Wort zum Karfreitag

"Gott macht sich nicht aus dem Staub, wenn es eng wird "

Dornenkrone und brenneder Dornbusch

Gott kapituliert nicht vor der Gewalt, schreibt der Nürnberger Regionabischof Stefan Ark Nitsche in seinem Wort zum Karfreitag.

Bild: Peter Aschoff/ Gott im Berg

"Kapituliert Gott vor der Gewalt?" fragt der Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitsche in seinem Wort zum Karfreitag. "Nein. Er ist da. Mittendrin. Hält aus."

Gewalttat. St. Petersburg, zerfetzte Metrowagons. Chan Schaichun, grausame Wirkung von Chemiewaffen. Stockholm, Fußgängerzonenmord. Tanta und Alexandrien, Blut vor Altären... Menschenopfer. Unschuldige zu Opfern gemacht. Es reicht! Die spontane Reaktion motivierte das Zurückschlagen. Widerwillige Akzeptanz. Reden von "Nachvollziehbarkeit". Später erst nachdenkliches Fragen.

"Und die Erde füllte sich an mit Gewalttat", so der Beginn der Sintflut-Erzählung im Buch Genesis. Menschen als Täter, um ihres Vorteils willen, um ihrer Überzeugung willen, gewissen- oder gedankenlos. Und tief in uns steckt die Sehnsucht nach dem Machtwort, mit dem die Gewalt aus der Welt geschafft wird. In der Tsunamigeschichte aus den Urzeiten der Welt wird das einmal radikal durchgespielt und dabei gleich Gott angedichtet. Zeigt da ein enttäuschter Schöpfer sein wahres Gesicht? 

Es gibt diese Situationen, da fallen alle Masken, da zeigt sich der wahre Charakter. Das gilt auch für den Gott, auf den Christinnen und Christen vertrauen. Der erste Karfreitag der Geschichte war ein solcher Tag.

Kein Gott inkognito - ein wirklicher Mensch

In der Antike war es ja nichts Besonderes, dass Götter sichtbare Gestalt annahmen und auf Erden wandelten. Griechen und Römer erzählten sich viele solcher Geschichten, in denen die Unsterblichen ihren sehr irdischen Interessen und Gelüsten nachgingen und sich in das Leben von Menschen einmischten - meistens ging es um Liebe, beziehungsweise um das, was die Göttlichen darunter verstanden. Der Gott wird Mensch. Nichts Besonderes in einer solchen Welt.

Da tritt am Rand der damals zivilisierten Welt ein Mann auf, der prahlt gerade nicht damit, ein Gott inkognito zu sein. Er will wirklich und wahrhaftig Mensch, will human sein. Er schwingt keine populistischen Reden und er zieht keine Schau ab. Er behandelt alle gleich, wie Mitglieder einer großen Familie. Er macht Ausgrenzungen rückgängig. Immer wieder finden Menschen durch die Begegnung mit ihm zurück ins Leben, werden wieder Teil der Gesellschaft. Nur mit den Heuchlern hat er Probleme. Das ist der Skandal!

Die an der Macht versuchen ihn kalt zu stellen, ironischerweise, indem sie ihm unterstellen, er würde sich als göttlich ausgeben. Und schließlich bringen sie diesen Mann Jesus mit genau diesem Vorwurf in einem Schauprozess zur Strecke. Die brutal logische Konsequenz: Hinrichtung!

Im Leiden zeigt Gott seinen Charakter

Wäre er einer der sattsam bekannten Überirdischen, die ihr irdisches Treiben unter der Maske des Menschlichen verfolgen, wäre jetzt der Augenblick gekommen, das Geheimnis zu lüften, seine wahre Identität aufzudecken, aus dem Spiel auszusteigen und sich dann aus dem Staub zu machen. Aber dem Mann ist es ernst. Er bleibt. Er zeigt Charakter. Seinen. Kapituliert Gott vor der Gewalt? Nein. Er ist da. Mittendrin. Hält aus. Hält sich hin. Hält die Gewalt aus. Gibt er sich preis damit? Verzichtet er darauf Gott zu sein?

Ja. Er verzichtet. Er gibt sich hin. Und gerade darin liegt das göttliche: "Mensch, du bist mir wichtiger als mein Gottsein." Das macht ihn verletzlich, verwundbar, ja. Aber ist das nicht die Verwundbarkeit aller Liebenden? Gott zeigt sein wahres Gesicht.

Eine neue Hoffnung

Da versuchen sie einen klein zu machen, fertig, ihm sein Menschsein zu rauben - aber es gelingt ihnen nicht: Er verliert seine Würde nicht. Täglich geschieht das und zu oft hat es den Anschein, als hätten die Zyniker, die Gewissen- und die Gedankenlosen das letzte Wort.  Drei Tage später aber zeigt sich, dass der Tod nicht das letzte Wort über diesen Menschen hat. Der Gott, auf den der Mann sich immer berief für sein ungebührlich humanes Leben, lässt es ihm nicht. Er ruft ihn aus dem Grab, nicht zurück in ein vergangenes, zerstörtes Leben - nein. Er schafft ihn neu: mit seiner Geschichte, mit seinen verheilten Wunden, mit seiner erlebten Identität: Ostern.

Seit diesem Augenblick ist eine neue Hoffnung in der Welt. Opfer müssen nicht Opfer bleiben. Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ängste können ihre Macht verlieren. Eingeschnürtes kann sich wieder öffnen. Neues kann möglich werden.
 

Zur Person

Stefan Ark Nitsche, Regionalbischof im Kirchenkreis Nürnberg, Bild: © (c) ELKB / Poep

Stefan Ark Nitsche

Oberkirchenrat Stefan Ark Nitsche ist Regionalbischof im Kirchenkreis Nürnberg.


11.04.2017 / Stefan Ark Nitsche/bereitgestellt vom epd