Weihnachtslieder im Stadion

Süßer die Schnüdel nie singen

Das beleuchtete Willy-Sachs-Stadion in Schweinfurt

Bayernweite Premiere: Das Weihnachtsliedersingen zauberte eine besondere Atmosphäre ins Schweinfurter Willy-Sachs-Stadion

Bild: Kuschel

Zu Hause oder in der Kirche kann jeder Weihnachtslieder singen - aber in einem Fußballstadion? Was in anderen Bundesländern schon Tradition hat, feierte am Sonntag in Schweinfurt bayerische Premiere.

"Wir wollen Kirche in Schweinfurt neu erfahrbar machen, abseits der üblichen Wege." Das haben sich die evangelische Citykirche und die Katholische Citypastoral auf die Fahnen geschrieben. Und so ziehen der evangelische Pfarrer Heiko Kuschel und sein katholischer Kollege, Pastoralreferent Ullrich Göbel, gewöhnlich freitags eine Wagenkirche durch die Innenstadt hinter sich her und suchen das Gespräch mit Passanten und geben Impulse fürs Wochenende.

Für den vierten Adventssonntag haben sich die beiden etwas Neues einfallen lassen. Im vergangenen Jahr war Göbel in Berlin. Beim FC Union Berlin wird seit 13 Jahren regelmäßig im Advent zu einem Weihnachtsliedersingen eingeladen. "Ich saß da im Stadion mit 30.000 Menschen, in einem Meer aus Kerzenlicht, und habe gesungen", erinnert er sich an das Erlebnis bei "Eisern Union": "Das wollte ich auch in Schweinfurt erleben."

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So hat die ökumenische Citypastoral für eine bayernweite Premiere in Schweinfurt gesorgt, für ein Weihnachtsliedersingen im Willy-Sachs-Stadion. Die "Schnüdel", wie der Bayernligist FC Schweinfurt 05 in der Stadt genannt wird, waren schnell Feuer und Flamme für die Idee, und auch die Jugendkirche "kross" wurde mit ins Boot geholt. Musiker und Sänger aus der Region ließen sich ebenfalls für die Idee begeistern.

Da, wo gewöhnlich der Fußball rollt, war eine Bühne aufgebaut. Am Eingang bekam jeder der rund 1.500 Besucher eine Kerze und ein Liederheft in die Hand gedrückt. Die Tribüne füllte sich schnell, und auch die beiden Fanblocks waren gut besetzt. Schirmherr Oberbürgermeister Sebastian Remelé (CSU) war überrascht: "Eine grandiose Idee. Ich dachte nicht, dass so viele kommen." Er forderte dazu auf, so laut zu singen, "dass die Kriegstreibenden in Syrien es hören und wenigstens für einen kurzen Moment innehalten".

Einzug des Friedenslichts

Die Sehnsucht nach Frieden "in den Familien und weltweit" griff Göbel auf, als er den Auftakt der Veranstaltung ankündigte. Begleitet von einem Fackelträger brachten Kinder das Friedenslicht vor die Bühne. Seit 1986 wird es an der Flamme der Geburtsgrotte Christi in Bethlehem angezündet und von Pfadfinderverbänden in die Welt getragen. Im Sachs-Stadion gaben die Kinder und Jugendlichen das Licht an die Besucher weiter. Bald erstrahlten die Zuschauerränge im Kerzenlicht.

Nicht nur das zauberte eine besondere Stimmung ins Stadion. Zu den Klängen des Saxofons (Michel Elsen) zeigte die Jonglage- und Artistikgruppe "firlefanz" eine Fackeljonglage. Der Posaunenchor eröffnete schließlich das gemeinsame Singen. Aus tausenden Kehlen erklang "Leise rieselt der Schnee", dank der Liedhefte mit Text durch alle Strophen.

Lebhaftes Mitsingen

20 altbekannte Advents- und Weihnachtslieder zum Mitsingen gab es, begleitet von Musikern und Chören. Was mit besinnlichen Melodien begann, weckte schon beim dritten Lied, dem "Feliz Navidad" des Familienquartetts Elsen, erste Begeisterungsäußerungen. Lebhaftes Mitsingen provozierte auch der Unterstufenchor des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums. Wer singt nicht gern bei Rolf Zuckowskis "In der Weihnachtsbäckerei" mit?

Der Gesamtchor präsentierte Weihnachtslieder professionell vielstimmig. Das aber hielt die sangesfreudigen Gäste nicht davon ab, ebenfalls mitzusingen. Und spätestens mit den "Jingle Bells" des Posaunenchors waren wieder alle einstimmig und einhellig dabei. Vor der "Halbzeitpause" gaben Kuschel und Göbel noch in bewährter Wagenkirchemanier den Pausenimpuls. Im humorvollen Zwiegespräch sinnierten sie über die Esel, die tierischen und die menschlichen dieser Welt.

"Echt toll, aber einfach zu kalt"

Der Esel als "Haustier Gottes" war am Ende Vorbild für alle. Er sei nämlich ein Meister der Gelassenheit. Diese Gelassenheit, so Kuschel, könnten alle Menschen haben, "weil Gott mittendrin ist in unserer Welt, auch wenn's manchmal nicht so aussieht". Viele der Besucher nahmen diesen Impuls allerdings nicht mit in die Pause, sondern mit nach Hause. Ein Drittel der Gäste machte sich nach einer guten Stunde auf den Heimweg. Warum, fasst eine Besucherin zusammen: "Es war echt toll, ich wäre gern noch geblieben, aber es ist einfach zu kalt."


20.12.2016 / Ursula Lux (epd)