Hilfsprojekte

Engagement in Nahost

Verstehen gegen die Gewalt

Soldaten in Menschenmenge

Soldaten im Straßenbild von Jerusalem

Bild: Stiftung wings of hope Deutschland

In Palästina ist die Gewalt zuhause. Tagtäglich in der Auseinandersetzung mit Israel. Und immer wieder auch in den eigenen Familien.

Gewalt macht kalt und krank. Erlebte Erniedrigung wird häufig weitergegeben, von Generation zu Generation“, sagt Lutz-Ulrich Besser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, und kniet sich zur Verdeutlichung demonstrativ nieder. Seine Schüler im neu gegründeten Traumahilfezentrum im Stadtkern von Bethlehem hören ganz genau zu: 28 Palästinenserinnen und Palästinenser, Universitätsdozenten, Polizisten, Sozialarbeiterinnen, die lernen wollen, wie Traumatisierungen entstehen, wie man sie identifizieren und vor allem heilen kann. Sie alle kennen die sinnlosen Schikanen an den Checkpoints von und nach Israel, die explosive Hoffnungslosigkeit der arbeitslosen Jugendlichen. Und fast alle haben persönliche Erfahrungen mit Gewalt: im Rahmen der Intifada. Und in der eigenen Familie, wo stolze Männer nicht verlieren können und Ohnmacht dann zu häuslichem Terror wird. Eine Spirale von Gewalt, Verletzung und häufig auch sexuellem Missbrauch mit langfristigen Folgen.

„Stiftung Wings of Hope“ heißt die Hilfsorganisation, die – finanziert und geleitet von der ELKB – persönliche Beratung und auch Ausbildungsseminare wie dieses anbietet, um zu dort weiterzumachen, wo die Politik an ihre Grenzen stößt. Die Nachfrage in Palästina ist groß, die Leute haben es satt, das Leben mit der Aggression. Lutz-Ulrich Besser gibt ihnen recht: „Wir dürfen Gewalt niemals akzeptieren, aber selbst auch nicht ausüben.“ Und: „Wir müssen über das sprechen, was passiert ist. Gefühlen Worte geben. Unsere Affekte kontrollieren können. Es ist nicht sinnvoll, mit Steinen zu werfen, denn dadurch werde ich selbst zum Täter.“

Das kann Alta Iwabreh nur bestätigen. Der Seminarteilnehmer ist Polizist und leitet im nahen und sehr konservativen Hebron das Familienkommissariat der Polizei, „das zweite überhaupt im ganzen arabischen Raum“. Tagtäglich ist er mit Vergewaltigungen und familiärer Gewalt konfrontiert und stößt dabei immer wieder an die Grenzen seiner eigenen Kultur. Deutlich wird das bei einem Spaziergang durch die Innenstadt. Ein Gespräch zwischen ihm und ein paar jungen Frauen ist nicht gerne gesehen – auch nicht bei einem Polizeibeamten. Und genauso muss er darauf achten, wenn er von häuslicher Gewalt erfährt. Eine Anzeige oder gar Verhaftung sei nur selten möglich, das würde die Ehre der gesamten Familie zerstören. Also geht es darum, geschickt am Buchstaben des Gesetzes vorbei zu vermitteln, Kompromisse zu suchen, die Verwandtschaft einzubinden.

„Unsere Gesetze stammen zum Teil von 1960 und decken einfach nicht ab, was man heute braucht“, sagt er. Und Gerichtsverfahren würden viel zu lange dauern. Warum er sich für Traumaarbeit interessiert? „Vor meiner Ausbildung bei Wings of Hope kam ich häufig nicht weiter, wenn ich beispielsweise von Missbrauch erfahren hatte. Heute weiß ich: Durch eine solche sexuelle Gewalttat erleidet das Opfer einen traumatischen Schock. Es verschlägt dem Opfer nicht nur den Atem, sondern es fehlen ihm die Worte, so dass es sich kaum artikulieren kann – und dies nicht nur aus Schamgefühl. Jetzt habe ich gelernt, wie ich damit umgehen kann.“

Inzwischen ist Alta Iwabreh selbst als Seminarleiter unterwegs, unterrichtet an Universitäten und Ausbildungseinrichtungen der Polizei. „Dein Mann schlägt dich.“ Lutz-Ulrich Besser nimmt seinen Gürtel und deutet eine Misshandlungsszene an. Im Rollenspiel zeigt er, wie zerstörerisch sich Gewalt auf Körper, Psyche und Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Wie Schlüsselreize, beispielsweise bestimmte Handlungen oder auch nur einfache Gegenstände – etwa ein Ledergurt –, an schlimme Erfahrungen erinnern, aus denen es damals keinen Ausweg gab, weder Flucht noch Kampf: die gefürchtete traumatische Zange. Noch Jahre oder gar Jahrzehnte später werden große Autos dann im Kopf zu Panzern, bärtige Menschen zu Schlägern, lautes Knallen zur Explosion einer Bombe.

In Beratung und Therapie gehe es deshalb zunächst darum, inneren Stress regulieren und abbauen zu lernen, um dann das Erlebte besser verarbeiten zu können. „Alkohol schlägt nicht – dein Mann schlägt“, macht er den Kursteilnehmerinnen deutlich, wenn es um häusliche Gewalt unter Alkoholeinfluss geht. Viele männliche Palästinenser aber müssen ebenfalls Gewalt erfahren. Im Straßenkampf gegen Israel und anschließend in einer der vielen Haftanstalten. Häufig ohne Anklage festgehalten, fühlen sie sich erniedrigt. Und geben diese Schmach in Form von Gewalt an die Schwächeren in ihren eigenen Familien weiter: ihre Frauen und Kinder.

Erst langsam kommen diese Erkenntnisse in der Gesellschaft an. Abd Al-Fattah Hamayel, der Gouverneur von Bethlehem, beklagt, dass es in seinem Land nur eine Psychiatrische Klinik gebe, aber viel zu viele verletzte Menschen. Er selbst hat fast 20 Jahre in israelischer Haft gesessen, mit 18 Mitgefangenen in einer Zelle von 30 Quadratmetern. Manche hätten nach ihrer Freilassung Selbstmord begangen. Umso wichtiger, so der PLO-Politiker, seien Ausbildungsangebote wie das von Wings of Hope.

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Doch es ist falsch, allein Israel für die Gewalt in palästinensischen Familien verantwortlich zu machen. Viel Leid komme auch aus der Gesellschaft selbst, berichtet IskandarAndon, Leiter des ältesten Waisenhauses seines Landes, La Crèche in Bethlehem. Obwohl er selbst zwei Jahre im Gefängnis gesessen habe und noch heute zwei Kugeln in seinem Körper an die Intifada erinnerten, sieht der ernste Mittvierziger die Gewalt in Palästina durchaus als hausgemacht an. Noch immer würden Frauen, die unverheiratet schwanger sind, von Familienangehörigen umgebracht.

Lässt man sie am Leben, landen ihre Kinder dann, häufig anonym und von den Familien ausgestoßen, bei ihm: 120 Plätze hat seine Krippe, 35 Waisen leben hier rund um die Uhr, 65 Kinder kommen tagsüber zur Betreuung. Das Problem sei, dass im Islam eine Adoption nicht vorgesehen ist. „Ich selbst bin Palästinenser. Aber wenn Sie mich fragen – das ist Mist.“

Wie Löcher im Schweizer Käse Mutige Worte in einem Land, in dem persönliche Freiheit oder Gleichberechtigung wenig zählen. So wird der früher nur politische Konflikt mit Israel zunehmend von radikalreligiösen Argumenten bestimmt, und auch die christliche Minderheit sieht sich mehrund mehr Bedrohungen von ihren moslemischen Nachbarn ausgesetzt. Diese wiederum scheinen angesichts der vielen, die Landschaft zerschneidenden Schutzmauern rund um israelische Siedlungen und der schikanösen Kontrollen jede Hoffnung auf Frieden aufgegeben zu haben. Ihr Land, sagen sie, sei inzwischen wie ein Schweizer Käse – „die Löcher, das sind wir“.

Diese tagtäglichen Erlebnisse sind der ideale Nährboden für jede Art von Gewalt, erklärt Laurette Twemeh, die resolute Schulleiterin aus Bethlehem. Eine Kollegin hatte den Kurs von Wings of Hope besucht und ihr Interesse geweckt. „Jeden Moment könnte jemand aus den Familien meiner Schülergetötet werden“, beschreibt sie die Situation und fügt nachdenklich hinzu: „Alle Palästinenser sind von Gewalt betroffen – auch ich.“ Nein, in der Schule könne man die Probleme nicht lösen, aber sie und ihre ebenfalls in Traumaarbeit ausgebildete Sozialarbeiterin wüssten nun wenigstens, was die Probleme sind und wo man Hilfe findet.

Und die ist bitter nötig. Nur wenige Meter vom Traumazentrum entfernt, an einer Straßenkreuzung in Bethlehems Altstadt, werden Märtyrer und gefangene Palästinenser für ihren Kampfeinsatz auf großen Plakaten gefeiert. Aufrufe zur Versöhnung oder Frieden allerdings findet man hier nicht, und erst recht nicht in Deheishe, einem alten Flüchtlingslager am Rande der Stadt. Inmitten von engen Gassen mit schmalen, provisorisch errichteten Häusern, inmitten von Kampfparolen, die fast alle Wände zieren, hat Huda Sallam ihren Arbeitsplatz. Seit vier Jahren ist die Teilnehmerin des Trauma-Kurses hier vor Ort und versucht, irgendwie zu helfen.

Kein leichter Job, wie bei der jungen Frau mit Kinderwagen deutlich wird, mit der sie gerade spricht: Deren Schwester war Fatah-Mitglied und hatte sich bei einem Selbstmordattentat in Israel in die Luft gesprengt. Natürlich findet Huda Sallam diese Form der Auseinandersetzung nicht gut, aber sie versucht, die Gefühle dahinter zu begreifen. Diese Spirale der Gewalt zu unterbrechen – das ist ein schwieriges Unterfangen.

Selbst Mohannad Khaled Abu Awwad, Sohn eines palästinensischen Friedensaktivisten und mehrfach Teilnehmer an einem von Wings of Hope veranstalteten Friedenscamp im bayerischen Ruhpolding, musste das am eigenen Leib kennenlernen. Obwohl für Friedensarbeit sensibilisiert, hatte er irgendwann die Demütigungen satt und bedrohte israelische Soldaten mit einer Bombenattrappe. Die Konsequenz: mehrere Jahre Haft. Nun, nach seiner Freilassung im Rahmen einer Amnestie, habe er mit Gewalt nichts mehr zu tun, sagt er – mit finsterem Blick. „Egal, von welcher Seite Demütigung und Gewalt ausgeht“, erläutert Lutz-Ulrich Besser eindringlich, „wann immer ein Mensch verletzt wird, begeht der andere Unrecht.“

Viele dieser Verletzungen haben sich tief in die Seele der Palästinenser eingegraben. Obwohl sie es anders darstellen und wohl auch so sehen: Schuldlos daran sind sie nun wirklich nicht. Aber sie sind eben auch Opfer. Sich einzugestehen, verletzt worden zu sein und an den Folgen zu leiden, ist für manche ebenso schwierig wie zu erkennen, dass es Unrecht ist, Täter zu sein – auch wenn ich selbst einmal Opfer war. Hier zu vermitteln ist nahezu unmöglich, wie die politischen Konferenzen und Gipfel immer wieder zeigen. Lernen, mit Verletzungen umzugehen, begreifen, dass Gewalt nur neue Gewalt evoziert – das könnte einen kleinen Schritt in Richtung Deeskalation bedeuten. Mit Wings of Hope macht die evangelische Kirche aus dem fernen Bayern da kleine Schritte in eine richtige Richtung.


01.06.2025

01.06.2025