Exerzitien im Alltag

Gott will bei mir ankommen

Mann im Wald

Im Alltag innehalten: Exerzitien sind dafür eine gute Übung.

Bild: iStockPhoto / Erik Khalitov

In Exerzitien machen sich Menschen auf den Weg, Spuren von Gottes Wirken in ihrem Leben und Alltag zu entdecken.

Dazu hilft es, sich einzuüben mit allen Sinnen achtsam wahrzunehmen, wann, wo und auf welche Weise Gott sich in unser Leben schon eingemischt hat und es immer wieder tut. Am Beginn dieser Suchbewegung steht oft zuerst eine allgemeine Sehnsucht nach mehr Tiefe im Leben, unterwegs wächst eine intensive Beziehung zu Gott, die ihn immer mehr bei den Menschen ankommen lässt. Wie es gelingen kann, lernt man in „Alltagsexerzitien“, in klassischen geistlichen Übungen also, die die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) vor allem während der Passionszeit in vielfältiger Form anbietet.

Eines der ältesten und traditionsreichen Angebote hält Sabine Schnurr bereit: Als Beauftragte für „Exerzitien im Alltag“ für den gesamten Kirchenkreis München und für Oberbayern veranstaltet die heute 60-jährige Münchnerin die klassischen geistlichen Übungen schon seit 14 Jahren. „Eine Geistliche Übung zur Achtsamkeit kann zum Beispiel darin bestehen, dem Ton einer Klangschale bis zu ihrem endgültigen Verklingen nachzulauschen und so zu einer aufmerksamen Stille zu finden“, erklärt Schnurr.

Jedes Mal aufs Neue begeistert, wie gut die Übungen tun

Beate Minar aus Martinsried bei München zum Beispiel hat das bereits für sich herausgefunden. Die 37-jährige gebürtige Regensburgerin und dreifache Mutter, zurzeit Lehramtsstudentin auf dem zweiten Bildungsweg in München, hat schon oft bei Schnurrs Alltagsexerzitien mitgemacht - und ist jedes Mal wieder aufs Neue begeistert, wie gut ihr die Übungen tun.

„Beispielsweise habe ich eine bestimmte Art von Gebetsmeditation kennen gelernt, die ich vorher nicht kannte“, erzählt Minar: „Das Gebet findet dadurch statt, dass ich die beiden Worte ,bin da‘ denke, ausschließlich diese beiden Worte: Beim Einatmen denke ich ,bin‘ und beim Ausatmen denke ich ,da‘. Auf diese einfache Art und Weise kommt man innerlich ganz zur Ruhe und ist anschließend viel konzentrierter und empfänglicher für die Eindrücke der Umgebung oder für das eigene Gespräch mit Gott. Dieses ,Herzensgebet‘ habe ich vor ein paar Jahren in den Exerzitien bei Sabine Schnurr kennen gelernt“; ein Angebot, das sich übrigens an beide Konfessionen richtet, also ökumenisch ist.

Angebote für Alltagsexerzitien...

Angebote für Alltagsexerzitien

... in München & Oberbayern

Logo Exerzitien 2016 im Kirchenkreis München-Oberbayern,© Schnurr

Seit dem Jahr 2000 werden im Kirchenkreis München und Oberbayern „Ökumenische Exerzitien im Alltag“ unter Leitung von Sabine Schnurr angeboten: die 60-jährige Beauftragte für „Exerzitien im Alltag“ hält damit eines der ältesten und traditionsreichsten Exerzitien-Angebote in Bayern bereit. Das erste Modell hieß „Aller Wandlung Anfang ist die Sehnsucht“; dies war der Ausgangspunkt für die seitdem jährlich stattfindenden Ökumenischen Exerzitien im Alltag. „Über den eigenen Glauben reden zu können und sich mit anderen darüber austauschen“, stehe von jeher im Vordergrund, so Schnurr. Rund 50 evangelische Gemeinden in und um München nutzten üblicherweise im Schnitt die Exerzitienmappe, für die Schnurr alle zwei Jahre neue Texte und Impulse zusammenstellt, um Kirchengemeinden anzuregen, eigene Exerzitien für ihre Gemeindemitglieder zu veranstalten.

Unter evangelischer Federführung hat in diesem Jahr wieder ein ökumenisch zusammengesetztes Team einen vierwöchigen Alltagsexerzitienkurs für 2016 zusammengestellt. Unter dem Titel „Ganz bei Trost“ sind bekannte und auch weniger bekannte Trostworte aus dem 2. Jesajabuch ausgewählt, die uns Ermutigung und Hoffnung für den eigenen Glaubensweg geben wollen. Nähere Informationen zur Materialmappe und den Vorbereitungskursen für die Begleiter sowie Werbematerial bekommen Sie bei der Beauftragten für Exerzitien im Alltag, Sabine Schnurr, E-Mail: sabine.schnurr@elkb.de

Hier finden Sie eine Übersicht der Gemeinden in und um München, die 2016 die Ökumenischen Exerzitien im Alltag "Ganz bei Trost" anbieten.

... in Oberfranken

Seit 2013 bietet auch der Kirchenkreis Bayreuth gemeinsam mit dem Erzbistum Bamberg „Ökumenische Alltagsexerzitien“ an. Nach dem erfolgreichen Auftakt, bei dem rund 130 Gruppen in den Kirchengemeinden der Region das Buch und die CD zur Durchführung von Exerzitien nutzten, die das Erzbistum Bamberg und der Kirchenkreis Bayreuth erstmalig gemeinsam für die Gemeinden entworfen hatten, kommen die Alltagsexerzitien nun jährlich zum Einsatz.

„Alltagsexerzitien sind eine Schule des Glaubens“, unterstreicht Günter Förster, der als Dekan von Naila im Jahr 2014 für die Gesamtleitung der geistlichen Übungen im Kirchenkreis Bayreuth zuständig war. „ Es geht darum, Gott in den Geschehnissen des eigenen Lebens mehr wahrzunehmen und zu finden. Die Teilnehmenden nehmen sich in den Wochen der Passionszeit täglich Zeit für Betrachtung und Gebet. Einmal in der Woche treffen sie sich außerdem zum Austausch über ihre Erfahrungen."

Die Ökumenischen Alltagsexerzitien im Kirchenkreis Bayreuth für das Frühjahr 2016 stehen unter dem Thema "Getröstet leben".

Nähere Informationen auf der Seite des Kirchenkreises Bayreuth

Weitere Informationen zu den „Ökumenischen Alltagsexerzitien“ gibt es in Ihrer Kirchen-/ Pfarrgemeinde, bei der man sich auch anmelden kann. Die Exerzitienhefte können im Gottesdienstinstitut bestellt werden.

... im Internet

Eine Besonderheit zeichnet die „Ökumenischen Alltagsexerzitien“ im Kirchenkreis Bayreuth aus: Es gibt sie auch im Internet. Seit 2013 bietet der Verein „Bibelwelten e.V.“ unter Vorsitz der evangelischen Pfarrerin Doris Otminghaus „Ökumenische Alltagsexerzitien online“ an. Die Web-Variante, die in Zusammenarbeit mit dem Referat Spiritualität der Erzdiözese Bamberg 2016 zum vierten Mal konzipiert wird und zwischen Aschermittwoch und Palmsonntag erreichbar ist, gestaltet den Zugang zu Exerzitien einfach wie nie zuvor: „Zu jeder Zeit können sich die Menschen vor ihren Rechner setzen und unser Angebot in Anspruch nehmen“, sagt Otminghaus. „Die Teilnehmer unserer Exerzitien-Kurse sind also völlig unabhängig.“ Die Auszeit in einen Alltag einzubauen, der von den Exerzitien-Nutzern häufig als ,übervoll‘ beklagt würde, gestalte sich auf digitalem Wege vor allem für Berufstätige einfacher.

Für die Teilnahme gibt es zwei Wege:

„Zum Einen können sich Interessierte ausschließlich für unsere Impulse anmelden“, erklärt Otminghaus. „Fünf Wochen lang bekommen sie dann täglich von Montag bis Freitag Impulse zum Thema ,Getröstet leben‘ zugemailt, für die sie sich täglich etwa 20 bis 30 Minuten Zeit nehmen sollten, um innezuhalten, den Impuls in Ruhe zu lesen und auf sich wirken zu lassen.“
Zum Anderen kann man sich zusätzlich zu den Impulsen einen Begleiter wünschen, mit dem man sich einmal pro Woche über die Exerzitien und darüber, was sie in einem bewegt und angestoßen haben, per E-Mail austauscht. „Die geistlichen Begleiter gehören zu unserem Team und gehen individuell auf die Teilnehmer ein, nicht nur per E-Mail: In diesem Jahr wollen wir auch Skype-Konferenzen ausprobieren, zu denen sich die Teilnehmer und ihre Betreuer verabreden.“

Rund 100 User hatten die Online-Exerzitien zur Premiere im Jahr 2013 angezogen. Otminghaus glaubt, dass es 2016 noch viel mehr werden. „Die Teilnehmer müssen nicht mehr als ihren Namen ‚verraten‘, vielleicht noch ein wenig zu ihrer Motivation sagen, warum sie die Exerzitien machen. Durch diese Anonymität öffnen sie sich leichter.“

Die Internetplattform ist barrierefrei gestaltet und somit auch für Blinde und Sehbehinderte zugänglich. Den Teilnehmern steht ein Team von geistlichen Begleiterinnen und Begleitern zur Verfügung. Täglich erhalten die Teilnehmer einen Impuls per E-Mail. Zudem nehmen die geistlichen Begleiter einmal wöchentlich E-Mail-Kontakt mit den Exerzitien-Teilnehmern auf. Weitere Infos bei Pfarrerin Doris Otminghaus, Telefon 0 95 21 / 14 92, E-Mail: doris.otminghaus@elkb.de.

Konfessionsübergreifende „Alltagsexerzitien“ veranstaltet auch der Kirchenkreis Bayreuth. "Getröstet leben" - so lautet das Thema in der Passionszeit 2016. Nach dem erfolgreichen Auftakt 2013, bei dem rund 130 Gruppen in den Kirchengemeinden der Region das Buch und die CD zur Durchführung von Exerzitien nutzten, die das Erzbistum Bamberg und der Kirchenkreis Bayreuth erstmalig gemeinsam für die Gemeinden entworfen hatten, kommen die Alltagsexerzitien 2016 zum vierten Mal zum Einsatz. Und zwar nicht nur in Form von „Live“-Treffen: Die oberfränkischen Alltagsexerzitien gibt es auch im Internet.

Seit 2013 nämlich bietet der Verein „Bibelwelten e.V.“ unter Vorsitz der evangelischen Pfarrerin Doris Otminghaus „Ökumenische Alltagsexerzitien online“ an. Die Web-Variante, die in Zusammenarbeit mit dem Referat Spiritualität der Erzdiözese Bamberg 2016 zum vierten Mal konzipiert wird und zwischen Aschermittwoch und Palmsonntag erreichbar ist, gestaltet den Zugang zu Exerzitien einfach wie nie zuvor.

"Selbst entscheiden, wann ich mich damit auseinandersetze"

Attraktiv ist das vor allem für Menschen, die noch nie mit Exerzitien zu tun hatten und ganz in Ruhe und unverbindlich in das Thema hinein schnuppern wollen. Zum Beispiel Ulrike Langer aus der Gemeinde Obertheres im unterfränkischen Landkreis Haßberge. „Ich habe letztes Jahr bei den Online-Exerzitien mitgemacht, direkt als sie Premiere im Internet hatten“, erzählt die 52-Jährige. „Es war mir schon vorher ein Anliegen, mich einmal bewusster und intensiver mit Gott und meinem Glauben zu beschäftigen und in der Bibel zu lesen, aber ich habe es nie wirklich durchgezogen.“

Die neuartigen Online-Exerzitien boten Langer nun die ideale Gelegenheit, ihr Vorhaben endlich durchzuhalten. „Fünf Wochen lang bekam ich täglich einen Impuls zugemailt, mit dem ich mich auch auseinander gesetzt habe, denn am Ende der Woche stand der Austausch per E-Mail mit einem Begleiter aus dem Exerzitien-Team auf dem Programm“, erzählt Langer. Für sie war diese Form der Routine mit den täglich eintreffenden Impulsen und dem wöchentlich anstehenden Feedbackgespräch mit ihrem Begleiter genau der richtige Weg. „Wenn ich an etwas dranbleiben will, brauche ich immer ein wenig Druck von außen“, erzählt Langer augenzwinkernd. „Gleichzeitig konnte ich mir aber ja selbst aussuchen, wann ich mich mit den Impulsen auseinander setze, und ich habe es auch jeden Tag zu einer anderen Zeit gemacht.“

"Exerzitien sind eine ganz private Angelegenheit"

Es waren auch praktische Übungen dabei. Zum Beispiel: „Man setzt sich auf einen Stuhl, stellt die Füße auf den Boden und spürt seinem Körper ganz bewusst nach: den Füßen, wie ihre Sohlen Kontakt mit dem Fußboden haben, die Luft, die ein- und ausströmt, wenn man atmet und so weiter.“ Eine andere Übung bestand darin, „sein eigenes Leben in verschiedenen Farben und Linien aufzumalen“, erzählt Langer.

Auf alles hat sie sich voll und ganz einlassen können, gerade weil es anonym im stillen Kämmerlein passierte. „Ich finde, Exerzitien sind eine ganz private Angelegenheit. Und ich bin so ein Typ, ich muss viele Eindrücke und Gedanken erst einmal verarbeiten, bevor ich mich dazu äußere. Deshalb wäre es für mich keine Option gewesen, in eine Gruppe zu gehen. Und so war es eine wunderbare Zeit, in der viel mit mir passiert ist, mir vieles klar geworden ist und ich mich mir und Gott ein gutes Stück angenähert habe. Ich kann mir vorstellen, das noch einmal zu machen.“


01.07.2015 / Almut Steinecke
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