Predigten zu Karfreitag

Gott kapituliert nicht vor der Gewalt

Predigten zu Karfreitag

Die göttliche Kraft ist größer als der Tod - die Botschaft von Karfreitag.

Bild: marydan15

Die Worte Jesu am Kreuz waren Thema der Karfreitagspredigten 2017. Nürnberger Gottesdienstbesucher erlebten eine Premiere: die Uraufführung eines "Drama Sacra" mit Dialogpredigt der Regionalbischöfe.

Einen musikalischen Höhepunkt erlebten Fernsehzuschauer und die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher der Nürnberger St. Sebald-Kirche: Dort wurde im Karfreitagsgottesdienst die Komposition "Wahrlich, ein Mensch - Drama sacra nach Worten über und an Jesus von Nazareth am Tag seines Todes" von Peter Wittrich uraufgeführt. Der Professor für Musiktheorie an der Hochschule für Musik in München (geboren 1959) hat das Werk für die Besetzung Chor, Orgel, Schlagzeug und Bläserquintett komponiert.In einer Dialogpredigt legten Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern  und Regionalbischof Stefan Ark Nitsche die sechs Teile des Drama sacra aus und zogen dabei immer wieder Prallelen zur Gegenwart. Mächtige, die um ihren Einfluss fürchteten und das Volk aufwiegelten wie im Schauprozess Jesu gebe es auch heute: "Wenn ich die Nachrichten verfolge, sehe ich mit Sorge, wie viele Mächtige dieser Welt Emotionen schüren; mit alternativen Fakten ihre Interessen verfolgen. Wer stoppt dieses Treiben?" Genauso gebe hes heute jene, die wie Pilatus zu Unrecht schwiegen oder das hetzende Volk, das einen Shitstorm veranstalte.

Mehr zum Thema

Nirgends im Evangelium sei davon die Rede, dass Gott das Opfer brauche, so die Regionalbischöfe. "Menschen glauben, dass sie es brauchen. Menschen machen andere zu Opfern." Und so sei Jesus zum Opfer geworden - der Angst um den Machtverlust, zum Opfer der Feigheit, zum Opfer von Sensationsgier und Gedankenlosigkeit. In der Einsamkeit des Kreuzes habe Gott seinen wahren Charakter enthüllt:" 'Ich will mit dir zu tun haben.' Die Frage: 'Wo bist du, Gott?' bekommt eine Antwort: 'Da. Ich bin da.'"

Alle Predigten zum Herunterladen

Regionalbischöfin Gisela Bornowski

Regionalbischöfin Gisela Bornowski,© (c) Kirchenkreis Ansbach-Würzburg

" Die Geschichte Jesu steht stellvertretend für alle diese grausamen Geschichten von Elend und Tod. Die ganze Welt und jedes persönliche Schicksal kann sich spiegeln und wiederfinden in dieser einen Geschichte. Und deshalb tragen wir sie vor und hören genau hin. Wir wollen nicht weggehen, nicht davonlaufen vor dem Leid und vor dem Sterben Jesu, sondern hinsehen und hinhören."

Die Predigt als PDF herunterladen

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler,© ELKB / Rost

"Sicher wird niemand dadurch weiser, dass er oder sie die Karfreitage dieser Welt wegfeiern möchte. Es gibt auf Dauer keine Wahl zwischen Leiden und Nicht-Leiden. Es gibt nur die Wahl eines unterschiedlichen Umgangs damit. Apathische A-Sozialität ist die eine Möglichkeit. Eine menschenfreundliche, geistreiche und gefühlsstarke Existenz voller Lebens- und Liebesfähigkeit die andere."

Die Predigt als PDF herunterladen

Regionalbischof Michael Grabow

Regionalbischof Michael Grabow,© Kirchenkreis Augsburg

"Wir versuchen, uns vor allem Möglichen zu schützen: vor Naturkatastrophen, vor Gesundheitsschäden durch falsche Ernährung und Tabak.....Aber wer schützt uns eigentlich vor uns selbst? Wer schützt den Menschen vor der Willkür und Grausamkeit seiner Mitmenschen?...Das Kreuz auf Golgata schreit auf gegen alle Kreuze dieser Welt. Es schreit auf gegen Gewalt, Terror, Folter und Mord. Und gleichzeitig ist all das im Kreuz aufgehoben und geborgen."

Die Predigt als PDF herunterladen

Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern und Regionalbischof Stefan Ark Nitsche

Regionalbischöfe,© ELKB/Rost

"Wenn ich die Nachrichten verfolge, sehe ich mit Sorge, wie viele Mächtige dieser Welt Emotionen schüren; mit alternativen Fakten ihre Interessen verfolgen. Wer stoppt dieses Treiben? Wer spricht ein klares Wort? Ein Machtwort für das Leben? Pilatus schweigt. Und viele bis heute. Und das Volk steigt ein in den Shitstorm: Parolen werden geformt und gesteuert von den Agenten der Angst. Der Vorwurf wird zum Fakt!"

Die Predigt als PDF herunterladen

Regionalbischof Hans-Martin Weiss

Regionalbischof Hans-Martin Weiss,© Kirchenkreis Regensburg

"Die Passionsgeschichte Jesu macht Leiden und Tod anschaulich – für alle Menschen. Jesu Leiden und Tod bewegen sogar Menschen, die nicht glauben, dass er Gottes Sohn ist, bewegen auch Menschen, die nicht glauben, dass er sein Leben gegeben hat für die Schuld und die Sünden der Menschen."

Gisela Bornowski: Vor dem Leiden nicht davonlaufen

„Wir wollen nicht weggehen, nicht davonlaufen vor dem Leid und vor dem Sterben Jesu, sondern hinsehen und hinhören“,  forderte Regionalbischöfin Gisela Bornowski im Karfreitagsgottesdienst in Ansbach. Die Geschichte Jesu stehe stellvertretend für alle grausamen Geschichten von Elend und Tod. "Die ganze Welt und jedes persönliche Schicksal kann sich wiederfinden in dieser einen Geschichte."  Das as Leid anzuschauensei oft schwer, "weil wir uns ohnmächtig fühlen und es nicht mehr ertragen: die mit Giftgas ermordeten Kinder, das syrische Volk, "das in diesem Stellvertreterkrieg größerer Mächte ausgelöscht wird", und die Opfer der Terroranschläge in St. Petersburg, Stockholm und Ägypten. In der Mitte der Passionsgeschichte bei Lukas, so Bornowski weiter, stehe aber nicht der Tod, sondern die Vergebung. „Grenzenlose Vergebung. Jesus lässt nichts offen, keine Schuldzuweisungen mehr. Wir dürfen auf  Vergebung hoffen, ohne dass uns die Verantwortung für unser Tun und Lassen genommen wird.“

Susanne Breit-Keßler: Das Kreuz fordert heraus

Das Kreuz sei schwer zu ertragen, predigte auch Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler in der Münchner Lukaskirche. Jedes Jahr werde erbittert darüber gestritten, ob man den Karfreitag als einen stillen Tag respektieren müsse. „Als ob nicht sonst im Jahr genügend Zeit bliebe, Spaß zu haben und die Leichtigkeit des Seins zu genießen.“ Das Kreuz als „Sinnbild unsinniger Normalität“ fordere ja auch heraus. „Menschen erheben sich gegen Menschen, morden im Dienste der Macht: eine unendliche Geschichte. Davon mag man sich nicht gerne anhaltend erschüttern lassen.“ Die modernen Karfreitage in Russland und im Nahen Osten hätten keine Welle des Mitgefühls mehr ausgelöst, so Breit-Keßler. Aber das Kreuz verweise gerade auf den täglichen Wahnsinn, den Menschen Menschen antäten. "Darauf, dass das eben nach Gottes Willen nicht sein darf!" Wer über das Leben reden wolle, komme am Kreuz und dem Leiden  -  dem eigenen und dem Leiden anderer nicht vorbei. Auf Leid, so Breit-Keßler, gebe es nur die „verzweifelt-zuversichtliche Antwort: Gott verlässt uns nicht. Auch nicht in den tiefsten Abgründen, in die wir fallen. Nicht in den dunkelsten Tälern, durch die wir müssen.“

Michael Grabow: Zeichen der Menschlichkeit gegen alle Unmenschlichkeit

„Wer schützt uns eigentlich vor uns selbst? Wer schützt den Menschen vor der Willkür und Grausamkeit seiner Mitmenschen?“ fragte Regionalbischof Michael Grabow in seiner Predigt in Augsburger St.Ulrich und beschäftigte sich mit den Menschen unter dem Kreuz  - den Siegertypen, Voyeuren und Mitläufern. Die Gaffer seien „Menschen wie Du und ich“ gewesen: „Menschen, die Bravo rufen, wenn es Ausländern an den Kragen geht. Menschen, die bei einem Unfall sensationsgierig mit dem Handy Videos aufzeichnen, während die Helfer kaum zu den Verletzten durchdringen können.“ Fleißige Familienväter und besorgte Mütter seien darunter. “Es muss irgendetwas in uns stecken, das von Zeit zu Zeit die Menschlichkeit ausknippst.“ Manchmal erwecke es den Eindruck als wisse der Mensch tatsächlich nicht, was er tue. „Zu absurd, zu widersinnig scheint es zu sein, was Menschen anderen Menschen antun.“ Das Kreuz auf Golgata schreie auf gegen Gewalt, Terror, Folter und Mord und sei gleichzeitig das „Zeichen der Menschlichkeit gegen alle Unmenschlichkeit.“ Über der Gerechtigkeit der Menschen, die ihre Opfer ans Kreuz schlage, gebe es die höhere Gnade Gottes – „ein Ärgernis für alle die, die mit dem Leben spielen und auch für alle anderen, die dabeistehen und zuschauen.“

Hans-Martin Weiss: Basisgeschichten des Glaubens neu buchstabieren!

In seiner Predigt in der Regensburger Dreifaltigkeitskirche forderte Regionalbischof Hans-Martin Weiss, dazu auf, die „Basisgeschichten des Glaubens“ immer wieder neu zu buchstabieren und ihnen immer wieder neue Bedeutung abzugewinnen. Dies sei eine angemessene Reaktion auf den Spott, den das Christentum, insbesondere der Karfreitag in Regensburg erfahren habe. Man müsse immer mehr damit rechnen, „dass christliche Überzeugungen zum Teil maßlosen Widerspruch erfahren.“ Karfreitag rede von einem menschlichen Gott, „der – wie auch immer – dort dabei ist, wo Menschen leiden und diese Welt aufgeben.“ Die Passionsgeschichte Jesu macht Leiden und Tod anschaulich – für alle Menschen. Jesu Leiden und Tod bewegten sogar Menschen, die nicht glaubten, dass er Gottes Sohn ist, so der Regionalbischof. „Was muss geschehen, dass wir die Friedensworte Jesu hören?“ fragte Weiss und nannte die Bereitschaft zur Versöhnung, Vertrauen und die Achtung vor den anderen als Möglichkeit, durch Reden und Tun von den Worten Jesu zu überzeugen.


14.04.2017 / ELKB