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Chancen für die Straßenkinder

Video zur Arbeit im Pangani Lutheran Children Centre

Sie können nur für wenige der 30.000 Kinder etwas tun, die in Nairobi auf der Straße leben. Aber sie tun es – und ernten kleine Erfolge.

Und die können dem Leben der Kinder eine neue Richtung geben. So wie bei der zwölfjährigen Miriam Wangoi.

Miriam kam 1995 in Nairobi zur Welt und verbrachte ihre ersten zehn Lebensjahre in den Gassen und Straßen der Hauptstadt von Kenia. Wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter bettelte sie, um etwas zu essen zu bekommen. Sie hatte bereits damit begonnen, ihren Alltag mit dem Schnüffeln von Klebstoff zu betäuben, als eine Mitarbeiterin des lutherischen Kinderzentrums Pangani (PLCC) ihr dort einen Platz anbot. Regelmäßig essen und zur Schule gehen, ein Dach über dem Kopf, Kleidung und medizinische Versorgung. Mehr bot die Sozialarbeiterin nicht. Mehr nicht und doch ungeheuer viel. Es veränderte das Leben des Mädchens grundlegend.

Mehr als warmes Essen und Freunde

„Kein Vergleich mit dem Leben, das ich gewohnt war, und mehr als warmes Essen und Freunde“, sagt sie heute. Ihre Mutter hatte ihr vor mehr als zwei Jahren dankbar erlaubt, das Strassenleben hinter sich zu lassen und in das Kinderzentrum zu gehen. Die Mutter hat im letzten August ihr Leben auf der Straße verloren.

„Dieses Schicksal soll Miriam erspart bleiben“, sagt Claudia Heiss, die in dem Kinderzentrum mitarbeitet. Sie ist seit 2004 in dem ostafrikanischen Land gemeinsam mit ihrem Mann Fritz Heiss, der dort im Auftrag des bayerischen Centrums Mission EineWelt als Abteilungsleiter in der christlichen Bildungsarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche des Landes arbeitet.

Claudia Heiss setzt sich nachdrücklich gegen die Not der Mädchen in Nairobis Straßen ein und nutzt dazu ihre Kontakte nach Deutschland. Sie arbeitet ehrenamtlich. Das Schicksal von Miriam und vielen anderen Mädchen in Nairobi motiviert sie und die Projektleiterin Mary Mshana jeden Tag, sich für diese Kinder einzusetzen.

Mit rund 40.000 Euro im Jahr muss das Kinderzentrum auskommen. Davon werden Nahrungsmittel, Kleidung und Schuhe gekauft, Haus- und Schulbesuche finanziert sowie Wasser, Strom und Fahrtkosten bezahlt. Zudem müssen Gebäude instandgehalten und Personal entlohnt werden. Das Pangani-Kinderzentrum wurde 1994 von Frauen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kenia (KELC) ins Leben gerufen. Zunächst ging es nur darum, Kinder mit Tee und Nahrung zu versorgen, die rund um die lutherische Kirche Mathare in East-leigh, einem Stadtteil von Nairobi, bettelten. Diese Hilfe, das wurde den Beteiligten bald klar, reichte nicht aus.

Als Kenias Regierung ein Jahr später dazu aufrief, sich um die damals rund 30.000 Straßenkinder zu kümmern, entschied die Frauenabteilung der KELC, eine Einrichtung für Mädchen aufzubauen. Das Kinderzentrum Pangani entstand.

Manche schaffen es bis zum Abitur

Seither nimmt das PLCC Mädchen zwischen fünf und zwölf Jahren auf, die auf Nairobis Straßen betteln. Meist kommen die Mädchen aus den Slums der 2,7 Millionen Einwohner zählenden Metropole. Sie werden in einem Umfeld groß, in dem Drogenmissbrauch, Gewalt, Prostitution und Kriminalität an der Tagesordnung sind. Dem haben vor allem die Mädchen wenig entgegenzusetzen. Das Kinderzentrum kümmert sich deshalb besonders um sie, aber auch um Kinder, die durch die Immunschwächekrankheit Aids zu Waisen geworden sind. Und deren Zahl wächst.

Das Pangani-Haus, in dem die Mädchen untergebracht sind, bietet jedoch nur zwölf feste Plätze. Andere Kinder werden tagsüber betreut und müssen die Nacht in den Slums der Stadt verbringen. 95 Mädchen werden insgesamt betreut, für mehr reichen die finanziellen Möglichkeiten nicht. Alle Kinder durchlaufen die Grundschule. Wer gute Noten hat, kann höhere Schulen bis zum Abitur besuchen. Für den weiteren Ausbildungsweg gibt es noch keine gesicherten Angebote, aber das Zentrum hat einigen Mädchen in den vergangenen Jahren auch Ausbildungen finanzieren können.

Ein unbeschwerter Alltag für Straßenkinder

„Wir erleben“, schreibt Projektleiterin Mary Mshana begeistert, „wie sich das Leben der Mädchen verändert und mit neuem Sinn erfüllt wird.“ „Jeder Tag“, sagt Claudia Heiss, „an dem die Mädchen einen unbeschwerten, normalen Schultag erleben, ist ein guter Tag, für den sich all unsere Mühe lohnt. Sie lachen zu sehen, sie beim Lernen, in Spiel und Freizeit interessiert und neugierig zu erleben, schenkt mir die Gewissheit, dass wir alle unsere Möglichkeiten nutzen müssen, damit die Arbeit weiter-geführt und verbessert werden kann.“ Claudia Heiss will weiter für den Ausbau des Zentrums kämpfen.

Die Straßenkinder von Nairobi sind keine Einzelfälle: Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass derzeit rund 33 Millionen Kinder auf der Straße leben. Der Überlebenskampf zwingt sie, sich zu organisieren. Sie gehen auf Diebeszüge, arbeiten im Drogenhandel oder prostituieren sich. Gewalt ist alltäglich. Sie setzen sie selbst ein, um zu überleben, und sind ihr auch ausgesetzt.

Alltägliche Gewalt

Die Schlagzeilen von Todesschwadronen, die nachts durch lateinamerikanische Städte ziehen und wahllos Kinder niedermetzeln, sind nur beispielhaft für solche Gewalt.

Alleine in Brasilien wird die Zahl der Straßenkinder mit sieben Millionen angegeben. Straßenkinder sind laut Definition zumeist Stadtkinder. Grund für die große Zahl der auf der Straße lebenden Kinder ist der Zerfall von Familien- und Dorfstrukturen sowie gewaltsame Auseinandersetzungen und Kriege. Oft bleiben Kinder nach Gewalterfahrungen als Überlebende auf den Straßen zurück. Sie leben in Lumpen gekleidet unter Pappdächern und in den familiären Strukturen, die sich aus dem Zusammenleben mit anderen Kindern auf der Straße ergeben. Diese Kinderschicksale sind weltweit vergleichbar, auswechselbar und oft hoffnungslos. Es gibt aber auch Ausnahmen.

Joyce Wanjiru war elf Jahre alt, als sie ins Pangani-Kinderzentrum kam. Sie sollte eigentlich bei ihrem Onkel leben. Der hatte aber ihre Mutter umgebracht und damit ihre Familie zerstört. So lebte sie lieber auf der Straße und sagt selbst, dass sie kein Leben geführt habe, für das man sie beneiden könnte.

Heute will sie „benachteiligte Menschen aus der Armut bringen“. Das hat sie sich vorgenommen und dafür hat sie viel investiert. Sie besuchte die Grundschule am Flugplatz im Stadtteil East-leigh in Nairobi und konnte mit guten Noten auf die höhere Schule wechseln. Im Dezember vorletzten Jahres hat sie ihr Abitur gemacht.

Krankenschwester – ein Traum mit Chancen

Damit sie soweit kommen konnte, hat das PLCC sämtliche Schulkosten übernommen, für Hausaufgabenbetreuung gesorgt, ein Frühstück und ein Mittagessen im Center angeboten und vieles mehr. Ziel der Arbeit im Pangani-Kinderzentrum ist, den Mädchen nicht nur einen Bildungsabschluss auf der höchstmöglichen Ebene zu bieten, sondern ihnen damit auch eine Perspektive für ein selbständiges, selbstbestimmtes Leben zu eröffnen.

Joyce hat sich gegen das College entschieden. Sie will Krankenschwester werden, und das PLCC will die Kosten von 1.000 Euro pro Jahr für die vierjährige Ausbildung übernehmen. „Obwohl wir das Geld im Moment nicht haben, glauben wir fest daran, dass es irgendwie möglich wird“, meint Claudia Heiss. Sie habe in Kenia gelernt, dass Unmögliches manchmal eben doch möglich wird.

Zur Person

Logo Mission EineWelt, Bild: © Mission EineWElt

21.05.2014 / Helge Neuschwander-Lutz (aus der Zeitschrift „Mission EineWelt“, Ausgabe 2/2008, Seite 2-5)

01.06.2025