Spiritualität

Gott suchen in allen Dingen

Die Schwanbergpfarrerin Dr. Thea Vogt über das Gebet im Gehen.

Mann im Wald

Im Alltag innehalten: Exerzitien sind dafür eine gute Übung.

Bild: iStockPhoto / Erik Khalitov

Was kann ich der zunehmenden Beschleunigung meines Lebens entgegensetzen?

Wie gewinne ich in der permanenten Beanspruchung durch meine täglichen Verpflichtungen Freiräume für mich? Was kann ich tun, dass ich nicht nur gelebt werde, sondern meine eigenen Takt finde?

Viele Menschen sind unzufrieden mit der Geschwindigkeit, mit der sie durchs Leben hetzen. Sie fühlen sich zu immer noch größerer Schnelligkeit getrieben, suchen nach Atempausen und Kraftquellen für ihre Alltag. Christliche Spiritualität ist ein Weg, dem Leben mehr Tiefe zu geben; sie regt zu einer bewussten Gestaltung von Beziehung an – der Beziehung zu sich selbst und zu Gott.

Zitat

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang.   

Luther

Spiritualität ist gelebte Suche nach Gott, nach religiöser Lebensdeutung und Lebensbewältigung. Und sie ist zugleich ein Gegentrend zur permanenten Beschleunigung unseres Alltags.

Die bewusste Auseinandersetzung mit sich und seinem Glauben und die bewusste Pflege der persönlichen Beziehung zu Gott haben sich gerade in den vergangenen Jahren zu einem Megatrend entwickelt. Es ist fast schon en vogue, sich selber als religiös zu bezeichnen.

Während der Begriff „Spiritualität“ gesellschaftlich sehr weit gefasst und oft auf eine allgemein religiöse Suchbewegung bezogen wird, drückt er im Christentum christliche Frömmigkeitspraxis und Lebensstil aus:

von dem Gute-Nacht-Gebet über das Bibelstudium am Morgen, vom Pilgerweg über die angeleitete Meditation, von der Zwiesprache mit Gott auf dem Spaziergang über kurze Momente des Innehaltens im Alltag. Spiritualität ist die Haltung, mit der allein oder in Gemeinschaft mit anderen die Nähe Gottes gesucht und die Gemeinschaft Jesu Christi erfahren wird.

Bibel

Bibel,© (c) iStockPhoto / Paul Calbar

Für evangelische Christinnen und Christen haben Bibel und Sakramente zentrale Bedeutung. Im Hören auf die Botschaft der Bibel erfahren sie von Gottes Liebe zu ihnen. So gehört das Meditieren über einen Bibeltext, die tägliche Losung, die Verkündigung im Gottesdienst zu wesentlichen Elementen evangelischer Spiritualität.

Stille

Stiller See,© ELKB / Lutz Neuschwander

Wie ein bewegter Spiegel eines Teiches muss die Seele erst zur Ruhe kommen, bevor sie Gott und sich selbst erkennen kann. Mit diesem alten Bild beschrieb Martin Luther die Bedeutung der Stille vor Gott: „Gleichwie die Sonne in einem stillen Wasser gut zu sehen ist und es kräftig erwärmt, kann sie in einem bewegten, rauschenden Wasser nicht deutlich gesehen werden. … So gehe hin, wo du still sein und das Bild dir tief ins Herz fassen kannst, da wirst du finden Wunder über Wunder.“

Ort und Zeit

Kerzen vor einem leuchtenden Kreuz,© ELKB / Christina Mayer

Auch wenn es schwierig scheint: Es empfiehlt sich, einen festen Termin für die Stille und das Gebet einzurichten - gleich morgens nach dem Aufstehen oder abends vor dem Schlafengehen. Dazu kann es hilfreich sein, den Ort abzugrenzen und besonders zu gestalten: mit einer Kerze, einem Tuch, einem Kissen oder einem besonderen Stuhl.

Im Freien

Ein Wald,© ELKB / Lutz Neuschwander

Ob in der Kirche oder auf dem freien Feld, beim Abwaschen oder beim Waldspaziergang: Platz für Spiritualität kann überall sein. Viele Menschen fühlen sich besonders in der Natur Gott ganz nah und halten dort Zwiesprache mit ihm. Martin Luther meinte: Unter der Elbbrücke könne Gott genauso verehrt werden wie in einem Kirchengebäude.

Gemeinschaft

Familie beim Tischgebet,© (c) iStockPhoto / Steve-Debenport

Ein Ort gelebter Spiritualität ist die Familie. Beim gemeinsamen Tisch- oder Abendgebet, beim Singen religiöser Kinderlieder oder beim Pflegen der besonderen Bräuche des Kirchenjahres wird den Kleinsten ein lebendiger Glauben vermittelt und die eigene Spiritualität gepflegt.

Auszeiten nehmen

Ein Kreuz auf einem Berg, davor eine Bank,© ELKB / Lutz Neuschwander

Den Alltag einfach hinter sich lassen, zur Ruhe kommen und zu Gott und sich selbst finden – Angebote dafür bieten evangelische Kommunitäten und Tagungshäuser in Bayern. Bei der Einübung in das Herzensgebet, meditativem Tanz, aber auch durch das Angebot „Kloster auf Zeit“ und beim Pilgern ist Raum für die Einkehr bei Gott.

Grundelemente christlicher Spiritualität

Menschen sehnen sich nach dem Ausbau ihrer Achtsamkeit, der Schärfung ihres (sinnlichen) Bewusstseins, der Ankunft bei sich selbst, die keiner Betroffenheit entspringt, sondern eher als neu definierte Lebensfreude verstanden werden kann. Das in Heidelberg ansässige „Instituts für Trend- und Zukunftsforschung“ (ITZ) bescheinigt der Kirche längst eine Etablierung „von der Amtskirche zur spirituellen Erlebnisgesellschaft“. Ja, es befürchtet sogar, dass „Religion ihre archaische Verwurzelung in der Kirche und im Glauben abwirft“ und „als spiritueller Erlebnismarkt wiedergeboren wird“.

Doch christliche Spiritualität ist nicht mit einer zunehmend esoterischen Hysterie gleichzusetzen. Sie orientiert sich ganz bewusst an den Grundfesten des christlichen Glaubens. Folgende Elemente christlicher Spiritualität orientieren sich an einem Dokument, das das Netzwerk christlicher Spiritualität 2011 in Berlin zusammengestellt hat:

Elemente christlicher Spiritualität

Die Bibel lesen

Christliche Spiritualität orientiert sich an der Bibel. Wer Gott ist und was unsere spirituellen Erfahrungen bedeuten, wissen wir durch das Zeugnis der biblischen Schriften. Dass Gott sich an sein Volk Israel und an seine Kirche gebunden hat und dass seine Liebe seine ganze Welt umfasst, erfahre ich nicht in der Versenkung in mich selbst. Ich erfahre es nur im Hören auf das Zeugnis der Bibel.

(aus: Spurgruppe Netzwerk christliche Spiritualität, Berlin 20. Oktober 2011. Info im Internet: www.netzwerk-christliche-spiritualitaet.net)

 

Sich der Gnade überlassen

Christliche Spiritualität dankt Gott für die Gnade, die er uns durch das Leben, das Leiden und die Auferstehung Jesu von Nazareth eröffnet hat. Darum ist sie kein Leistungs- und auch kein Erlösungsweg. Als Übungsweg fördert sie die Liebe zu und die Hingabe an Gott. Übungsziel ist nicht die Vervollkommnung eines Bewusstseinszustandes, sondern das Verweilen in der Gegenwart Gottes.

(aus: Spurgruppe Netzwerk christliche Spiritualität, Berlin 20. Oktober 2011. Info im Internet: www.netzwerk-christliche-spiritualitaet.net)

 

Gottes Wege suchen und gehen

Gott ruft uns mit unserer natürlichen Sehnsucht hinein in seine große Geschichte mit der Welt. Deswegen setzt christliche Spiritualität immer wieder biografisch bei dieser Sehnsucht ein. Die Erfüllung dieser Sehnsucht wird immer wieder Gegenstand christlicher Hoffnung sein, nicht aber deren angestrebtes unmittelbares Ziel und nicht deren Begründung.

(aus: Spurgruppe Netzwerk christliche Spiritualität, Berlin 20. Oktober 2011. Info im Internet: www.netzwerk-christliche-spiritualitaet.net)

Evangelische Kirche bietet vielfältige spirituelle Formen und Zugänge zum Glauben, ihn zu entdecken, (wieder) kennenzulernen, zu festigen oder neu in Frage zu stellen. Und wann starten Sie die nächste Glaubensreise?


24.03.2014 / Anne Lüters