Predigten zum Reformationstag

Mut zur Veränderung

Martin Luther

An Person und Werk Martin Luthers denken lutherische Christen am Reformationstag.

Bild: (c) iStockPhoto / Robert Mandel

Das Jubiläumsjahr 2017 prägte auch die Reformationstagspredigten der bayerischen Kirchenleitung. Bei einer Kanzelrede in München sprach Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel vom Mut zur Veränderung.

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm nahm an dem Eröffnungsgottesdienst für die Feierlichkeiten zum 500-jährigen Reformationsjubiläum  in Berlin teil. „Das Reformationsjubiläum ist ein Signal der Versöhnung und des Aufbruchs", sagte er anlässlich dieses Ereignisses. Dort wo Menschen sich wie Martin Luther von Christus begeistern ließen, begännen sie Versöhnung zu stiften, "weil sie sich selbst versöhnt wissen. Sie überwinden ihre Angst und fangen an, aus der Freiheit zu leben. Sie vergeben, weil sie wissen, dass sie selbst nur aus der Vergebung leben können. Menschen trauen sich neu zu lieben, weil sie in ihrem Herzen die Liebe spüren, die sie von Gott erfahren.“ Im Festgottesdienst bekräftigte Bedford-Strohm den Stellenwert des Reformationsjubiläums für die Ökumene: „Heute sehnen sich evangelische und katholische Christen nach der Gemeinschaft. Wir sind dankbar für viele Schritte aufeinander zu.“

Zum Reformationsfest am 30. Oktober hielt die Präsidentin der Landessynode, Annekathrin Preidel, die Kanzelrede in der Münchner Erlöserkirche. Darin bezeichnete sie das Lied "Wind of Change" von den Scorpions, auch bekannt als "Hymne der Wende", als eine "Hymne der Reformation". Denn, so Preidel, "der Wind der Veränderung, der uns 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag den Rücken für künftige Veränderungen stärkt, blies vor 500 Jahren der damaligen Zeit und der damaligen Kirche ins Gesicht.“. Der Geist der Veränderung sei damit zum Motto der Reformation geworden.

Zitat

Weil Jesus Christus der Rückenwind seiner Kirche ist, kann sie getrost in Richtung Zukunft gehen, auch wenn ihr der Wind der Veränderung noch so sehr ins Gesicht bläst und noch so sehr zu schaffen macht.

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel in ihrer Kanzelrede in der Erlöserkirche München

Dieser Geist der Veränderung sei aber nicht zu verwechseln mit dem „so oft beschworenen Zeitgeist“. Es wäre ein „krasses Missverständnis, die Kirche der Reformation als Kirche zu verstehen, die ihr Fähnchen unentwegt nach dem Wind hängt, jedem Zeitgeist hinterher rennt, sich an jede Mode anpasst und ihre Mitglieder unter permanenten Veränderungsstress setzt.“ Die wahre Veränderung der Kirche geschehe nicht um des Prinzips der Veränderung, sondern um Christi willen, mahnte die Präsidentin der Landessynode. Dauerveränderung sei anstrengend und mache auch Angst: Je flexibler die Menschen sein müssten, desto größer werde ihre Sehnsucht nach Stabilität. Diese Sehnsucht nehme zu, je komplexer die Welt werde. Wer aber Angst habe, laufe Gefahr, sich in archaische und fundamentalistische Antworten zu flüchten. „Wem der Wind of Change all zu heftig ins Gesicht bläst, kann ja durchaus auf den Gedanken verfallen, ihm den Rücken zuzukehren (…) und sich auf den Rückweg zu machen“, betonte die Annekathrin Preidel und empfahl: „Halten wir unsere Nasen und Sinne in den Wind der Veränderung. Er weht uns nicht fort von allen sicheren Häfen, sondern direkt in die Arme Jesu Christi!“

Die Predigten zum Herunterladen

Mut zur Hoffnung

Synodalpräsidentin Annkathrin Preidel,© ELKB / Rost

Bild: ELKB / Rost

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel: "Wenn sich die Kirche wirklich von Christus antreiben lässt, muss sie sich immer wieder selbstkritisch fragen, ob sie sich nicht durch den Erhalt liebgewonnener Strukturen und Gewohnheiten vor ihm und vor dem Windhauch seines Geistes in Sicherheit zu bringen sucht."

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Gelebte Rechtfertigung

Bierbaum,© ELKB

Bild: ELKB

Oberkirchenrat Detlev Bierbaum: "Ich ahne, dass die Rechtfertigung uns ausziehen lassen würde der Angst um uns selbst und vor unserem Gegenüber. Ich ahne, dass es ein Heilmittel wäre für den überanstrengten Menschen und ein mögliches Tor der Freiheit. Aber werden wir das einer sich immer stärker säkularisieren-den Welt vermitteln können? Wohl nur durch unsere Haltung, die Respekt und Toleranz ausdrückt, Zuneigung und Wohlwollen, die unterscheidet zwischen dem, was wir tun und unserem Person-sein."

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Bedingungslos geliebt

Regionalbischöfin Gisela Bornowski,© (c) Kirchenkreis Ansbach-Würzburg

Bild: (c) Kirchenkreis Ansbach-Würzburg

Regionalbischöfin Gisela Bornowski: "Wir sind Gott viel wert. So viel, dass er seinen Sohn in diese Welt geschickt hat, dass er selber das große Opfer gebracht hat, dass alle Schulden ein für alle Mal getilgt sind. ...Kein Minus auf unserem Konto am Ende der Zeiten! Keine Schulden! Sondern ein großes dickes Plus, das Jesus für mich erworben hat. ...Das ist ein ungeheures Erlebnis von Befreiung – damals und heute. Denn nur ein freier Mensch kann wirklich Gutes tun. Wer aus Angst handelt, verfehlt die Liebe!"

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Detlev Bierbaum: Hilfe gegen die Ängste

Um den "Auszug aus den Ängsten" ging es auch Oberkirchenrat Detlev Bierbaum in seiner Reformationstagspredigt im schwäbischen Haunsheim. "Was wird bleiben - was muss bleiben?" fragte er mit Blick auf das Gedenkjahr 2017 und fand darauf zahlreiche Antworten. Bleiben müsse vor allem die große Erkenntnis Martin Luthers, "dass Gott den Menschen ohne dessen Zutun gelten lässt", die so wertvoll wäre für diese Zeit. Dabei gehe es im Alltag oft weniger um den gnädigen Gott, sondern um den überanstrengten Menschen, der nach einem gnädigen Mitmenschen suche - eine gnädige Chefin, einen gnädigen Partner oder - vor allem - einen gnädigen Blick auf sich selbst. "Wir zelebrieren stolz die Selbstoptimierung mit Zeitmanagement und gezielter Freizeitgestaltung, Fortbildung und Life-style-Produkten, mit Facebook, Twitter und vielen apps", so Bierbaum. Partnerschaft, Familie, Beruf und Freizeit gelte es optimal unter einen Hut zu bringen. Diese "Tüchtigkeit" sichere auch den Wohlstand.

Aber: "Wer permanent nur diese Perfektion sucht, der steht in Gefahr gnadenlos zu werden. Zuallererst mit sich selbst! Dann aber auch mit seinen Mitmenschen: Was ich mir selbst nicht zubillige, kann ich anderen nicht gewähren." Des produziere eigene und fremde Ängste und die permanente Frage danach, ob man denn genüge. Luthers Erkenntnis vom gnädigen Gott befreie den Menschen von der permanenten Selbstbezogenheit und ermögliche ihm, sich der Welt zuzuwenden. Der Zuspruch, "dass wir gewollt sind auf dieser Erde. Von vorneherein geliebt. Dass wir akzeptiert sind. Dass wir Fehler machen dürfen", lasse den Menschen ausziehe aus seinen Ängsten und absehen von der dauernden Selbstbespiegelung. Protestanten könnten dies durch eine Haltung von Respekt und Toleranz, Zuneigung und Wohlwollen vermitteln.

Gisela Bornowski: Gott hält viel von uns

Auch Regionalbischöfin Gisela Bornowski betonte in ihrer Reformationstagspredigt in der Stiftskirche Feuchtwangen die bahnbrechende Erkenntnis der Rechtfertigungslehre. Glaube sei keine saure anstrengende Angelegenheit, sondern "eine Haltung offenen, unbedingten Vertrauens, dass Gott mich liebt, und ich nichts leisten kann und muss, um mir diese Liebe zu verdienen". Des bedeute allerdings nicht, dass das Menschliche Tun keine Rolle spiele. "Gott ist alles, und wir sind ihm alles! Wir sind ihm unendlich viel wert! Und auch das, was wir tun, ist ihm viel wert! So baut Gott sein Reich unter uns. Er braucht uns mit unseren Gaben und Kräften, um seine Liebe in die Welt zu bringen, um gerechte Verhältnisse zu schaffen, um Frieden zu stiften und Hoffnung zu verbreiten. Gott weiß unsere Mühen und unser Tun zu schätzen. Er schätzt uns. Er hält viel von uns. Er traut uns viel zu!"

Dennoch könne sich mit eigenem Tun niemand den Himmel verdienen. Die heutigen Menschen fragten meist nicht nach einem gnädigen Gott, sondern: "Wie kriege ich mein Leben so hin, dass es mir gelingt?" In alle Fremd- und Selbstansprüche hinein spreche Gott: Du bist mir recht, weil ich dich liebe! Auch wenn du es nicht allen recht machen kannst! Und deshalb darfst du dich selber auch lieben! Sei dir selber gut! Sieh dich freundlich an!" Das Reformationsjubiläum solle kein Lutherfest sein, sondern ein Christusfest, das alle Christen zusammen feiern können, forderte Bornowski. "Alle Christen sollen Christus bekennen als Herrn und Heiland. Er hat Gottes bedingungslose Liebe gezeigt und offenbart. Er will, dass wir diese Liebe fröhlich und heiter, in Freiheit und ohne Angst, mit Begeisterung und Hingabe in die Welt tragen."


01.11.2016 / ELKB/epd