Geistliches Wort zum Erntedankfest

Schreiende Ungerechtigkeit in der Lebensmittelindustrie

Geistliches Wort zum Erntedankfest

"Wenn man sich allerdings die Lieferkette vom Acker bis zum Küchentisch genauer anschaut, kann einem der Dank aber auch im Hals stecken bleiben."

Bild: iStock-YinYang

Auf die Zustände in der Lebensmittelindustrie weist Michael Bammessel, 
Präsident des Diakonischen Werks Bayern, in seinem geistlichen Wort zum Erntedankfest hin. 

Ein Dankeschön für die Frau an der Supermarkt-Kasse und der festliche Choral: "Nun danket alle Gott". Beides gehört zum Erntedankfest. Denn dass der Kühlschrank zuhause gut bestückt ist und der Tisch reich gedeckt, haben wir vielen zu verdanken. Natürlich zuerst Gott selbst. Er hat die Natur so wunderbar geschaffen, dass wir aus einer unglaublich reichen Palette von Lebensmitteln wählen können. Aber Dank haben auch die vielen Menschen verdient, die uns diese Schätze zugänglich machen: Landwirte im In- und Ausland, Erntehelfer und Pflückerinnen, Sortiererinnen und Lagerarbeiter, Lokführer und Lkw-Fahrer, Kaufleute, Kassiererinnen und viele mehr. Lang ist die Kette, über die viele Lebensmittel zu uns gelangen. Alle die dazu beitragen, haben zumindest einmal im Jahr unseren Dank verdient.

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Wenn man sich allerdings die Lieferkette vom Acker bis zum Küchentisch genauer anschaut, kann einem der Dank aber auch im Hals stecken bleiben: Denn auffällig viele Menschen, die an der Erzeugung und Verteilung unserer Lebensmittel beteiligt sind, müssen für einen erschreckend geringen Lohn arbeiten. Das gilt für manchen Landwirt bei uns, erst recht aber für viele Bauersfamilien in Übersee, woher wir zum Beispiel Kaffee, Südfrüchte, Körner und vieles mehr beziehen. Sie leben nicht selten in bitterer Armut. Und so geht es weiter: Schlecht bezahlte Arbeiter an Häfen und Flughäfen, prekär beschäftigte LKW-Fahrer aus Osteuropa oder dann die Frau an der Supermarkt-Kasse bei uns, die womöglich mit einem Teilzeit-Job im Niedriglohnbereich so wenig verdient, dass es nur so grad zum Leben reicht.

Reich werden im Lebensmittelhandel meistens andere, zum Beispiel Großgrundbesitzer in Lateinamerika, Finanzjongleure an den Rohstoffbörsen, multinationale Lebensmittelkonzerne oder die Eigentümer großen Handelsketten in Deutschland. Dieses Ungleichgewicht ist an manchen Stellen zu einer schreienden Ungerechtigkeit geworden - und das ausgerechnet bei dem Gut, das jeder Mensch braucht: Nahrung zum Leben. Dabei sagt doch schon die Bibel: "Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert." Übersetzt bedeutet das: Faire Löhne an jeder Stelle der Handelskette sind kein Luxus, sondern ein Gebot Gottes. Fair-Trade-Produkte, die es da und dort zu kaufen gibt, sind ein Anfang. Doch es ist dringend erforderlich, dass faire Löhne zum Standard für alle Stufen des Handels werden.

Zur Person

Das Bild zeigt den Diakoniepräsidenten Michael Bammessel, Bild: © ELKB

Michael Bammessel


Präsident des Diakonischen Werks Bayern
 


27.09.2017 / Michael Bammessel/epd