Allgäu

Getauft werden wie einst Jesus

Taufe im Allgäu

Insgesamt 18 Kinder und ein Erwachsener werden in einem Gottesdienst am Ufer des Sees getauft.

Bild: By Flodur63 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

Am Tauffest am Alpsee in Immenstadt, am Samstag, 7. Juli, nehmen 19 Täuflinge teil. Es ist Teil des Projekts, mit dem die bayerische Landeskirche die Taufe wieder stärker ins Bewusstsein rücken will.

Das Taufkleid für die kleine Lena hat Jana Gerhard schon besorgt. Zusammen mit der Taufpatin des Kindes hat sie eine Taufkerze gestaltet. Und auch der Taufspruch steht fest. Das große Fest kann also kommen. "Das wird für mich eine ganz neue Erfahrung", sagt Gerhard. Die gebürtige Thüringerin lebt seit zehn Jahren in Immenstadt im Allgäu. Sie selbst ist nicht getauft, auch ihre Geschwister nicht. Jana Gerhards Tochter Lena jedoch wird am kommenden Samstag (7. Juli) eine ganz besondere Taufe erleben: Die knapp Zweijährige wird bei einem gemeinsamen Fest von fünf evangelischen Kirchengemeinden am Alpsee bei Immenstadt die Taufe empfangen.

Insgesamt 18 Kinder und ein Erwachsener sollen an diesem Tag in einem Gottesdienst am Ufer des Sees getauft werden. Rund 250 Angehörige und Gäste werden an dem Fest teilnehmen. "Wir waren selbst überrascht, dass es so viele sind", sagt die Immenstädter Pfarrerin Marlies Gampert. "Das freut uns natürlich."

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Gampert ist Mitglied in der sogenannten "Tauf AG" des Dekanats Kempten. Das Team aus Pfarrerin und Pfarrern soll Ideen entwickeln, wie man die Taufe im Dekanat attraktiver machen kann. Zusammen mit dem Dekanat Freising hat Bayerns evangelische Landeskirche Kempten zur Modellregion gemacht. "Die Taufe ist eine Schlüsselkasualie, weil sie den Zugang zu unserem Glauben und unserer Kirche eröffnet", sagt Jörg Hammerbacher, der als Referent für Gemeindeentwicklung in der bayerischen Landeskirche für das Thema zuständig ist. Ziel sei es, über die Taufe "zu einer kontinuierlichen Kommunikation mit den Eltern zu kommen und mit Familien im Kontakt zu bleiben". Neben dem Tauffest gibt es dabei im Dekanat Kempten noch weitere Ideen, um die Taufe ins Bewusstsein zu rücken - etwa das Geburtsläuten der Kirche im Heimatort oder ein Willkommensgruß auf der Neugeborenenstation.

Hintergrund für die Bemühungen: Immer weniger Eltern in Bayern lassen ihre Kinder taufen. So sank die Zahl der Taufen im Bereich der evangelischen Landeskirche zwischen 1998 und 2015 von 27.000 auf 21.000 pro Jahr. Die Ideen und Strategien, die die beiden Modellregionen entwickeln, sollen helfen, diesen Trend zu stoppen.

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Herr Hammerbacher, was ist das Ergebnis der Befragung?

Wir wollten herausfinden, was die Eltern bei der Taufentscheidung für ihr Kind bewegt. Warum entscheiden sie sich für eine Taufe - oder warum dagegen? Eltern gaben an, dass der persönliche Kontakt mit dem Pfarrer für sie besonders wichtig war. Früher war das ja oft keine Frage: Wer evangelisch war, hat sein Kind taufen lassen. Heute ist das eine ganz bewusste Entscheidung: Soll das Kind von Anfang an mit einer religiösen Prägung aufwachsen oder nicht? Da wollen die Eltern einfach gut informiert und begleitet werden. Das gilt umso mehr, als sie ja in vielen Fällen längst nicht mehr beide evangelisch sind. Der Partner kann katholisch sein oder muslimisch, manchmal ist er aus der Kirche ausgetreten, manchmal hat er nie einer Kirche angehört.

Was bedeutet das mit Blick auf das Thema Taufe?

Dass das Thema von den Eltern sehr oft sehr intensiv diskutiert wird und manchmal auch zu Konflikten führt. Denn es ist ja direkt mit der Frage verknüpft: Welche Rolle soll die Religion bei der Erziehung spielen? Deswegen kommt den Pfarrerinnen und Pfarrern im Taufgespräch so eine wichtige Rolle zu. Sie müssen gut beraten, ohne Druck auszuüben - aber vielleicht schon mit dem Hinweis, dass die Taufe durchaus etwas Sinnvolles sein kann.

Was passiert mit den Erkenntnissen aus den Modelldekanaten Kempten und Freising?

Das Projekt läuft noch bis Anfang 2019. Uns ist vor allem wichtig, dass die Dekanate bis dahin für sich eine gute Form gefunden haben, um über die Taufe mit den Menschen in ihren Gemeinden in Kontakt zu kommen - und dann auch in Kontakt zu bleiben. Die Ideen, die jetzt in Kempten und in Freising entwickelt werden, werden wir dann natürlich auch an andere Dekanate weitergeben. Unsere Erfahrung ist: Wenn in einer Region etwas gut funktioniert, dann übernehmen auch die anderen das gerne.

"Sein Kind taufen zu lassen ist nicht mehr selbstverständlich", sagt Pfarrerin Gampert: "Selbst bei Menschen, die noch in der Kirche sind." Längst seien diese nicht mehr so religiös geprägt wie früher. Hinzu komme, dass Partner häufig unterschiedlichen Konfessionen oder Religionen angehörten, manche seien gar nicht mehr in der Kirche. Alleinerziehende Eltern scheuten sich darüber hinaus mitunter, ein Familienfest wie die Taufe zu feiern, meint Gampert: "Bei manchen spielt vielleicht auch das Finanzielle eine Rolle."

Auch Jana Gerhard ist alleinerziehend. Die Kosten für die Taufe seien für sie kein Thema gewesen, sagt sie. "Mir geht es darum, dass bei Lena ein Grundstein für den Glauben gelegt wird", erklärt sie. "Später kann sie dann selbst entscheiden, ob sie dabeibleiben will." Erleichtert habe ihr die Entscheidung, dass das Tauffest im Freien stattfindet. "Ich finde es toll, dass die Feier am See sein wird", sagt sie. Kirchen habe sie immer schon als beklemmend empfunden.

Mit dem Tauffest habe man einige Menschen von der Taufe überzeugen können, die es sonst möglicherweise nicht gemacht hätten, glaubt Marlies Gampert. Der Pfarrerin gefällt die Idee einer Gemeinschaftstaufe am See. Es erinnere sie an die Ursprünge des Christentums: "Jesus wurde im Jordan getauft", sagt sie. Wie damals kann auch beim Tauffest am Alpsee jeder zuschauen, der vorbeikommt. Die Täuflinge empfangen dabei die Taufe von ihren jeweiligen Ortspfarrerinnen und -pfarrern. "Manche werden im See getauft, andere mit Seewasser an einem Altar am Ufer", erläutert Gampert.

Mit der Taufe freilich sei es dann aber nicht getan, weiß die Pfarrerin. "Wir müssen auch danach dranbleiben." Mit ihrer Gemeinde plane sie deshalb, immer am Jahrestag der Taufe Kontakt zu den Eltern und den Täuflingen aufzunehmen: "Damit die Verbindung zur Kirchengemeinde nicht wieder abreißt."
 


01.06.2025 / epd/Andreas Jalsovec