Wort zum Reformationsfest

Die Kirche fit for future

Wort zum Reformationsfest

Als Christinnen und Christen tun wir also gut daran, nicht nur auf eine Welt zu zeigen, die im Argen liegt, sondern in der sich Himmel und Erde glücklich verbinden.

Bild: iStock_hope1983

Annekathrin Preidel, Präsidentin der bayerischen evangelischen Landessynode, blickt in ihrem Wort zum Reformationsfest in die Zukunft der Kirche.

Der 31. Oktober 1517 war zwar kein Freitag, sondern ein Mittwoch. Aber er ging trotzdem, wenngleich unter anderem Namen, als Wednesday for Future in die Geschichte ein. Denn das war es, was Luther mit der Kirche Jesu Christi tat: er machte sie fit for future, zukunftsfähig im besten Sinn. Seine Reformation ist ein immerwährendes theologisches Fitnessprogramm.

Wie aber werden wir heutigen Protestantinnen und Protestanten fit for future? Was haben wir unserer aufgekratzten Welt zu sagen? Vor allem eines: dass diese Welt nicht untergehen wird. Und zwar deshalb, weil Gott sich ihrer erbarmt. Nur durch den Geist des Erbarmens wird die Welt versöhnt und aus ihren Selbstverstrickungen befreit. Nur durch den Geist des Erbarmens wird Friede auf Erden einkehren. Nur durch den Geist des Erbarmens wird die Welt vor der Gewalt verschont, die der Mensch ihr antut. In Johannes 16,33 sagt Christus: "In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost. Ich habe die Welt überwunden."

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Die Angst, die angesichts der Probleme unserer Zeit um sich greift, ist das Problem, nicht die Lösung. Panik trübt den Blick und verwirrt die Gedanken. Panik blockiert unsere Kreativität, die Schöpfung zu gestalten. Visionen des Weltuntergangs motivieren niemanden. Stattdessen verstärken sie Frustration, Weltvermiesung, und Hoffnungslosigkeit. Die Logik der reformatorischen Entdeckung des Erbarmens Jesu ist eine andere. Sie stellt uns den menschgewordenen Gott vor Augen, nicht den Menschen, der wie Gott werden soll.

Ich freue mich immer noch, dass wir einen Bezug zur Barmer Theologischen Erklärung von 1934 in die Präambel unserer bayerischen Kirchenverfassung aufgenommen haben. "Jesus Christus ist das eine Wort Gottes?" heißt es in der ersten Barmer These. Jesus Christus, nicht der erhobene moralische Zeigefinger, den heute vielerorts erhoben wird! Jesus Christus, der die Kluft zwischen Sein und Sollen, zwischen Friedlosigkeit und Frieden, zwischen Unheil und Heil und zwischen Himmel und Erde überwindet.

Als Christinnen und Christen tun wir also gut daran, nicht nur auf eine Welt zu zeigen, die im Argen liegt, sondern in der sich Himmel und Erde glücklich verbinden. Das hat nichts mit Schönfärberei, sehr wohl aber mit einem Blick für die ursprüngliche Schönheit der Schöpfung zu tun. Wenn ich die Evangelien des Neuen Testaments lese, wird mir klar, worin die ungeheure Kraft und Faszination Jesu liegt. Sein Erbarmen gab den Menschen ihre Schönheit zurück und ließ sie im Glanz der Kinder Gottes erstrahlen. Was für ein Perspektivwechsel!

Wenn wir als Kirche wirklich im Geist Jesu Christi und im Geist der Reformation Martin Luthers fit for future werden wollen, müssen wir solche Perspektivwechsel einüben und den Blick für die Wirklichkeit Jesu Christi wiederentdecken, in dem sich Erde und Himmel heilsam berühren. Ich jedenfalls habe mich von ganzem Herzen der Vision verschrieben, innerhalb und außerhalb der Kirche solche Orte der Berührung von Himmel und Erde aufzuspüren und diese Orte mit Energie und Fantasie zu gestalten. Orte, an denen der Funke der Hoffnung überspringt. Orte, die Brücken sind, weil sie die Generationen verbinden und die Weitergabe des Feuers der Hoffnung auf Gottes Zukunft ermöglichen. Orte, die Kraftorte des Evangeliums sind!

Mag sein, dass solche Visionen der glücklichen Berührung von Himmel und Erde in unserer gottesskeptischen Gegenwart unweigerlich als fromme Wünsche und Tagträumereien erscheinen. Viel wahrscheinlicher jedoch ist es, dass diese Visionen unsere Wahrnehmung, unsere Haltung und am Ende die Welt verändern - und zwar so, dass der christliche Glaube unseren Möglichkeitssinn und unseren Wirklichkeitssinn zugleich schärft. Denn der Glaube macht uns kreativ. Er weckt in uns den Geist der Entdeckerinnen und Abenteurer und lässt uns zuversichtlich und mutig in die Zukunft blicken und diese gestalten. Er lässt sich von der Wirklichkeit, wie sie zu sein scheint, nicht einschüchtern. Und warum nicht? Weil Jesus Christus selbst das Geheimnis dieser Wirklichkeit ist, und weil das Feuer seines Geistes darauf wartet, von unserer Begeisterung für ihn und für die Möglichkeiten der Welt entfacht zu werden.

Zur Person

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel, Bild: © (c) ELKB / Rost

Annekathrin Preidel

ist die Präsidentin der bayerischen evangelischen Landessynode.


29.10.2019 / Annekathrin Preidel