelitz. Hier begrüßte Dr. Michael Körner vom Verein „Erinnerungsort Stasi-Untersuchungshaftanstalt Töpferstraße“ die Gäste. Zeitzeugen, die hier und anderswo selbst in Haft saßen, wie die Pastoren Eckart Hübener und Ralf von Samson, berichteten von ihrem Schicksal und den unwürdigen Bedingungen. Die Einschätzung von der DDR als Unrechtsstaat machte die Runde.

 

Die Kirche heute stehe in Verantwortung „die Spätfolgen der Diktatur für Betroffene durch Angebote zum Gespräch und zur Unterstützung in ihr Seelsorgeprogramm einzuspeisen“, brachte es Anne Drescher auf den Punkt. Das „Biografienprojekt“ sei ein erster Anfang, die Gerechtigkeitslücke zu schließen, ergänzte Propst Dirk Sauermann bei der Vorstellung des Buches. Dieses beinhaltet Biografien von 148 Kindern, Jugendlichen, Frauen und Männern in Mecklenburg, die zwischen 1945 und 1990 politisch verfolgt und diskriminiert wurden.

 

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm: Partnerschaft ist riesengroßer Schatz

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Zum Abschluss feierten die Delegationen mit der Warener St. Georgen-Gemeinde im „Schmetterlingshaus“.

Bild: Christian Meyer

Zum Abschluss des „Familientreffens“, wie die Begegnung empfunden wurde, feierten die Delegationen mit der Warener St. Georgen-Gemeinde im „Schmetterlingshaus“. Für den bayerischen Landesbischof Bedford-Strohm war der Nachbarschaftstreff ein „wunderbarer Ort um Gottesdienst zu feiern. Mitten da wo die Menschen wohnen, wo sie leben. Mit Fenstern, die die Kirche durchlässig machen nach außen. Ganz im Sinne einer Kirche für und mit anderen.“ Und Bischof Tilman Jeremias, der durch die Kirchenpartnerschaft vor 25 Jahren selbst von Bayern nach Mecklenburg gekommen war, bekräftigte in seiner Predigt, dass es immer stärkend sei, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen. Dabei erinnerte der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern ebenso an die „weltweit 260 Millionen Christen im Blick, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden“.

In seinem Grußwort bekannte der bayerische Landesbischof, welch „riesengroßer Schatz“ die Partnerschaft zwischen Bayern und Mecklenburg ist. Es sei eine kluge Entscheidung, die Freundschaft und gewachsenen Beziehungen nach 1990 und auch nach Gründung der Nordkirche weiter zu führen. Denn, so Heinrich Bedford-Strohm, „wenn wir von Begegnungen in Mecklenburg kamen, dann bin ich stets mit mehr Hoffnung zurückgekehrt als ich gekommen bin“. Im Blick auf die evangelische Kirche sagte der Theologe, dass es nicht an der Zahl der Kirchenmitglieder hänge, „wenn wir sehen und erleben, wie man in Mecklenburg als kleine Gruppe der Gesellschaft ausdrucksstark Kirche sein kann. Dies macht uns Hoffnung, fröhlich in die Zukunft zu gehen“.

Hintergrund

Die jährlichen Begegnungen sind Teil der über 70jährigen Kirchenpartnerschaft zwischen der bayerischen Landeskirche und dem Kirchenkreis Mecklenburg innerhalb der Nordkirche. Derzeit halten mehr als 40 Kirchengemeinden in Bayern und Mecklenburg Kontakt und gestalten Partnerschaften. Die Zahl lag vor dem Mauerfall deutlich höher. Nach 1961 hatte fast jede mecklenburgische Kirchengemeinde eine Partnergemeinde im Freistaat Bayern. Es gab sogar damals verbotene Drittlandbegegnungen. So trafen sich junge Christen aus Bayern und Mecklenburg beispielsweise in der damaligen Tschechoslowakei zu gemeinsamen Rüstzeiten. Bis heute gibt es zwischen Gemeinden vielfältige Besuche, Kanzeltausch-Aktionen, gemeinsame Jugend-Freizeiten, Familien und Gemeindeglieder besuchen sich wechselseitig. Die wechselseitigen Besuche der Kirchenleitungen in den vergangen Jahren haben die Beziehungen vertieft. Der Austausch und die Besuche vor Ort machen deutlich, was sich von der Situation her gleicht und wo es Unterschiede in der kirchlichen Arbeit zwischen Bayern und Mecklenburg gibt, wo man voneinander lernen oder auch helfen kann.

 


10.02.2020 / Christian Meyer/ELKB