Im Mittelpunkt von „Kirche wirkt weiter“ standen der Austausch und die Vernetzung der neun Erprobungsgemeinden.
Bild: ELKB/mck
Kirche wirkt weiter
Von Miesbach lernen
Rund 30.000 Besuch bei 1.444 Veranstaltungen in einem Jahr: Das Bunte Haus in Miesbach ist für viele Menschen zu einem festen Treffpunkt geworden. Die Zahl der Besuche hat sich im Vergleich zu früher verfünffacht. Wo einst vor allem die evangelische Kirchengemeinde ihre Angebote gestaltete, bringen sich heute Menschen aus der ganzen Stadtgesellschaft ein.
Was lässt sich daraus für andere Gemeinden lernen? Dieser Frage widmet sich das Projekt „Kirche wirkt weiter“. Neun Erprobungsgemeinden aus dem Kirchenkreis Schwaben-Altbayern sind beteiligt: Bad Tölz, Beilngries, Gauting, Mindelheim, München-Pasing, Passau St. Matthäus, Rottenburg an der Laaber, Schrobenhausen und Waldkraiburg. Seit Juni 2026 prüfen sie, welche Ansätze aus Miesbach zu ihrer Situation passen. Begleitet werden sie von 13 Beraterinnen und Beratern mit Verbindungen zur „Wirkstatt evangelisch“.
Wir brauchen Orte der Begegnung und der Auseinandersetzung. Wir brauchen dieses Miteinander und nicht die Vereinzelung.
Regionalbischof Klaus Stiegler
Ausgangspunkt ist häufig die Frage, wie kirchliche Gebäude künftig genutzt werden können. Doch die Teams schauen über die Räume hinaus: Was brauchen die Menschen vor Ort? Welche Partner kommen für eine Zusammenarbeit infrage? Und vor allem: Wie können Orte entstehen, an denen Menschen unterschiedlicher Lebenswelten einander begegnen?
Gemeinsam Ideen weiterentwickeln
Beim Vernetzungstag am 31. Oktober im Bunten Haus waren Projektteams aus allen neun Erprobungsgemeinden vertreten. Gemeinsam mit ihren Beratenden stellten sie rund 50 der insgesamt 107 Gäste. Hinzu kamen Verantwortliche aus Kirche, Politik und Verwaltung sowie Fachleute aus Architektur und Stadtplanung, darunter die Landtagsabgeordnete Ruth Müller, Matthias Amann aus dem Bauministerium sowie Miesbachs Bürgermeister Dr. Thomas Acher. „Mit dem Bunten Haus haben wir eine großartige Möglichkeit gewonnen, uns in der Miesbacher Gesellschaft zu begegnen", sagt Acher. Ihn freut besonders, dass "Miesbach hier Vorreiter ist und viele Gemeinden sich anschauen, was hier passiert, und sich ein Beispiel nehmen“.
In Workshops und Themenrunden geht es um Fragen wie „Womit fangen wir an?“ oder „Wovon müssen wir uns trennen?

Vier Workshops am Vormittag widmeten sich Wirkung und Förderung, Architektur und Begegnung, Medientechnik sowie Coworking. Aus den Gesprächen entstanden sechs Themenrunden für den Nachmittag. Dort ging es etwa um Ökumene, Regionalgemeinden und die Fragen: „Wovon müssen wir uns trennen?“ und „Womit fangen wir an?“
Das Bunte Haus diente dabei als Anregung für eigene Lösungen. Welche Angebote und Kooperationen sinnvoll sind, entscheiden die Gemeinden vor Ort.
Gemeinsame Erklärung unterzeichnet: Die Stadt und der Landkreis Miesbach sowie die Katholische Kirche sind jetzt Partner des Buntes Hauses.

Ein starkes Stück Kirche
In Miesbach wurde am Vernetzungstag zugleich ein weiterer Schritt für die Zukunft des Bunten Hauses getan: Die evangelische Kirchengemeinde, die Stadt Miesbach, der Landkreis Miesbach und die katholische Kirche unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung. Ein Haus, das bislang die evangelische Kirchengemeinde allein getragen hatte, wird damit künftig von vier Partnern gemeinsam unterstützt.
Die „Das Bunte Haus Miesbach gGmbH“ war bereits am 28. Oktober notariell errichtet worden. Die Eintragung ins Handelsregister steht noch aus. Alleinige Gesellschafterin ist die evangelische Kirchengemeinde Miesbach. Im Beirat wirken Bürgermeister, Landrat, katholischer Dekan und Kirchenvorstand gleichberechtigt zusammen. Geschäftsführer ist Erwin Sergel. „Was wir hier erleben, ist ein starkes Stück Kirche, und das am Reformationstag“, sagte Regionalbischof Klaus Stiegler.
Bedeutung über die einzelne Gemeinde hinaus
Eine gemeinsame Überzeugung prägte den Tag: Kirche erfüllt einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag, wenn sie Menschen und Gruppen zusammenbringt, die sich sonst kaum noch begegnen. Wo Menschen miteinander reden, Unterschiede aushalten und Gemeinschaft gestalten, wächst eine Grundlage für demokratisches Zusammenleben. „Wir brauchen Orte der Begegnung und der Auseinandersetzung“, sagt Regionalbischof Klaus Stiegler. „Da kann man auch mal streiten, das ist doch gut. Wir brauchen dieses Miteinander und nicht die Vereinzelung.“
Bis zum 6. Dezember 2026 reichen die neun Erprobungsgemeinden ihre Abschlussberichte mit Wirkungs- und Finanzplänen ein. Am 23. Januar 2027 folgt ein Fachtag. Er soll die Ergebnisse zusammenführen und kann ein erster Schritt sein, die Zusammenarbeit auf Landesebene weiterzuentwickeln. Denn was in Miesbach und den Erprobungsgemeinden entsteht, hat Bedeutung über die einzelne Gemeinde hinaus.
02.11.2026
Silke Scheder

