Christliche Meditation

Gott in sich Raum geben

Brennende Kerzen

Mit Meditation versuchen Christen, ihrer Sehnsucht nach Ruhe nachzukommen.

Bild: Pixelio / C. Bender-Saebelkampf

“Alles beginnt mit der Sehnsucht“, schreibt Nelly Sachs in einem Gedicht. Viele Menschen kennen das Gefühl, sich nach Ruhe zu sehnen. Meditation und Gebet sind eine Möglichkeit sie zu finden.

„Wenn es nur einmal so ganz Stille wäre“ – die Sehnsucht, von der Rainer Maria Rilke schreibt, teilen heute ganz viele Menschen. Sie möchten dem hektischen Alltag entfliehen, zur Ruhe kommen und einmal ganz bei sich sein. Christliche Meditation entdeckt hinter diesem beziehungsweise verbindet mit diesem berechtigten Anliegen die Suche nach Gottesbegegnung mitten im Leben. Sie führt zur Person und zum Wesen Jesu Christi und in der Begegnung mit ihm zur Bereitschaft, die Aufgaben in der Welt anzunehmen und in Liebe zu leben. Doch wie soll eine solche Begegnung geschehen?

Eine Hand liegt auf einem Stein,© Spirituelles Zentrum Sankt Martin

Spirituelle Zentren in Bayern: Herberge & Kontaktzentrum für Pilger

Das Spirituelle Zentrum St. Martin im Münchner Glockenbachviertel richtet sich an Menschen, die auf der Suche nach dem Wesentlichen sind. Das Motto des Zentrums lautet: „Schweigen. Reden. Handeln“. Gebet und Engagement gehören hier untrennbar zusammen.

Den Kern der Spiritualität bildet das Herzensgebet nach dem ungarischen Jesuitenpater Franz Jalics. Zum Wochenrhythmus gehören in St. Martin das regelmäßige „Sitzen in der Stille“ und die sonntägliche Martinsmesse. Etwa einmal im Monat findet ein „Tag der Stille" für Geübte und Ungeübte statt, die Gott im Schweigen suchen. Jeweils im Herbst bietet St. Martin einen achtwöchigen Kontemplationskurs in der Tradition des Herzensgebets an. Das Spirituelle Zentrum St. Martin ist Herberge und Kontaktzentrum für Pilger.

Christen bekennen: Wir können sie nicht machen, wir können nur einen Raum für sie bereiten. Durch Meditation, Schweigen und Gebet, durch eine Ausrichtung auf Gott mit Seele, Geist und Leib und durch unterschiedliche Wahrnehmungsübungen versuchen Christen, sich für Gott zu öffnen. Andreas Ebert, Landeskirchlicher Beauftragter für Geistliche Übung für den Raum Südbayern, erklärt den tiefen Sinn von Meditation.

Herr Ebert, sind Menschen, die meditieren, bessere Menschen?
Andreas Ebert: "Nein, sicherlich nicht. Jedenfalls nicht automatisch. Denn Meditation ist etwas durchaus Zwiespältiges. Man kann meditieren, um der Welt zu entfliehen, um ,zur Ruhe zu kommen', um fitter und leistungsfähiger zu werden. Das kann eine Frucht der Meditation sein. Aber das macht uns nicht zu besseren Menschen. Christliche Meditation ist ,zweckfrei'. Es geht darum, einen Raum offenzuhalten für die Begegnung mit Gott. Dazu braucht es aber in der Regel Übung und gute Begleitung. Denn beim Meditieren begegnet uns nicht nur Schönes – auch eigene Ängste, Verwundungen und Spannungen kommen ans Licht. Gedanken bestürmen uns. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Dann kann Meditation dazu beitragen, dass wir auch unseren Alltag gesammelter und achtsamer gestalten.

Wieso sollte ich damit anfangen? Was bringt es?
Ebert: "Man sollte damit nur anfangen, wenn man in sich die Sehnsucht nach einer tieferen Begegnung mit Gott spürt. Alle anderen Motive sind zweitrangig und nicht zielführend. Meditation ist ein Weg, die Einladung Jesus umzusetzen: ,Trachtet zuerst nach Gottes Reich – dann wird euch alles andere zufallen'. Wer lange meditiert, der kann erleben, wie die eigene Ichbezogenheit allmählich zurücktritt zugunsten einer Ausrichtung auf Gott, der in uns wohnt, aber auch größer ist als wir."

Wie fange ich es an?
Ebert: "Am besten, indem ich immer wieder einmal einige Minuten innehalte, mich hinsetze und auf meinen Atem lausche ohne ihn zu kontrollieren. Es atmet in mir – Tag und Nacht, ohne dass ich etwas dazu tun kann. Gott hat uns den Lebensodem eingehaucht. Ein geistlicher Lehrer sagt: ,Wer seinem Atem lauscht, der ist nicht fern von Gott'. Später kann ich den Atem mit einem inneren Wort verbinden, zum Beispiel: ,Du in mir – ich in dir# oder einfach mit dem Namen Jesus Christus. Wenn mich Gedanken ablenken, kann ich immer wieder zu diesem Wort zurückkommen. Es gibt auch hilfreiche Anleitungen. Noch besser ist es, einen Einführungskurs zu besuchen, wie er an vielen Orten angeboten wird, so auch in den Spirituellen Zentren unserer Kirche in Nürnberg und München."

Nun ist es ja nicht einfach, sich Zeit für Spiritualität freizuhalten. Was empfehlen Sie?
Ebert: "Im Laufe des Tages gibt es Leerzeiten: an der Haltestelle, in einer Warteschlange, im Bus, beim Abwasch... Man kann sie füllen, indem man aufmerksam auf den eigenen Atem lauscht oder das persönliche innere Wort wiederholt."

Die einen meditieren ein Bibelwort, die anderen beten beim Spazierengehen, wieder andere beten mit den „Perlen des Glaubens“. Wie bekomme ich heraus, was die richtige Art für mich ist, Spiritualität zu leben?
Ebert: "Probieren geht über Studieren. Man kann verschiedene Methoden erproben oder sich von einem geistlichen Begleiter/einer Begleiterin beraten lassen. Unsere Kirche stellt die Adressen solcher ,Fachleute' gern zur Verfügung. Nach einer gewissen Zeit sollte man aber bei einem Weg bleiben und ihn längere Zeit üben, damit mehr Tiefgang entsteht.

Was kann mich bei der Stange halten?
Ebert: "Manche gönnen sich einmal im Jahr eine Auszeit der Stille, zum Beispiel in einem Kloster oder in einer Kommunität. Andere besuchen einmal die Woche eine Meditationsgruppe. Die Gemeinschaft und der Austausch mit anderen können sehr stärkend wirken. Es ist wie beim Sport oder beim Erlernen eines Instruments: Man braucht etwas Disziplin und Übung. Irgendwann verwandelt sich dann die Pflicht in ein echtes Bedürfnis, und man möchte nicht mehr ohne solche Zeiten der Sammlung sein."

Zur Person

Andreas Ebert, Spirituelles Zentrum St. Martin, München, Bild: © Sprituelles Zentrum St. Martin, München

Andreas Ebert

Andreas Ebert, geboren 1952, Pfarrer, ist Leiter des Spirituellen Zentrums St. Martin im Münchner Glockenbachviertel und Beauftragter für Meditation und Geistliche Übung in Südbayern. Er verfasste zahlreiche Lieder und Bücher, darunter sein wohl bekanntestes „Das Enneagramm“.


25.03.2014 / Anne Lüters
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