Eschenfelden

Eine Kirche, zwei Stromrechnungen

Corpus-Christi in Eschenfelden

Corpus-Christi Kirche geht auf das 14. Jahrhundert zurück, wobei nur noch der Turm mit seinem Kreuzrippengewölbe mit dem Abschlussstein im Chorraum ursprünglich ist.

Bild: Ev.-luth. Kirchengemeinde Eschenfelden

Diese Idee ist älter als die Ökumene: Protestanten und Katholiken feiern Gottesdienst unter einem Dach - allerdings nicht gemeinsam. Die Corpus-Christi-Kirche in Eschenfelden gehört dazu.

Die Corpus-Christi-Kirche in Eschenfelden ist zur "Simultankirche des Jahres 2017" gekürt worden. Es ist eine ganz besondere Auszeichnung, die der Förderverein Simultankirchen in der Oberpfalz einmal pro Jahr vergibt. "Damit soll das Miteinander der Kirchen, das in einigen Orten der Oberpfalz Normalität ist, besonders gewürdigt werden", sagt Hans-Peter Pauckstadt-Künkler, der Vorsitzende des Vereins. Die Eschenfeldener Kirche ist eine von neun Kirchen in der Oberpfalz, die weder evangelisch noch katholisch ist. Beide Konfessionen feiern dort ihren Gottesdienst. Als habe es das Glaubensschisma nicht gegeben, als gäbe es nur eine christliche Kirche.

Pfarrer Hans Zeltsperger steht der katholischen Gemeinde Edelsfeld vor: Die Corpus-Christi-Kirche ist eine seiner fünf Gottesdienstkirchen, in Eschenfelden leben rund 100 Katholiken. Einmal im Monat findet ein Sonntagsgottesdienst statt und alle drei Wochen einer an einem Werktag am Abend. "Wir sprechen uns jedesmal ab, wann wer den Gottesdienst hält", sagt Zeltsperger. Probleme habe es dabei nie gegeben.

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So sieht es auch sein evangelischer Kollege, Pfarrer Konrad Schornbaum, für den Eschenfelden die Hauptkirche ist. "Wenn die beiden Pfarrer gut miteinander können, dann ist vieles im ökumenischen Miteinander möglich", sagt Schornbaum. In der Sakristei hängt das farbenfrohe Priestergewand neben dem schwarzen Talar des evangelischen Pfarrers, das Weihrauchfass liegt neben der Lutherbibel. Jeder hat einen Ort, wo die liturgischen Gefäße aufbewahrt werden. Die Kanzel benutzen nur die Protestanten.

Beiden Kirchen gehört jeweils ein Anteil von 50 Prozent. Da der größte Teil der Einwohner Eschenfeldens heute evangelisch ist, übernimmt die evangelische Gemeinde die Verwaltungsaufgaben und auch den größten Teil der Baulast bei anfallenden Renovierungsarbeiten. Auch bei Strom und Heizung wird geteilt. Die katholische Gemeinde trägt 15 Prozent der Kosten. Das regelt ein Vertrag.

Die Simultankirchen in der Oberpfalz gehen auf einen Beschluss des Pfalzgrafen Christian August aus dem Jahr 1652 zurück, der angesichts der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges beschloss, die Konfessionen sollen sich nicht mehr streiten. Er ordnete an, dass in der Kurpfalz ab sofort alle Kirchengebäude und alles kirchliche Gut beiden Konfessionen gehören sollen. Jeder hatte fortan zu gleichen Teilen das Recht, sie zu nutzen.

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Simultankirchen

Simultankirchen werden aufgrund eines Beschlusses der Obrigkeit seit Jahrhunderten von mehreren christlichen Konfessionen gemeinsam genutzt. Sie gehen zurück auf die Zeit, als Staat und Kirche noch nicht getrennt waren. Meist teilen sich die Konfessionen einen Raum und feiern zu unterschiedlichen Zeiten Gottesdienst. In anderen Fällen sind Räume innerhalb einer Kirche voneinander abgegrenzt, etwa durch Trennwände. Bundesweit bestehen noch 64 Simultankirchen in neun Bundesländern, die meisten in Rheinland-Pfalz und Bayern. Allein in der Oberpfalz gibt es noch neun Simultankirchen. Die bekanntesten internationalen Beispiele sind die Geburtskirche in Bethlehem und die Grabeskirche in Jerusalem, die von orthodoxen und katholischen Christen gemeinsam genutzt werden.

Ein Grund war die Armut nach dem Krieg. Es fehlte an Geld, die zerstörten Kirchen zu erneuern. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es Tausende von Simultankirchen in Deutschland. Heute sind es weniger als 70, vor allem liegen sie in der Pfalz und in Bayern. In der Oberpfalz waren es einmal 50, neun sind davon übrig geblieben.

Reibungslos verlief das Miteinander nicht immer. Wo man sich zwangsweise die Kirchenräume teilen musste, führte das oft zu Problemen. Die Kirche St. Marien in Sulzbach (Kreis Amberg-Sulzbach) war auch ehedem eine Simultankirche. Anfang des 19. Jahrhunderts sperrte der katholische Pfarrer den Taufstein mit Deckel und Schloss zu, damit Protestanten nicht mehr taufen konnten. Tags darauf soll auch der evangelische Pfarrer ein Schloss angebracht haben, sodass fast hundert Jahre lang weder der eine noch der andere Taufstein benutzt werden konnte. Wurde zu viel geräuchert, beschwerten sich die Evangelischen. Es soll auch vorgekommen sein, dass das Lutherbild in einem Gottesdienst schnell abgehängt und das Marienbild aufgehängt wurde.

Solche Beispiele gibt es unzählige. "Was man heute als absurdes Theater bezeichnen würde, war den Leuten damals bitter ernst", sagt Pauckstadt-Künkler. Auch heute noch ist Ökumene ein langer Prozess - wie damals in der Oberpfalz. "Man hat viel vom anderen mitbekommen und nicht so sehr die Wände hochziehen können", sagt Pauckstadt. "Aber heute sind die Wunden meist geheilt und Ökumene ist lebbar geworden."
 


09.03.2017 / Gabriele Ingenthron/epd