Höhenangst auf der Chorempore

Der Windsbacher Knabenchor singt seine 500. Motette in St. Lorenz

Windsbacher Chorgruppe

Windsbacher Chorgruppe

Bild: Mila Pavan

Wer in Nürnberg wohnt, hat einige Male im Jahr die Chance, den berühmten Windsbacher Knabenchor in der Lorenzkirche zu genießen - bei der "Lorenzer Motette".

Nürnberg (epd). Von Höhenangst auf der Chorempore bis zu den Gastfamilien nach dem Konzert: ehemalige Windsbacher Knaben haben bei den Motetten-Konzerten in Nürnberg in über 70 Jahren viel erlebt. Am 12. Oktober steht ein ganz besonderes Konzert auf dem Spielplan: die 500. Motette. Die erste wurde am 18. Juni 1955 gesungen. Seit 1956 erklingen jährlich sechs bis acht solcher Chor-Werke aus sämtlichen Epochen in St. Lorenz. Die "Lorenzer Motette" und die Windsbacher sind ein untrennbares Team geworden sind.

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Ein Sängerknabe der ersten Stunde war Franz Peschke. 1948 trat er am humanistischen Gymnasium dem vom ehemaligen Dresdner Kruzianer Hans Thamm gegründeten Chor bei und wurde "Motetten-Kind", wie sich viele Windsbacher noch heute bezeichnen. "Thamm wollte unseren Chor weg von der Provinz, etwas näher in Richtung Stadt bewegen. Nicht zuletzt, um auch Sponsoren zu finden", sagt der 80-Jährige Peschke. In Nürnberg sangen die Knaben am Samstagabend ihre Motetten und am Sonntag dann im Gottesdienst. Über Nacht waren sie bei festen Gast-Familien untergebracht.

Die Übungsdisziplin bei den Windsbachern war hart und prägend. Zwei Stunden Singen am Tag war Pflicht am evangelischen Studienheim, wo zwischen Sängern und Nicht-Sängern unterschieden wurde. Während erstere am Wochenende nach Nürnberg zum Motetten-Konzert fuhren, konnten die anderen nach Hause. "Nach dem Stimmbruch gehörte man auch zu Gruppe zwei, erklärt Peschke.

Solange man aber noch mit im Chor war, zeigten die Heranwachsenden dies auch stolz. Pop und Jazzmusik waren tabu, auch gegenüber volkstümlichen Klängen zeigte man sich eher verächtlich. "Wir haben nur Heinrich Schütz und Bach gekannt. Die Musik hat mich letztlich auch zum Theologen gemacht", erklärt der ehemalige Nürnberger Kreisdekan (1994 - 1997).

Wolfgang Popp war zwischen 1970 und 1979 als Sopran, Alt und im Bass mit dabei. "Manchmal waren wir über Nacht bei älteren Damen, die einen zum Abendessen ausführten und sich einfach über ein bisschen Gesellschaft in Form eines 'Enkels' freuten", erinnert sich der Pappenheimer Dekan. 

Die Motetten werden auch heute noch immer von der Orgelempore gesungen. Ab und zu fiel auch mal eine Notenmappe hinab. "Gott sei Dank wurde nie jemand getroffen", sagt Popp. Während der oft langen Predigt erkundeten die Jungen die Kirche. "Wir sind in den Gängen umhergeschlichen, waren auf dem Dachboden oder sind die Leitern zu den Glocken hoch. Davon durfte natürlich Herr Thamm oder der Organist nichts wissen. Der Ärger wäre groß gewesen."

Als Tenor des A-cappella-Ensembles Viva Voce steht David Lugert heute mit seinen vier Sängerkollegen auf der Bühne. Der Profi hat bereits in seinen "Zehner-Jahren" um die 100 Motetten mit den Windsbachern gesungen. Dabei sei die "Lorenzer Motette" immer etwas Besonderes gewesen. "Aber auch etwas mulmig, weil die Chorempore in der Lorenzkirche einfach sehr weit oben ist", erinnert sich der 39-Jährige.

Gezittert hätten die Knaben auch um Chorleiter Karl-Friedrich Beringer. Der habe sich nicht wie vorgesehen auf den Dirigentenplatz, sondern eine Stufe höher an die Brüstung gestellt und sich häufig an das schmale Geländer gelehnt, "hinter dem es 20 Meter in die Tiefe ging", beschreibt Lugert. Nach der Stellprobe seien sie gern zum nahe gelegenen Schnellimbiss gegangen. Das habe auch Beringer gewusst. "Wenn wir nicht gut gesungen hatten, kam es schon mal vor, dass er die Probe so lang überzog, bis keine Zeit mehr blieb, um den geliebten Hamburger zu essen. Das war dann oft eine kleine Katastrophe für uns Buben."

Wenn am 12. Oktober nun die 500. Motette gesungen wird, dann geschieht dies auf die gewohnte Weise. "Wort, Orgelmusik und Chormusik, dazu nur ein paar Grußworte vorab", ergänzt künstlerische Leiter Martin Lehmann. Dass es im Anschluss zum Staatsempfang nebenan ins Heimatministerium geht, sieht Lehmann als Wertschätzung des Chors. "Wenngleich die bayerische Staatsregierung vielleicht nicht so groß eingeladen hätte, wenn wir kein Wahljahr hätten", fügt er augenzwinkernd hinzu.


10.10.2018 / Timo Lechner (epd)