Zeitzeugengespräch

„Ich hatte eine wunderschöne Kindheit – ab zehn“

Gedenktag Dachau

Stacheldrath umzäunt die KZ-Gedenkstätte Dachau und erinnert an die Opfer des Nationalsizialismus, die hier gefangen waren und ums Leben gekommen sind.

Bild: iStock_anguigena

Zum 73. Jahrestag ihrer Befreiung durch die Rote Armee im KZ Auschwitz kommt Ruth Melcer erstmals zu einem Zeitzeugengespräch nach Dachau.

Am Donnerstag, 8. Februar, spricht sie ab 19.30 Uhr im Karmelitinnenkloster auf dem früheren Gelände des Konzentrationslagers über ihre schwere Kindheit im Ghetto und im KZ, aber auch über ihre Rettung und über ihr erfülltes Leben nach der Befreiung.

Ruth Melcer verbrachte ihre ersten Lebensjahre im polnischen Tomaszów Mazowiecki. Als die Deutschen 1939 ihre Heimatstadt besetzten, war sie vier Jahre alt, ihr Bruder Mirek zweieinhalb. 1942 musste die Familie ins Ghetto umziehen, nach dessen Auflösung kam sie ins Zwangsarbeitslager Bliżyn, wo der jüngere Bruder 1943 ermordet wurde. 1944 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und dort später auseinandergerissen. Dass Ruth überlebt hat, gleicht einem Wunder. Eine Mitgefangene namens Olga, die als Funktionshäftling gewisse Handlungsspielräume hatte, nahm das hübsche Kind in ihre Obhut, gab ihr zusätzliches Essen und versteckte sie vor Josef Mengele, der Kinder für seine menschenverachtenden Experimente suchte.

Die Befreiung am 27. Januar 1945 erlebte die neunjährige Ruth auf sich allein gestellt. Doch in Tomaszów Mazowiecki traf sie einige Monate später erst die Mutter und dann auch den Vater wieder. Nach dem Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946 beschloss die Familie, Polen zu verlassen.

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Zunächst lebte die Familie in Berlin in einem Lager für Holocaust-Überlebende, von 1948 an in München. „Ich hatte eine wunderschöne Kindheit“, sagt Ruth Melcer, „ab zehn.“ Freudig lernte sie am Hebräischen Gymnasium in München. Als dieses 1951 wegen der Auswanderung der meisten Schüler schloss, wechselte Ruth auf die Mädchenoberrealschule am St. Annaplatz (heute: St.-Anna-Gymnasium). Als antisemitische Lehrkräfte sie dort schlecht behandelten, schickten die Eltern sie zum Schulabschluss nach Tel Aviv zu Verwandten. Da die Eltern nicht wie geplant nachzogen, kehrte Ruth 1954 nach Bayern zurück und machte eine Ausbildung zur Chemielaborantin. Schließlich lernte sie ihren Mann Jossi kennen, mit dem sie nach Augsburg zog und drei Kinder bekam.

Heute lebt sie wieder in München. 2015 schrieb sie gemeinsam mit Ellen Presser „Ruths Kochbuch – Die wunderbaren Rezepte meiner jüdischen Familie“, in dem sie neben den Rezepten erstmals die Verfolgungsgeschichte ihrer Familie veröffentlichte. Das Buch kann am Rande des Zeitzeugengesprächs erworben werden.

Das Zeitzeugengespräch wird von Dr. Björn Mensing, Pfarrer und Historiker an der evangelischen Versöhnungskirche, moderiert.

 Musikalisch wird der Abend mit Werken von Josef Myslivecek, Astor Piazzolla, Robert Schumann und Mark Warschawskyj sowie mit traditioneller Klezmer-Musik gestaltet. Es spielt das Kammermusikensemble aus der 10. bis 12. Jahrgangsstufe des Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasiums unter Leitung von Jutta Wörther (Viola): Anna Helfer, Julia Neumann, Eva Reisky und Miriam Verweyen (Violine) sowie Rebecca Desaga (Querflöte) und Michael Burkner (Fagott).


25.01.2018 / Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau