Landesbischof spricht mit jungen Erwachsenen über Wehrdienst und wirbt für kirchliches Beratungsangebot.

Landesbischof spricht mit jungen Erwachsenen über Wehrdienst und wirbt für kirchliches Beratungsangebot.

Bild: sob/Frank

Wehrdienst

Niemand soll mit seinen Fragen alleine sein

Ganz Deutschland diskutiert aktuell über das neue freiwillige Wehrdienstmodell. Landesbischof Christian Kopp interessiert die Meinung der Betroffenen selbst. Im Gespräch mit Oberstufen-Schülern aus München verrät er auch seine persönliche Meinung.

„Ich will nie in den Krieg gehen. Ich hab‘ keinen Bock, jemanden zu töten.“ Das sagt ein Oberstufen-Schüler des Lukas-Gymnasiums in Laim. Einige seiner Mitschüler nicken. Ein anderer entgegnet: „Wir brauchen eine starke Armee zur Abschreckung.“ Es ist ein sonniger Montagvormittag. Auf dem Stundenplan steht eine Diskussionsrunde mit Christian Kopp. Der Landesbischof will hören, wie die jungen Leute zum Wehrdienst stehen. Und er hat eine wichtige Botschaft für sie.

Den Fragebogen der Bundeswehr hat noch keiner der rund 30 Schüler erhalten. Das Thema „Wehrdienst ja oder nein“ beschäftigt trotzdem alle. Dana-Aurelia Djokic zum Beispiel. Sie kann sich nicht vorstellen, im Kriegsfall jemanden zu töten. „Andererseits denke ich, dass es wichtig ist, Wehrdienst abzuleisten, weil man füreinander einstehen muss.“ Mit ihren 16 Jahren hat sich noch rund zwei Jahre Zeit, um eine Entscheidung zu treffen.

Hilfe findet sie bei Bedarf bei der bayerischen Landeskirche. „Wir aktivieren gerade unser altes Beratungsnetzwerk“, erklärt Christian Kopp der Klasse. Mehr als 40 Pfarrer sowie Religionslehrkräfte und Jugendreferente der Evangelischen Jugend Bayern bieten Kurzberatungen an – per Telefon, E-Mail, Videoanruf oder Messenger. „Kein junger Mensch soll das Gefühl haben, mit seinen Fragen allein zu sein“, betont der Landesbischof und erinnert daran: „Niemand darf zum Dienst an der Waffe gezwungen werden.“ Aus evangelischer Sicht sei die persönliche Gewissensentscheidung zentral. Diese könne die Kirche niemandem abnehmen. „Aber wir begleiten dich gern dabei – respektvoll, ehrlich, ergebnisoffen und auf Augenhöhe“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Simon Neumann hat seine Entscheidung bereits getroffen: Seine Bewerbung für den Freiwilligendienst läuft. „Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist eine starke Armee wichtig, damit man abschrecken kann“, findet der 19-Jährige. Außerdem will er der Gesellschaft etwas zurückgeben. Zum Beispiel dafür, dass er in Frieden aufwachsen durfte. Und eine gute Schulbildung bekommt. Der Wehrdienst sei aber nicht die einzige Möglichkeit, seinem Land etwas zurückzugeben, wendet ein anderer Schüler mit Blick auf soziale Freiwilligendienste ein.

Das sieht Christian Kopp genauso. Ihm zufolge gibt es unterschiedliche Wege, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Der Dienst in der Bundeswehr könne eine Möglichkeit zum Schutz der freiheitlich-demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung sein. Der Einsatz bei einer Blaulichtorganisationen eine andere. Der Landesbischof selbst hat 1983 seinen Wehrdienst abgeleistet, verrät er den jungen Leuten. Zwar glaubt er fest daran, dass Frieden nie durch Waffen entstehen kann. Angesichts der Bedrohung durch Russland sagt er trotzdem: „Wir brauchen eine starke Armee zur Abschreckung, davon bin ich überzeugt.“ Äußerten Wert legt der Landesbischof in diesem Zusammenhang– typisch evangelisch – auf die Freiwilligkeit.

Ob sie den Wehrdienst als Eingriff in die persönliche Freiheit empfinden würden, will Religionslehrer Matthias Fuchs wissen. Er schlüpft an diesem Morgen in die Rolle des Moderators. Die Meinungen sind geteilt. Ein Schüler empfindet das so, fühlt sich als Spielball der Regierenden. Die Entscheidung pro oder contra Wehrdienst werde von Menschen getroffen werden, die davon nicht selbst betroffen seien, kritisiert er.

In diesem Zusammenhang kommt die Frage auf, warum vorerst nur die 18-Jährigen in den Fokus der Bundeswehr rücken. Welchen Beitrag leisten andere jungen Menschen oder auch Ältere? „Diese Frage muss gesellschaftlich diskutiert werden“, sagt Christian Kopp. Die Demokratie leidet ihm zufolge hierzulande, dass sie jeder als gottgegeben ansieht. „Aber das ist sie nicht.“ Jeder und jede müsse seinen Beitrag leisten.

In dem Gespräch wird deutlich: Die Bundeswehr hat aus Sicht vieler Schüler ein Imageproblem. Die Wertschätzung in der Bevölkerung für Soldaten empfinden viele als gering. In Ländern, in denen die Bedrohungslage geografisch gesehen größer ist, sieht das häufig anders aus. Dort gibt es zwar ohnehin häufig eine Wehrpflicht. Die Zustimmung dazu ist trotzdem hoch. „Wenn ich jetzt in einer finnischen Schulklasse über den Wehrdienst sprechen würde, wären 95 Prozent dabei“, mutmaßt Christian Kopp.

Zu lachen gibt es trotz des ernsten Themas auch etwas. Religionslehrer Matthias Fuchs erzählt, dass manche Schüler dachten, der Papst würde an diesem Tag zu Besuch kommen. Enttäuscht ist am Ende niemand, dass statt des Pontifex der bayerische Landesbischof gekommen ist: Christian Kopp nimmt sich rund zwei Stunden Zeit für den Besuch in der evangelischen Schule. Trotz Fernsehkameras tauen die Schüler schnell auf und wagen auch kritischere Fragen. Warum der Krieg den nicht einfach weggebetet werden könne, will ein junger Mann wissen. Weil die Welt nicht nur gut ist, antwortet der Landesbischof. „Wenn alle so leben würden, wie Jesus gesagt hätte, wäre sie es.“

21.01.2026
Silke Scheder

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