Synodalpräsidentin auf der VELKD-Synode

Mut, die Wirklichkeit Gottes zur Sprache zu bringen

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel

Bild: (c) ELKB / Rost

Kirche muss mehr sein als ein politischer und moralischer Akteur in der Gesellschaft - dafür hat sich Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel vor der Generalsynode der VELKD engagiert ausgesprochen.

Zum Auftakt des Workshops „Kirche im öffentlichen Leben und im Gemeinwesen“ formulierte die Synodalpräsidentin auf der 4. Tagung der 12. Generalsynode der Vereingten Evangelisch-Lutherischen Kirche  Deutschlands (VELKD) "reformatorische Impulse für eine Kirche der Zukunft". Darin setzte sie sich mit den Impulsen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu aktuellen Herausforderungen der Demokratie "Konsens und Konflikt" auseinander. Preidel sprach sich stark dafür aus, die Rolle der Kirche nicht nur auf ihren politischen und moralischen Einfluss zu beschränken. Eine solche Kirche gerate in Gefahr, "die vorletzten mit den letzten Dingen zu verwechseln" und verliere letztlich ihre Daseinsberechtigung.

Zitat

Wenn wir uns als Kirche nur als Kirche im Dauerreformstress, als ecclesia semper reformanda präsentieren, haben wir etwas Wesentliches vergessen: dass wir als in der Zeit wanderndes Gottesvolk Menschen geistliche Heimat geben müssen, wenn wir an unserer christlichen Bestimmung nicht vorbeileben und eine Kirche mit Zukunft sein wollen."

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel

Als Bürgerin zweier Welten habe die Kirche den Auftrag, "zum einen die Botschaft der befreienden Gnade Gottes an alles Volk auszurichten und zum anderen sichtbar zu machen, was es heißen kann, Staatsbürger im christlichen Sinn zu sein". Dazu brauche es "evangelische Köpfe, die den lutherischen Mumm haben, eine Sprache zu sprechen, die Kirche und Welt aus dem Schlaf der Sicherheit und Langeweile politischer, moralischer und theologischer Floskeln weckt".

Wenn Christen nicht nur bessere Politiker sein, sondern der Welt das Evangelium nahebringen wollten, dann müsse die Kirche ein Ort sein, an dem die Menschen Erfahrungen machten, die sie so in ihrem Alltag nicht machen könnten. "Wir brauchen Orte, an denen wir mit dem Himmel in Verbindung treten können. Orte, die anders sind als andere Orte. Orte heilsamer Unterbrechung des Ewiggleichen."

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Zudem brauche die Kirche "evangelische Sprachkraft", so Preidel. Der Brutalisierung der Sprache im politischen und sozialen Raum könne die Kirche nur mit einer Sprache begegnen, "die die Menschen unbedingt angeht und sie mit ihren letzten Fragen und mit dem Gravitationszentrum ihres Lebens in Berührung bringt". Die Evangelische Kirche der Zukunft dürfe nicht in der Welt aufgehen: "Wenn die evangelische Kirche im öffentlichen Raum und im Gemeinwesen kein Raum einer ganz anderen Wirklichkeitsdeutung und Wirklichkeitserfahrung ist, kann sie zusperren."

Populismus und Brutalisierung der Kommunikation seien ein Ausdruck dessen, "dass viele Menschen nichts mehr zu verlieren haben, weil sie glauben, in ihrem Leben und in dieser Gesellschaft nichts mehr zu gewinnen zu haben. Sie erwarten nichts, weil sie sich nicht mehr zugehörig fühlen." Es gelte, die innerlich Emmigrierten in Deutschland zurückzugewinnen - nicht allein durch Sozialarbeit und politisches Engagement, "sondern durch die Verkündigung des Evangeliums, das uns ein Reich vor Augen führt, das nicht von dieser Welt ist, aber in dieser Welt zum Vorschein kommt".

Für eine Kirche der Sehnsucht

Der Sehnsucht nach nationaler Identität und der Angst vor dem Fremden, so Preidel, liege eine Sehnsucht nach Heimat zugrunde, auf die die Kirche eingehen müsse: Als in der Zeit wanderndes Gottesvolk müsse sie Menschen geistliche Heimat geben. "Es wäre nicht verkehrt, wenn wir wieder zu einer Kirche der Sehnsucht würden, die den Nerv jener Sehnsüchte der Menschen trifft, die das alltägliche Leben überschreiten."


15.11.2017 / ELKB