Pressemitteilung vom 19.3.2015

Wort der Landessynode zum Älterwerden beschlossen

Die Synode hat sich bei ihrer Frühjahrstagung 2015 mit dem Schwerpunktthema „Alter neu sehen“ befasst. In ihrem Wort heißt es: "Chancen wie noch nie - es ist Zeit für eine neue Sicht aufs Alter".

Als Abraham 75 Jahre alt war, sagte Gott zu ihm:

„Geh (aus) in ein Land, das ich dir zeigen will.

Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

(nach 1. Mose 12)

Chancen wie noch nie

Es ist Zeit für eine neue Sicht aufs Alter

Die Stellung älterer Menschen in unserer Gesellschaft wandelt sich tiefgreifend. Das eröffnet Chancen, die frühere Zeiten nicht gekannt haben. Es löst gleichzeitig auch Ängste aus vor einer Dominanz der Ruhestandsgeneration, einer Überlastung der Rentenkassen und einem Pflegenotstand. Viele tun sich schwer damit, „alt“ zu sein. Die Sorge vor Altersarmut wächst ebenso wie die Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit.

Das christliche Menschenbild sieht das Alter mitsamt seinen Beschwernissen als eine Zeit des Segens und der Lebensfülle, des möglichen neuen Aufbruchs und der Dankbarkeit für ein erfahrungsreiches Leben. Alle Lebensphasen, die stärker aktiven ebenso wie die eher zurückgezogenen, sind von Gott gesegnete Zeit und darum gleichwertig. Als evangelische Landessynode greifen wir diese Perspektiven auf und treten dafür ein, eine neue Sicht auf das Alter zu entwickeln und die vielfältigen Chancen zu ergreifen, die sich daraus für jeden Einzelnen, die Gesellschaft und die Kirche eröffnen.

A: Chancen des dritten Lebensalters

1. Für die einzelnen Menschen ist es ein Geschenk, dass viele im Vergleich zu früheren Generationen ein deutlich längeres Leben erwarten können. Denn nach Jugend und Berufstätigkeit beginnt damit heute für die meisten ein eigenständiges drittes Lebensalter mit neuen Chancen, bevor der Lebenslauf ins hohe Alter mündet. Für oft viele Jahre öffnet sich ein Fächer von Möglichkeiten: Zeit für Familie, Reisen, Bildung, aber auch für neues Engagement, selbstbestimmte berufliche Tätigkeiten und das Einbringen brachliegender Begabungen.

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Wir plädieren dafür,

Menschen in der dritten Lebensphase mit ihren Kompetenzen bewusster wahrzunehmen,
sich dem Diktat des gesellschaftlichen Ideals der Jugendlichkeit zu entziehen und
sich vom Klischee des „Ruhestands“ zu verabschieden.

2. Für unsere Gesellschaft bedeutet es eine große Chance, dass immer mehr Menschen nach ihrem Berufsleben noch viele Jahre mit stabiler Gesundheit genießen können. Sie bilden einen Schatz von Persönlichkeiten mit Energie, Lebenskompetenz, Lernbereitschaft und Selbstvertrauen. Die zahlenmäßig starken Jahrgänge, die künftig in das dritte Lebensalter hineinwachsen, sind ein kreatives Potential mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und die Gesellschaft mitzugestalten. Allerdings muss verhindert werden, dass immer mehr Menschen durch Altersarmut von echter Teilhabe ausgeschlossen werden.

Wir plädieren dafür,

Renteneintrittsgrenzen noch stärker durch flexiblere Übergangsmöglichkeiten zu ergänzen,
die sozialen Systeme der Alterssicherung solidarischer und generationengerecht umzugestalten,
altersgerechte Zuverdienstmöglichkeiten auszubauen und
Starthilfen bereitzustellen, um Älteren qualifiziertes bürgerschaftliches Engagement, freiberufliche Arbeit oder die Verwirklichung neuer Geschäftsideen zu ermöglichen.

3. Für unsere Kirche ist es ein Segen, so viele Mitglieder zu haben, die nach der Berufstätigkeit in ihr aktiv werden, eine Vielfalt von Gaben mitbringen und neue spirituelle Erfahrungen suchen. Diese Generation will verantwortlich mitgestalten und eigene Ideen verwirklichen, anstatt nur betreut oder um ehrenamtliche Hilfsdienste gebeten zu werden.

Wir plädieren dafür,

als Kirche den Wunsch dieser Mitglieder nach Selbstbestimmung und Engagement positiv aufzunehmen,
ihnen Unterstützung und Raum für selbst verantwortete gemeindliche und diakonische Initiativen zu bieten,
mit ihnen Angebote für neue geistliche Erfahrungen zu entwickeln,
gezielter generationenübergreifende Formen der Gemeindearbeit zu fördern und
den Dialog und den Interessensausgleich zwischen Jung und Alt anzustoßen.

B: Chancen für bessere Unterstützung im Alter

1. Das dichte Netz von Gemeinden und diakonischen Einrichtungen ist eine große Chance gerade für Menschen, die in einer bestimmten Lebensphase weniger mobil sind. Ortsnahe Angebote - auch in den ländlichen Räumen - für Kontakte, eigene Beteiligung und individuelle Hilfen können geschaffen werden, wenn Kirchengemeinden und diakonische Träger mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zusammenarbeiten, sich in ihren Stärken ergänzen und bewusst zusammen mit anderen gesellschaftlichen Gruppen Netzwerke gestalten.

Wir plädieren dafür, dass Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen vor Ort

ihre Angebote für Menschen im Alter noch stärker verknüpfen, gemeinsame Konzepte für das Wohnumfeld entwickeln, zum Beispiel mit ehrenamtlichen Entlastungsangeboten für alte Menschen und ihre pflegenden Familien, neuen Wohnformen im Miteinander der Generationen oder offene Tischgemeinschaften, sich dabei mit anderen zivilgesellschaftlichen und kommunalen Akteuren im Quartier und in der Region vernetzen und verstärkt die zunehmende Zahl älterer Menschen mit Migrationshintergrund in den Blick nehmen.

2. Noch nie zuvor gab es für Menschen mit Pflegebedarf - auch durch die Einführung der Pflegeversicherung vor 20 Jahren - so viele individuell abgestufte Angebote, von generationenübergreifenden Wohnformen und ambulant unterstützter Pflege zu Hause über betreutes Wohnen und Tagespflege bis hin zu stationären Einrichtungen. Wir haben daher die Chance, endlich das Leitbild einer menschenwürdigen, liebevollen Altenpflege konsequent zu verwirklichen. Dazu ist es allerdings dringend erforderlich, für die vielen guten Angebote und die Pflegeberufe wesentlich bessere Rahmenbedingungen zu schaffen und für den großen Bedarf an Alten(heim)seelsorge neue Konzepte zu verwirklichen.

Wir plädieren dafür,

die herausfordernde Zeit der Pflegebedürftigkeit auch als eine lebenswerte und gesegnete Lebensphase anzusehen, eine neue Hochschätzung für die Pflegekräfte in unserer Gesellschaft einschließlich angemessener Bezahlung zu verankern, die Pflegeversicherung finanziell erheblich besser auszustatten, um den auf der Pflege und den Familien lastenden Kosten- und Zeitdruck zu verringern, durch ein verstärktes kirchliches Ausbildungsprogramm das Netz von Ehrenamtlichen in der Altenseelsorge auszubauen und in Seelsorge und Gemeindearbeit auch den pflegenden Angehörigen besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu geben.

3. Mehr Menschen als früher erfahren heute Hilfe für ein Sterben in Würde. Ambulante Dienste, ambulante und stationäre Palliativversorgung, Hospizvereine und -einrichtungen können eine sensible Begleitung, Schmerzlinderung und einen Schutzraum für die letzte Lebensphase schaffen. Nach wie vor bleiben jedoch große Lücken in diesem Netz; es fehlt eine ausreichende finanzielle Grundlage, beispielsweise für die Sterbebegleitung und Palliativversorgung in Pflegeheimen.

Wir plädieren dafür,

die Versorgungs- und Vergütungssysteme so weiterzuentwickeln, dass flächendeckend jedem Sterbenden eine ausreichende Palliativversorgung und genügend Betreuungszeit zur Verfügung stehen, und
die Aktivitäten von Kirche und Diakonie zu verstärken, um eine christliche Sterbebegleitung in allen Gemeinden und Pflegeeinrichtungen sicher zu stellen.

C: Chancen für eine neue Sicht auf das eigene Leben

Viele Menschen haben den Wunsch, ihr Leben bis zum Ende erfolgreich zu gestalten. Im Alter spüren sie verstärkt, dass Brüche, Niederlagen und verpasste Chancen hinter ihnen und manchmal noch vor ihnen liegen.

Gott teilt unsere Ängste und Schmerzen im gekreuzigten Christus und hat in ihm zugleich diese Welt überwunden. Darin liegen für uns die Hoffnung und die Freiheit, unser bruchstückhaftes Leben anzunehmen.

Gott wird die unvollkommenen Lebensbilanzen vollenden. „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Römerbrief 8,38f)

Alter neu sehen heißt: das eigene Leben neu sehen.


19.03.2015 / München, Johannes Minkus, Pressesprecher