Tag der Autobahnkirchen

Rastplatz für die Seele

Ökumenische Autobahnkirche Waidhaus

Die ökumenische Autobahnkirche Waidhaus an der A6 - Nürnberg-Prag, Ausfahrt Waidhaus (AS 76).

Bild: Konrad Lackerbeck Konrad Lackerbeck [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)] Wikimedia Commons

Eine Million Menschen besuchen im Jahr Autobahnkirchen. Was sie bei ihren kurzen Stippvisiten suchen, erzählt Gunhild Stempel. Sie betreut die Autobahnkirche in Waidhaus in der Oberpfalz.

Sie hat etwas Trotziges, wie sie so dasteht mit ihrem roten Anstrich, ihrer aufrechten Statur und Massivität inmitten des flüchtigen Verkehrs. Die Autobahnkirche Waidhaus steht an einem historischen Ort: Bis zum Beitritt Tschechiens zum Schengen-Abkommen befand sich im oberpfälzischen Waidhaus der größte deutsch-tschechische Grenzübergang. Rozvadov auf der anderen Länderseite ist bekannt für seine Spielkasinos - und seine deutschen Touristen. Die historische Salzstraße Nürnberg-Pilsen-Prag führte hier einst vorbei und der Jakobsweg von Prag nach Santiago di Compostela noch immer. Nur 300 Meter entfernt braust der Verkehr der Autobahn A6 Nürnberg-Prag vorbei.

Auf dieser Strecke nun bäumt sich die Autobahnkirche Waidhaus auf - gegen alle Strömungen der Zeit, gegen die Hektik des Alltags, die Mobilität der globalisierten Welt, gegen die Grenzen von Ländern und Religionen. Denn die Autobahnkirche steht für alle offen. Sie ist eine Brücke zwischen Ost und West, zwischen Deutschland und Tschechien. Sie ist auch die erste ökumenische Autobahnkirche Bayerns und, wenn man so will, das sichtbar gewordene Lebenswerk Gunhild Stempels.

Um besser einschlafen zu können, drehte sie eines Nachts den Fernseher an. "Ich gucke sonst nie. Aber da sah ich einen Film über Autobahnkirchen", erzählt die 78-Jährige. Das war die Initialzündung für die Laienpredigerin. Als ob ihr Leben bis dahin noch nicht ausgefüllt genug war: Sie hatte gerade ihren Mann verloren, drei Kinder zu versorgen und arbeitete als Gymnasiallehrerin. Doch nun war sie kurz vor der Rente und auf der Suche nach einem Nebenamt. "Überleg doch mal, ob dieses kleine Kirchlein am Ortsrand, eigentlich verfallen, dafür nicht geeignet wäre", habe sie sich gedacht. Dann sollte die Nebenkirche auch noch renoviert werden. Für Stempel war es "die Gelegenheit". "Jetzt konnte ich gar nicht mehr schlafen und dachte immer nur: Das ist es!"

Mehr zum Thema

Es gab zwar Hürden zu überwinden, die Genehmigungen beim evangelischen Regionalbischof und katholischen Bischof einzuholen. Als Nebenkirche der katholischen Pfarrkirche in Waidhaus gebaut, wurde sie zur Zeit der Reformation zwar evangelisch, bei der Gegenreformation 1626 wieder katholisch. Im Jahr 1782 brannte die Kirche ab und 1851 wurde sie mit Teilen des alten Gebäudes wieder aufgebaut, 2003 dann umfassend renoviert.

Stempel sprach auch mit der "Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen", die sich um die derzeit 44 Autobahnkirchenkirchen in Deutschland kümmert, die pro Jahr von rund einer Million Menschen besucht werden. Im Juli 2004 wurde dann schon die ökumenische Autobahnkirche Waidhaus eröffnet. 2013 wurde sie auch Radwegekirche.

Viele Besucher, Reisende von der Autobahn und den Landstraßen, suchen hier ihren Rastplatz für die Seele. "Nach jedem Besuch unseres Nachbarlands Tschechien verweile ich bei der Rückfahrt gerne in diesem schönen Gotteshaus. Es gibt mir wieder etwas Auftrieb für die kommende Zeit", heißt es da im Gästebuch. Oder: "Lass alles gut werden und steh uns bei, Gott. Hilf, dass ich mich wieder auskenne mit mir und meinem Leben."

Gerade hat eine Besucherin die Kirche betreten und zündet vorne am Kerzentisch ein Licht an. Gefragt, an wen sie dabei denke, wendet sich die Frau ab. Nein, sie möchte lieber nicht darüber sprechen. Zwischen all diesen Welten und manchmal Abgründen steht Gunhild Stempel, der die Kirche wie ein Schiff in Bewegung vorkommt. "Ich möchte den Menschen sagen: Hör mal, Gott beschützt dich, ihn gibt es. Sonst stünde ich nicht hier. Das ist doch schön."

Jährlich besuchen etwa eine Million Menschen Autobahnkirchen. Eine Befragung ergab, dass es vor allem Menschen sind, die sonst eher selten in Gottesdienste gehen, die sonst wenig Beziehung zur Kirche haben. Die Autoren der Studie sprechen vom "Autobahnkirchen-Sponti", einen Besuch als "ungeplante Kurzweil zum religiösen Auftanken". Und so wirken die angezündeten Kerzen in Waidhaus wie kleine Hoffnungszeichen auf Deutschlands Straßen.

Am 22. Juli, dem diesjährigen Tag der Autobahnkirchen, wird in fast allen der insgesamt 44 Autobahnkirchen Deutschlands um 14 Uhr eine Andacht mit Reisesegen angeboten.


19.07.2018 / epd/Gabriele Ingenthron