Polizeiseelsorge

"Wie viel Ordnung braucht der Mensch?"

Einzug beim traditionellen Poliziegottesdienst in der St. Matthäuskirche

Zum Gedenktag des Heiligen Sebastians feiern Polizisten aus ganz Bayern ihren traditionellen Gottesdienst.

Bild: Redaktion Polizei Bayern

Unter dem Motto "Wie viel Ordnung braucht der Mensch?" haben Polizisten aus ganz Bayern ihren traditionellen Gottesdienst in der Münchner Matthäuskirche gefeiert.

"Sie stellen sicher, dass nicht das Recht des Stärkeren gilt; dass es keine rechtsfreien Räume gibt", würdigte Oberkirchenrat Detlev Bierbaum in seiner Predigt die Arbeit der Polizei. Genau das bringe die Beamten aber immer wieder in schwierige und lebensgefährliche Situationen. Bierbaum erinnerte an die Vorfälle in Regensburg, bei denen mehrere Polizisten angegriffen und verletzt wurden. Dies stelle nicht nur ein "respektloses Verhalten dar", sondern sei "massiv kriminell und nicht zu entschuldigen", betonte der Oberkirchenrat. Staatliche Gesetze dienten dem Schutz des Lebens, sie ermöglichten erst das Zusammenleben von Menschen und böten Orientierung, Halt und Sicherheit. Eine solche lebensfördernde Ordnung könne sich aber auch ins Gegenteil verkehren, so Bierbaum. Lebensfeindlich werde Ordnung dann, "wenn sie zum Selbstzweck wird, zum Versteck, zum Alibi, um keine Entscheidung treffen zu müssen, für die es Verantwortung zu übernehmen gilt".

 

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Mit dem Gottesdienst, bei dem auch Innenminister Joachim Herrmann anwesend war, gedenken die Polizisten alljährlich ihres Schutzpatrons, des Heiligen Sebastians. Bayern-evangelisch.de befragte Hilda Schneider, landeskirchliche Beauftragte der evangelischen Polizeiseelsorge für Südbayern zu dieser Tradition:

Frau Schneider, was ist das Besondere an diesem Gottesdienst?

Hilda Schneider: Für die gesamte bayerische Polizei gibt es immer um den 20. Januar herum einen Gottesdienst – in der Gestaltung und Durchführung wechseln wir uns mit den katholischen Kollegen ab. 99% der Gottesdienste für die Polizei sind ökumenisch, der Sebastianigottesdienst – der zunächst nur von der katholischen Polizeiseelsorge alle zwei Jahre angeboten wurde – ist bewusst konfessionell gehalten mit der jeweils spezifischen Note. Für den evangelischen Gottesdienst haben wir uns bewusst für eine freiere Form entschieden, bisher immer mit Anspiel, Statements von und mit Polizisten.

"Wieviel Ordnung braucht der Mensch" war der Gottesdienst überschrieben - was steckt hinter dieser Themensetzung? 

Hilda Schneider:  Das Thema bietet sich für die Ordnungshüter geradezu an. Ich erlebe die Mehrheit der Polizisten mit einem hohen Gerechtigkeitssinn. Die Polizei ist immer dann auf dem Plan, wenn etwas in Un-Ordnung geraten ist: Unfälle, Familienstreit, Suizid und Mord, Mißbrauch, Gewalt... – dieses Umfeld prägt und verändert bisweilen die Persönlichkeit und das Menschenbild. Es war unser Anliegen dies aufzugreifen und den Blick zu weiten: analog zur biblischen Botschaft, dass die Ordnung für den Menschen da ist und nicht umgekehrt.

Wie beantworten Sie für sich diese Frage? 

Hilda Schneider: Es ist eine ständige Herausforderung die Balance zwischen Ordnung und Freiheit zu finden. Ein zu viel an Ordnung verhindert die Kreativität, ein zu wenig an Ordnung mindert die Leistungsfähigkeit. So sollen z.B. Todo-Listen den Stress mindern, da unerledigte Aufgaben und Vorhaben länger im Gedächtnis bleiben, da sich das Gehirn nahezu zwanghaft mit unerledigten Dingen befasst.

Im Gottesdienst war viel von den Angriffen auf Polizisten und mangelnder Wertschätzung ihrer Arbeit die Rede. Erleben Sie das auch so? 

Hilda Schneider: V.a. bei den Praktikumsnachbesprechungen, die von der Polizeiseelsorge geleitet werden, wird zunehmend von den jungen Auszubildenden berichtet, dass Ihnen, den Ordnungshütern kein Respekt entgegen gebracht wird und „das polizeiliche Gegenüber“ immer renitenter und uneinsichtiger wird, bis hin zu verbalen und tätlichen Angriffen.

Wie hat sich in ihrer Zeit als Polizeiseelsorgerin das gesellschaftliche Klima gegenüber Polizisten geändert? 

Hilda Schneider: Die Polizei wird zunehmend zum Feindbild bestimmter Kreise auserkoren (Demonstrationen, Fussball-Bundesliga) wie das nun auch Feuerwehr und Rettungsdienste erleben – häufig sind hier Drogen und Alkohol im Spiel. Die Bürger widersprechen auch viel mehr, leisten Widerstand als das früher der Fall war – so z.B. bei Verkehrs- und Personenkontrollen.

Auch die Mitbürger, die Frauen in der Polizei nicht akzeptieren, Sprachprobleme, sowie die erlebten Gefährdungen und Traumatisierung durch Krieg und Flucht, stellen die Polizei vor große Probleme. Sie haben bisweilen das Gefühl, dass sie etwas ausbaden müssen, was in ihren Augen „die Politik“ zu verantworten hat.

Was kann man tun, dass die Arbeit der Polizei ein positiveres Image gewinnt? 

Hilda Schneider: Das Image ist ja nicht schlecht – im Gegenteil, im Ranking der angesehensten und vertrauenswürdigsten Berufe rangiert die Polizei ganz oben, gleich nach der Feuerwehr – im Gegensatz zu den Pfarrern, die noch nach den Taxifahrern ins Mittelfeld abgerutscht sind.

Das ist das Paradoxe: Einerseits soll die Polizei die Probleme der Bürger lösen, man wählt den Notruf 110 und ist froh, wenn die Polizei zur Stelle ist. Andererseits möchte man oft nicht Verantwortung für das eigene (Fehl)Verhalten tragen, projiziert die eigenen Fehler auf die Polizei (z.B. Radarkontrollen) und geht aggressiv die Polizei an, wenn diese versucht Recht und Ordnung durchzusetzen.

Welche Themen bewegen Sie als Polizeiseelsorgerin am meisten?

Hilda Schneider:Am meisten beschäftigt mich gerade in der Fortbildung der Polizei - bei Führungskräften, Polizeieinsatztrainern das Thema: Lebensbedrohliche Einsatzlagen (wie Amok/Terror) - kann hier die Ethik eine Entscheidungshilfe beisteuern?

Ein anderer Schwerpunkt ist der Umgang mit Belastungen z.B. bei der Kriminalpolizei, die sich mit Suizid, Tod, sexuellem Mißbrauch, Kinderpornographie zu befassen hat. Denn hier ist etwas gravierend in Un-Ordnung geraten, wenn z.B. der Mitmensch zum Objekt der Gier und Lust und dem Machstreben gemacht wird. Die PolizistInnen sind mit diesen massiven Grenzüberschreitungen und Unordnungen konfrontiert, müssen Einhalt gebieten, trösten, heilen, Sicherheit herstellen, sind aber durch die ständige Konfrontation damit auch in Gefahr, selbst in Unordnung zu geraten, selbst Schaden zu nehmen im Sinne  Nietzsches: "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."


22.01.2018 / epd/elkb