Welthospiztag 2017

Im Gasthaus am Ende des Weges

Lisa im Rollstuhl ist im Hospiz in Naila.

Lisa ist Gast – keine Patientin, keine Bewohnerin im Hospiz in Naila..

Bild: Daniel Wagner

Ein Hospiz gilt immer noch als Sterbehaus. „Aber das ist nicht so“, sagt die Leiterin des Hospizes in Naila in Oberfranken. „Hier geht es oft auch ziemlich lustig zu, hier wird gelebt – bis zuletzt.“

Lisa hat Lungenkrebs und wird sterben. Wann, das weiß niemand, und gerade ist das auch egal, denn heute geht es ihr gut, und sie sitzt auf dem Balkon und raucht. Selbstgedreht. „Soll ich“, sagt sie. „Die Ärztin sagt, ich soll weiter rauchen. Weil sonst mein Immunsystem zusammenbricht. Der Körper ist halt daran gewöhnt.“ Sie gilt als austherapiert – nach Bestrahlungen und Chemotherapien für die Lunge und das von Metastasen befallene Gehirn gibt es nichts mehr zu tun. Aber das ist für Lisa gerade weit weg.

Als sie vor drei Monaten nach Naila zog, sei es ihr schlecht gegangen, sagt Christine Rothemund (51), die Leiterin des Hospizes. „Sie aß kaum, war bettlägerig. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl, fährt in den Garten, dreht ihre Zigaretten – und schöpft Hoffnung.“ Für wie lange, das weiß niemand, und im Augenblick spielt dies für Lisa auch keine Rolle. Die Herbstluft ist warm, und der Apfelbaum hinten im Park hängt voller Früchte. Von drinnen klingt das Klappern von Geschirr, Diana und Barbara, zwei Mitarbeitende des Hospizes, richten das Frühstück.

Zitat

Jeder hat Angst vor dem Sterben. Jeder. Aber meine Arbeit hier hat mir deutlich gemacht: Es geht darum, wie du deine Lebenszeit nutzt.

Barbara arbeitet im Hospiz in Naila

Lisa (64) ist Gast – keine Patientin, keine Bewohnerin. Eine Unterscheidung, auf die Christine Rothemund Wert legt. „Wer zu uns kommt, darf bis zum Ende des Lebens hier alles selbst bestimmen. Wann gegessen wird, ob überhaupt gegessen wird, wann jemand gewaschen wird – das kann jeder für sich entscheiden.“ Und wer rauchen möchte, und das noch kann, darf eben auch das. Lisa verzichtet auf das Frühstück, sie sitzt lieber draußen. Die Haare hat sie längst verloren, und auch die Beine wollen nicht mehr so richtig.

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Ihre Dinge, sagt Lisa mit einem breiten Berliner Einschlag, hat sie geregelt. „Ich weiß nur noch nicht, welche Musik zur Beerdigung gespielt werden soll. Countrymusik mag ich gerne.“ Dann fährt sie mit dem Rollstuhl in den kleinen Park hinter dem Hospiz, vorbei am Apfelbaum, zur großen Kastanie. Das ist ihr Lieblingsplatz, sagt sie. Zwischen einem halben Jahr und zehn Jahren – das war die Prognose der Ärzte. „Mein halbes Jahr ist rum“, sagt sie, „jetzt geht’s auf die zehn Jahre zu.“ Dann lacht sie. „Was soll ich hier mit so einem Gesicht sitzen – was bringt mir das denn?“ Angst hätte sie keine, noch nie gehabt. „Ich habe schon einmal Krebs überlebt, doch dann kam diese Lungenentzündung.“ Sie hat einen Computer, ein Tablet, und über Facebook hält sie Kontakt mit der Familie, mit Freunden und mit den Gästen ihrer Kneipe, die sie in Selb betrieben hat.

„Die sind da alle“, sagt sie. Nur mit der Computermaus, das geht manchmal nicht mehr so gut. Dann spürt sie ihn doch, den Krebs, der sich eben auch langsam im Gehirn ausbreitet. „Das nervt mich. Und dass ich nicht mehr laufen kann.“ Aber sie übt, sagt sie, und bald will sie wieder mit dem Rollator unterwegs sein.

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Hier können Sterbende leichter loslassen

Ob Lisas Pläne realistisch sind? Christine Rothemund schweigt einen Moment: „Jeder Mensch braucht seine Zeit, um das Sterben und das kommende Ende anzunehmen. Und wenn ich nicht direkt gefragt werde – warum sollte ich jemandem die Hoffnung nehmen?“ Und auch das gibt es ja – Entlassungen aus dem Hospiz. „Wir hatten eine Dame hier, die zum Sterben zu uns gekommen ist“, erzählt Rothemund. „Dann wurde sie Oma, und nun lebt sie seit drei Jahren wieder zu Hause. Wir rufen sie regelmäßig an Weihnachten an und erkundigen uns, wie es ihr geht.“

Aber das sind Ausnahmen, die durchschnittliche Verweildauer in Naila allerdings liegt bei zweiundzwanzig Tagen. „Es gibt Gäste, die leben ein halbes Jahr bei uns. Andere nur wenige Stunden.“ Nur wenige Stunden? „Sie werden aus dem Krankenhaus hierher verlegt oder kommen von zu Hause – oft, weil das Sterben die Angehörigen belastet.“ Der Transport in das Hospiz sei zwar anstrengend. „Wir merken aber: Die Sterbenden können hier leichter loslassen. Sie und ihre Angehörigen werden begleitet, sind nicht alleine, können zur Ruhe kommen.“

Informationen zum Thema Herbstsammlung 2017

Herbstsammlung 2017

Die traditionelle Herbstsammlung der Diakonie Bayern findet seit über sechzig Jahren statt. Gesammelt wird sowohl in den evangelischen Gottesdiensten, auf der Straße und an den Haustüren. Spenden sind aber auch online unter www.diakonie-bayern.detelefonisch unter der Spendenhotline 0800 – 700 50 80 möglich oder an 
Diakonische Werk Bayern e.V.,
Evangelische Bank eG
IBAN: DE20 5206 0410 0005 2222 22
BIC: GENODEF1EK1
Stichwort: Herbstsammlung 2017

Acht Plätze hat das Hospiz in Naila, auf 60 000 Einwohner kommt in Bayern ein Hospizplatz. Zu wenig, sagt Christine Rothemund und zeigt auf ihren Schreibtisch. Die Aufnahmeanträge stapeln sich. Wer in Naila einziehen möchte, muss warten – mehrere Wochen sind es in der Regel. Nicht selten aber kommt der freie Platz aber zu spät. Die Kosten eines Hospizes werden zu 95 Prozent von den Kassen getragen, die restlichen fünf Prozent müssen die Träger über Spenden beitragen. 50 000 Euro sind das in Naila. Der Tagessatz liegt bei über 300 Euro, knapp 270 übernehmen seit dem Hospiz- und Palliativgesetz aus dem Jahr 2015 die Kassen. Die Gäste selbst müssen sich an Kosten nicht beteiligen.

Neben dem Büro von Christine Rothemund im ersten Stock liegt der Raum der Stille. Ein Sofa, zwei Sessel, ein Stuhlkreis und an der Wand ein großes Kreuz. Darunter die Kerzen. Etwa drei dutzend, bunt verziert, auf jeder steht ein Name. „Jeder Gast, der hier einzieht, bekommt eine Kerze mit seinem Namen – als Einzugsgeschenk von uns“, sagt Rothemund. Die Kerze wird nach dem Tod angezündet und steht dann auf dem Nachtkästchen. Ein Ritual, wie viele hier in Naila: Wenn ein Gast stirbt, wird er von den Mitarbeitenden bis zum Wagen des Beerdigungsinstituts begleitet – mit der Kerze. „Die Gäste gehen durch die Vordertür“, betont Rothemund, „und nicht still und heimlich durch den Keller oder den Hinterausgang.“ Sie verlassen das Haus durch die Tür, durch die sie auch hineingekommen sind. Nicht immer leicht für die Anwohner, doch die hätten sich mittlerweile daran gewöhnt.

Menschenskind 10/17 - der Videoblog der Diakonie Bayern. Zum Thema Hospiz.

Ja, die Menschen seien offener geworden, sagt Diana (40), die seit acht Jahren in Naila arbeitet. „Früher dachten viele, hier werden die Leute zum Sterben abgeschoben. Mittlerweile spricht sich herum, um was es hier geht, dass die Menschen hier leben, so gut und so reich es geht, und das bis zum Ende.“ Und auch sie selbst hätte für sich entschieden: Sollte sie ohne Aussicht auf eine Heilung erkranken – sie würde im Hospiz sterben wollen. Trotzdem, sagt ihre Kollegin Barbara: „Jeder hat Angst vor dem Sterben. Jeder. Aber meine Arbeit hier hat mir deutlich gemacht: Es geht darum, wie du deine Lebenszeit nutzt.“

Eine Kerze unter dem Kreuz im Raum der Stille

Das eigene Leben und Sterben ausblenden: in einem Hospiz trotz aller professionellen Distanz unmöglich. „Als ich hier angefangen habe, vor acht Jahren, da war meine eigene Tochter gerade ein halbes Jahr alt. Hier habe ich das Ende des Lebens erlebt, und zu Hause wartete ein Baby auf mich – ich war mir lange nicht sicher, wie lange ich hier arbeiten werde.“ Mittlerweile könne sie besser abschalten. Auch wenn es Erlebnisse gebe, die sie noch lange verfolgen – wie etwa jene Frau, die in Naila starb und zwei kleine Kinder zurückließ. Aber es gibt auch Geschichten, die zeigen, was noch möglich ist – auch am Ende des Lebens. „Wir hatten eine junge Frau aus Moldawien hier, die unbedingt zu ihrer Familie nach Hause sollte.

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Die Kasse weigerte sich aber, den Transport zu übernehmen. Also hat der Mann einen Transporter gekauft, einen Arzt als Begleitung organisiert, und die Frau konnte dann noch zwei Wochen bei ihrer Familie sein, ehe sie dort starb.“ Auch an sie erinnerte eine Kerze unter dem Kreuz im Raum der Stille. Rothemund: „Einmal im Jahr laden wir die Angehörigen der Gäste, die im letzten Jahr bei uns verstorben sind, zu einem Erinnerungsgottesdienst

ein. Dann werden alle Kerzen nochmals angezündet und nach dem Gottesdienst den Angehörigen mitgegeben.“ Auch für die Mitarbeitenden ist dies ein besonderer Moment – der letzte Abschied. „Das ist für uns auch ein schwerer Abend“, sagt Diana, „denn da kommen alle Erinnerungen nochmals hoch. Es ist ein erneutes Abschiednehmen. Aber dann ist es gut. Wir können nicht alles mitnehmen.“

Lisa sitzt auf dem Balkon. Der Abschied, sagt sie, sei noch lange nicht dran. „Und nach dem halben Jahr erst recht nicht. Ich habe meinem Mann versprochen, dass wir fünfundzwanzigjährigen Hochzeitstag feiern.“ Der ist in fünf Jahren. Und im nächsten Jahr fi ndet in Selb ein Mittelalterfestival statt, da will sie hin. Aber heute gibt es erst mal – Bratwürste. „Ich mach aus meiner Bratwurst eine Currywurst. Ist doch klar.“ Dann zündet sie sich eine weitere Zigarette an. Auf dem kleinen Tisch in ihrem Zimmer steht die Kerze mit ihrem Namen.


11.10.2017 / Daniel Wagner