Regionalbischöfin zum Passionsoratorium

"Passionszeit – Zeit der Leidenschaft fürs Leben"

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler

Bild: ELKB / Poep

Wie kann ein Mensch aus der Spirale der Schuld entrinnen? Indem ihm Gott statt mit Vorwürfen mit einem großen Ja begegnet, betonte Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler bei einem Konzert in München.

Angeregt von Carl Loewes Passions-Oratorium "Das Sühnopfer des neuen Bundes" von Carl Loewe, das vom  Opernstudio der Bayerischen Staatsoper und der Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters in der Allerheiligen-Hofkirche aufgeführt wurde, meditierte die Münchner Regionalbischöfin in einem ersten Teil über die Gestalt des Judas Iskarioth. Dieser  - eine tragische Gestalt - sei in der Geschichte vielfach verteufelt worden. "Wie bequem, wenn man einen hat, auf den man alles Widerwärtige projizieren kann" - aus der Verlockung heraus, "die Welt zweifelsfrei in ein porentief reines Gut und ein rabenschwarzes Böses einzuteilen."

Dem destruktiven Strudel Einhalt gebieten

Damit werde aber den Schuldigen eine Rückkehr in die Geselolschaft der "braven Bürger" und damit die Aussicht auf Zukunft verwehrt. Es gehe nicht um Verklärung der Schuld. Aber allein auf sich gestellt könne ein sündhafter Mensch seine Lebensgewissheit nicht erreichen. "Es braucht eben mindestens das hörende, zugewandte Gegenüber. Wenn Judas sich selbst und seinem Schicksal überlassen bleibt, lässt sich die Spirale des Abstiegs, der Selbstverlorenheit nicht aufhalten." Deshalb brauche es ein Ja, "das dem destruktiven Strudel Einhalt gebietet und behutsam ins Konstruktive zu gelangen versucht, auf Hoffnung zu. Das ist gewagt, keine Frage. Aber es ist der "wohl begründete Übermut des Glaubens" ( Eberhardt Jüngel).

Zitat

Das erste Wort Gottes an uns ist ein Du und ein Ja zugleich. Und es spricht, "ja, Du!", den Judas, den Petrus, den Kain in uns ebenso an, wie es je und je die Zuversicht wachsen lässt, in Wahrheit nicht verderbt, sondern ein Gnadenkind zu sein."

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Passion heiße auch Leidenschaft, schilderte Regionalbischöfin Breit-Keßler vor dem zweiten Teil des Konzerts. Jesu Leidensgeschichte und seine Passion gelte den Menschen und dem Leben. Jesus habe Gefühle nicht gescheut, sondern seine Tage bis zur Neige ausgekostet. "Leben ist keine langweilige Fahrt mit angezogener Handbremse, sondern Leidenschaft. Passion für das eigene Dasein und das der anderen. Nur so hat es Sinn." Es bedeute aber auch leiden und etwas ertragen. Jesus habe schon vor seinem Tod viel ertragen müssen: den Verrat durch den einen, die Verleugnung durch den anderen Freund.  

Mehr zum Thema

Der Mann aus Nazareth habe wirklich viel ausgehalten. "Passion heißt Aushalten. Offenbar bedeutet es aber auch, eine Leidenschaft für Menschen zu haben – ihnen ihre Schwächen nachzusehen, zu vergeben und ihnen einen Neustart zu ermöglichen. Menschlich ist das nicht. Aber göttlich." Jesus habe keinen Sinn dafür gehabt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und habe gerade durch seine humane Leidenschaft etwas in Bewegung gebracht. Wer aus starren, sturen Verhaltensweisen ausbreche, wer sich überraschend anders und mitmenschlich verhalte, der  lebe wirklich und richtig, so die Regionalbischöfin.

Gott gibt niemanden auf

Nicht einmal am Kreuz habe Jesus die Empathie für andere verloren, zeigte die Regionalbischöfin anhand der beiden Übeltäter am Kreuz. "Was diese Geschichte ganz einfach zeigt: Gott hat keine Lust auf Rachefeldzüge gegen Verräter, Kriminelle und Lügner. Sie bekommen alle, wie wir auch, ihre Chance....Schon verrückt. Ein Gott, der nicht im Triumphmarsch mit Victoryzeichen durchs Leben zieht, sondern sogar die Gesellschaft von richtig bösen Jungs sucht, um zu zeigen: Ich gebe niemanden auf. Da kann man was lernen." Die Passion Jesu für das Leben zeige:"Wir sind nicht festgelegt. Wir können ausprobieren, was an Gutem in uns steckt, welche Entwicklung uns Gott sei Dank offen steht."


12.04.2017 / ELKB