Die Lutherstadtschreiberin erzählt:

Ein Sommer in Wittenberg

Wittenberg von oben

Bild: Christoph Breit

Den ganzen Sommer über herrschte in Wittenberg Kirchentagsatmosphäre. Christina Özlem-Geisler war als Lutherstadtschreiberin immer mitten drin. Jetzt ist sie zurück in Bayern und berichtet.

Konzerte, Vorträge, auch ein Bayerischer Garten - mit einer großen Weltausstellung wurde das Reformationsjubiläum in Wittenberg begangen. Tausende von Menschen kamen in die Lutherstadt, um die Lutherstätten und die Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr zu besuchen. Zahlreiche Bayerinnen und Bayern wirkten haupt- und ehrenamtlich für eine oder mehrere Wochen an dem Großereignis mit - nur eine war die ganze Zeit dabei: Christina Özlem-Geisler, die als Lutherstadtschreiberin und epd-Korrespiondentin über kleine Geschichten und große Ereignisse in Wittenberg berichtete. Für Bayern-evangelisch.de zieht sie ein Resümee:

Das Reformationsjubiläum neigt sich dem Ende zu – was hat es für Sie gebracht?

Christina Özlem-Geisler: Ich war überrascht, was ich über die Kirche, ihre Geschichte und Strukturen neu für mich entdeckt habe. An einem Ort wie Wittenberg mit einer Religionszugehörigkeit von unter 15 Prozent war es außerdem spannend zu sehen, von welchen Angeboten sich kirchenferne Menschen anziehen lassen und wodurch sie sich befremdet fühlen. Das sind Erkenntnisse, die auch künftig für meine Berichterstattung über religiöse Themen und kirchliche Veranstaltungen wertvoll sind.

Sie waren während des Reformationssommers Stadtschreiberin in Wittenberg.

Christina Özlem-Geisler: Das Ziel der „Lutherstadtschreiberin“ war es, mit so vielen Menschen wie möglich ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichten auf einer Facebookseite zu sammeln. So konnten Wittenberger und Besucher des Reformationssommers verfolgen, was die Menschen vor Ort umtreibt oder wo es sich lohnt, mal selbst hinzugehen. Wer nicht die Möglichkeit hatte, live dabei zu sein, dem habe ich versucht, einige der Ereignisse in Wort, Bild und Videos erlebbar zu machen.

Eine Bayerin in Wittenberg – wie wurden Sie aufgenommen?

Christina Özlem-Geisler: Sehr herzlich! Die Wittenberger sind Besucher aus der ganzen Welt gewohnt, die nicht erst seit 2017 zu den historischen Reformationsstätten wie der Stadt- und Schlosskirche oder dem Lutherhaus pilgern. Über dieses Interesse von außen und die neuen Mitbürger auf Zeit während des Sommers haben sich die meisten Wittenberger erfreut gezeigt. Ein paar Mal habe ich Fremde auf der Straße gefragt, ob ich sie für meine Seite porträtieren darf. Sie waren sehr aufgeschlossen, haben von ihren Erinnerungen an die Lutherstadt im geteilten Deutschland erzählt oder von ihren Eindrücken im Jubiläumsjahr. Da gab es sowohl Kritik an der Kirche und dem "Reformationstrubel", als auch positive Überraschung darüber, wie lebendig die Stadt auf einmal ist.

Welche Begegnungen bleiben Ihnen besonders in Erinnerung?

Christina Özlem-Geisler: Vor den Interviews mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff oder mit Margot Käßmann war ich schon ein bisschen aufgeregt. Ein Highlight für mich als Nahost-Wissenschaftlerin war ein Stadtrundgang mit unserem Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, vor dem alljährlichen Spitzentreffen der EKD und des Koordinationsrates der Muslime (KRM). Und immer wieder gerne habe ich den stark polarisierenden Segensroboter der EKHN aufgesucht. Mir hat die Idee hinter dem Projekt sehr gefallen. „BlessU-2“ war unkonventionell und provokant, auf eine sympathische Art.

Eine neue Erkenntnis, die Sie über die Reformation gewonnen haben?

Christina Özlem-Geisler: Der Pluralismus innerhalb des evangelischen Glaubens ist mir so richtig erst im Austausch bewusst geworden: mit Lutheranern aus den USA, Calvinisten aus der Schweiz oder Reformierten aus Taiwan. Jeder Perspektivwechsel ermöglicht, seinen eigenen Blick auf die Reformation zu hinterfragen und zu erweitern. Gespräche mit religiös Ungebundenen haben mir gezeigt, dass die politische und soziale Dimension der Reformation - unabhängig vom Glauben - als wichtige Voraussetzung für unsere Gesellschaft heute anerkannt wird.

Was bleibt von 500 Jahren Reformation?

Christina Özlem-Geisler: 2017 war ein Jahr intensiver Diskussionen. Über die Herausforderungen der Welt im 21. Jahrhundert, unseren Umgang miteinander und über das Entwicklungspotential von Kirche in der Gesellschaft. Ich würde mir wünschen, dass die vielen unterschiedlichen Reform-Ideen der einzelnen Landeskirchen und Institutionen Anregungen bieten, denen im besten Fall auch Taten folgen. Hätte Martin Luther damals nur diskutiert und darauf gewartet, dass ein anderer aktiv gegen die Missstände seiner Zeit vorgeht, hätten wir Lutheraner dieses Jahr keine 500 Jahre Reformation feiern können.

Zur Person

Christina Özlem-Geisler, Bild: © Privat

Christina Özlem-Geisler

Die gebürtige Bayerin Christina Özlem Geisler, 29, ist nach ihrer Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule (EJS) in Berlin nach Lutherstadt Wittenberg gezogen und hat von dort aus als freie Journalistin über den Reformationssommer berichtet. Seit November ist sie Online-Redakteurin beim Evangelischen Presseverband für Bayern (EPV).


08.11.2017 / ELKB