Oberammergau

Unikate nach Maß

Unikate nach Maß

"Jede Krippe ist anders", sagt der Künstler.

Bild: iStock-Juan Villalobos

Seit mehr als 30 Jahren schnitzt der Oberammergauer Holzbildhauer Tobias Haseidl Krippen nach Wunsch seiner Kunden. 

Für die meisten Menschen spielen Weihnachtskrippen nur sechs Wochen im Jahr eine Rolle. Tobias Haseidl jedoch beschäftigt sich seit über 30 Jahren beinahe jeden Tag mit Maria, Josef und dem Jesuskind: Der 53-Jährige ist Krippenschnitzer in Oberammergau.

angweilig geworden ist ihm das Weihnachtsthema in all den Jahren nicht. "Jede Krippe ist anders", sagt der Künstler. Das liegt auch an ihm selbst: "Als ich Vater geworden war, hab ich dem Josef auch mal das Kind in den Arm gelegt." Das Klischee vom Josef als stillen Betrachter im Hintergrund passte plötzlich gar nicht mehr zu Haseidls eigener Lebenserfahrung.

uch die Maria fordert ihm jedes Mal aufs Neue alle Kunstfertigkeit ab. Eine ansprechende, schöne junge Frau soll sie sein, "aber keine Barbie", sagt der Schnitzer. Und weil Schönheit immer etwas mit Symmetrie zu tun hat, muss Haseidl ganz exakt zu Werke gehen. Ein Schnitt zu viel und die Maria hat ein fliehendes Kinn - "dann hast du schon verloren", weiß der Kunsthandwerker.

Volle Konzentration ist deshalb gefragt, denn Stress und Hektik verderben das Ergebnis. So wird Haseidls Beruf trotz 70-Stunden-Woche gleichzeitig zu seinem persönlichen Entschleunigungsprogramm.
 

Obwohl Krippen zur Weihnachtszeit Hochkonjunktur haben, ist Krippenschnitzer bei jungen Holzbildhauern kein gefragter Job. "Das Niveau steigt, man muss immer vorn dabei sein, und es gibt keine finanzielle Sicherheit", zählt Haseidl auf. Deshalb leidet die Krippenschnitzkunst bayernweit unter Nachwuchsmangel - ob in der Rhön, der Oberpfalz oder in Oberbayern. Selbst im Schnitzer-Mekka Oberammergau hat in vielen Schaufenstern industriell gefertigte Massenware Einzug gehalten.

Aber der Vorsitzende des Lukasvereins, in dem die Schnitzergilde des Orts versammelt ist, spürt auch eine leichte Trendwende. "Der Mainstream der 1980er-Jahre ohne Ecken und Kanten lockt niemanden mehr hinterm Ofen vor", sagt Haseidl. Er verzeichnet ein immer jüngeres Publikum ab Mitte 30 unter seiner Kundschaft: "Die wollen keine 19-teilige Krippe für 100 Euro, sondern haben eigene Vorstellungen."

Und die will der Künstler aus seinen Kunden herauskitzeln. Welches Gefühl verbindet jemand mit Weihnachten? Was sieht er, wenn er die Augen schließt und an eine Krippe denkt? Ideen ernstnehmen, Möglichkeiten aufzeigen, gemeinsam ein Ergebnis entwickeln - dieser Prozess sei "Vertrauenssache", beschreibt Haseidl die klassische Beratungstätigkeit.

Wenn seine Kunden die Werkstatt voll Vorfreude verlassen, ist er zufrieden und macht sich ans Werk. Etwa zehn Tage braucht der Krippenschnitzer für eine Heilige Familie mit 20 Zentimeter hohen Figuren, rund 2.000 Euro kostet das. Dafür entsteht ein Unikat, das den Geschmack und das Gefühl der Auftraggeber trifft.

Und was bedeutet Weihnachten für jemanden, der sich das ganze Jahr damit beschäftigt? Haseidl wiegt den Kopf. Beim Weihnachtsthema gebe es zwei Lager - jene, die sich mit Konsumartikeln "zuschütten", und jene, die den Konsum verteufeln. "Weihnachten, das sind für mich zwei Stunden der Einkehr, Zufriedenheit und Stille", sagt Haseidl. Das ist wenig und viel zugleich.


23.12.2018 / epd