Notfallseelsorge in München und Ansbach

Die Trauer in Worte fassen

Blumen am Olympia-Einkaufszentrum nach dem Amoklauf

Zahlreiche Menschen haben Blumen am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München abgelegt. Notfallseelsorge hilft, Worte für die Trauer zu finden.

Bild: Notfallseelsorge München

Nach den Anschlägen in Ansbach und München waren zahlreiche Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger vor Ort. Sie betreuten Menschen, die die Attentate miterlebt hatten, und standen Einsatzkräften bei.

Ansbachs evangelischer Dekan Hans Stiegler war kurz nach der Detonation zur Unglücksstelle beim Konzertgelände von "Open Ansbach 2016" geeilt. Er sei kurz darauf in den Onoldiasaal gegangen und habe dort bei der Notfallseelsorge mitgeholfen. Während die evakuierten Anwohner relativ ruhig gewesen seien, habe man später in der Nacht den im Saal eintreffenden Einsatzkräften angesehen, dass das, was sie erlebt und gesehen hatten "nicht einfach war". Es sei schlimm, dass sich solche Ereignisse in den vergangene Tagen so gehäuft hätten. "Was in den Kirchen und Religionsgemeinschaften jetzt gestärkt werden muss, sind all jene Kräfte, die sich für den Frieden einsetzen", sagte er.

Notfallseelsorge in München: Die ganze Nacht im Einsatz

Ähnliches berichtet Diakon Dietmar Frey, der nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München zusammen mit anderen evangelischen und katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern die ganze Nacht im Einsatz war. "Wir haben Menschen betreut, die den Amoklauf hautnah miterlebt haben", berichtet Frey, der die evangelische Notfallseelsorge in München vor 13 Jahren gegründet hat. Sie arbeitet mit der katholischen Notfallseelsorge in der Region München zusammen. Bei Großschadensfällen wie dem Amoklauf am Freitagabend in München koordiniert das Kriseninterventionsteam (KIT) des Arbeitersamariterbundes die Einsätze vor Ort. Diakon Frey war von Freitag bis Sonntag am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), um Betroffene und Passanten zu betreuen. Der Evangelische Pressedienst befragte den Seelsorger zu seinen Erfahrungen.

Herr Frey, Sie waren seit Freitagabend als Notfallseelsorger in der Innenstadt und am OEZ im Einsatz. Was haben Sie erlebt?

Dietmar Frey: Ich war am Samstag in der Polizeisammelstelle hinter dem Dom und am Samstag und Sonntag durchgehend am OEZ. Dort habe ich Menschen betreut, die den Amoklauf hautnah miterlebt haben und gesehen haben, wie Menschen vor Ihren Augen zu Tode kamen - Menschen, die völlig außer sich waren und um Worte gerungen haben, um zu verarbeiten, was passiert war.

Auch am Sonntag war noch ein Krisenteam am OEZ: Welche Bedürfnisse hatten die Menschen, die dorthin kamen, um Blumen niederzulegen?

Dietmar Frey: Die Menschen wollten ihrer Trauer Ausdruck geben und einen Ort dafür finden. Und sie wollten auch eine Antwort darauf finden, ob dieser Ort für sie noch sicher ist. Wichtig war es, den Menschen das Gefühl zu geben, dass die Verzweiflung, die sie empfinden, in dieser Situation ganz normal ist. Zudem haben wir versucht, den Menschen dabei zu helfen, die Trauer artikulieren zu können. Die Phase der Verunsicherung mit den schrecklichen Bildern und Gedanken, dauert natürlich einige Zeit an. Wichtig ist es nach dieser Zeit, festzustellen, ob die traumatischen Erfahrungen psychisch und körperlich immer noch den Alltag dominieren. In solchen Fällen sollte eine professionelle Beratung aufgesucht werden.

Am Freitagabend herrschte teilweise große Unsicherheit, auch für die Einsatzkräfte: Welche Nachsorge findet für die Polizisten und Rettungssanitäter statt?

Dietmar Frey: Die Polizei, Seelsorger und Rettungsdienst unterziehen sich zeitnah nach dem Einsatz einer sogenannten "Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen", um mit belastenden Eindrücken und Erfahrungen umgehen zu können. In Einzelgesprächen und Teamsitzungen werden konkrete Fälle noch einmal durchgesprochen, sie werden dadurch stabilisiert.

Alexander Buchmann, Kriseninterventionsteam ASB München und Diakon Dietmar Frey, Leiter der Evangelischen Notfallseelsorge in München am Samstag vor dem OEZ in München

Alexander Buchmann, Kriseninterventionsteam ASB München und Diakon Dietmar Frey, Leiter der Evangelischen Notfallseelsorge in München am Samstag vor dem OEZ in München

Bild: Dekanat München


26.07.2016 / EPD