Vollversammlung LWB

Lutherische Stimme in der Welt ist stark

Oberkirchenrat Michael Martin bei Ankunft in Namibia

Oberkirchenrat Michael Martin ist sehr gespannt, welche Beschlüsse die Vollversammlung trifft zur Weiterentwicklung der Communio hin zu einer weltweiten lutherischen Kirche.

Bild: ELKB

Der Lutherische Weltbund (LWB) hat nach Überzeugung von Oberkirchenrat Michael Martin eine starke Stimme in der Welt, auch wenn die 145 Mitgliedskirchen von unterschiedlichen Kulturen kommen.

Vom 10. bis 16. Mai trifft sich der Lutherische Weltbund (LWB) zur Vollversammlung in Namibia. 400 Delegierte der 145 Mitgliedskirchen aus 98 Ländern reisen dazu nach Windhuk. Eine besondere Rolle spielt bei der Tagung natürlich das 500. Reformationsjubiläum, das mit einem großen Gottesdienst in einem Fußballstadion gefeiert wird, außerdem das 70-jährige Bestehen des Lutherischen Weltbundes selbst. Welche Bedeutung der LWB bis heute hat und was man sich unter dem Tagungsmotto "Wir sind befreit durch Gottes Gnade. Erlösung, Menschen, Schöpfung - für Geld nicht zu haben" vorstellen muss, erzählt Oberkirchenrat Michael Martin, einer von sechs bayerischen Delegierten, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). 

epd: Sie reisen mit der bayerischen Delegation zur Vollversammlung des LWB. Bei solchen Tagungsorten ist es sicherlich besonders spannend, Teil der weltweiten Kirche zu sein...

Michael Martin: Das stimmt. Es ist mein erstes Mal in Namibia, ich bin schon gespannt. Wir werden natürlich auch unserer eigenen Geschichte begegnen. Denn Namibia war eine deutsche Kolonie. Das spielt für unsere Delegation ein ganz wichtige Rolle, genauso wie der Umgang der Deutschen mit den Herero. Wir müssen uns auf die Fragen anderer Teilnehmer vorbereiten: wie Deutschland denn Namibia heute sieht, wie die Schuldgeschichte in Deutschland wahrgenommen und aufgearbeitet wird.

Interessant finde ich persönlich, wie sich die drei lutherischen Kirchen in Namibia zueinander verhalten. Darüber weiß ich noch wenig. Ihr Verhältnis ist offenbar aber nicht ganz unproblematisch, auch weil sich weiße und schwarze Lutheraner nicht ganz freundlich gesonnen sind. Viele weiße Lutheraner feiern immer noch deutsche Gottesdienste.

Zitat

Ich freue mich auf die weltweite Vielfalt der einen Kirche Jesu Christi, die wir im LWB gerade bei einer Vollversammlung erleben werden, und bin voller Vorfreude darauf, mehr zu erfahren über den afrikanischen Kontext, in dem die Vollversammlung diesmal tagt und dabei von den Hoffnungen und Befürchtungen der afrikanischen Kirchen zu hören.  

Oberkirchenrat Michael Martin im Vorfeld der Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds

epd: In diesem Jahr feiern die Protestanten 500 Jahre Reformation: Warum kommt die Vollversammlung nicht in Deutschland zusammen - dem Geburtsland Luthers, dem Ursprungland der Reformation?

Martin: Das Zentrum des Weltluthertums ist nun mal nicht mehr auf der Nordhalbkugel und erst recht nicht mehr in Deutschland. Die Kirchen in der südlichen Hemisphäre dagegen wachsen sehr stark. Schauen Sie nur nach Tansania oder nach Südostasien. Bei uns gehen die Mitgliederzahlen in den lutherischen Kirchen stetig zurück. Und außerdem setzt man nicht zweimal hintereinander eine Vollversammlung im gleichen Land an - 2010 war ja Deutschland mit Stuttgart an der Reihe.

epd: Wie kam man auf Namibia?

Martin: Ganz einfach: Die lutherischen Kirchen in Namibia haben den LWB eingeladen. Afrika und auch Südamerika sind spannende Orte für das Luthertum. Dort ziehen die Pfingstkirchen mit ihrem Wohlstandsevangelium immer mehr Menschen an. Ihre Botschaft lautet, zugegeben etwas platt ausgedrückt: "Komm zu uns! Dann wirst du gesund, reich und erfolgreich." Falls das nicht eintritt, dann war halt dein Glaube nicht stark genug oder du hast nicht genug Geld gespendet. Das ist das genaue Gegenteil von dem, was die Reformatoren im 16. Jahrhundert gesagt haben: nämlich dass ich mir die Gerechtigkeit und Gnade Gottes nicht kaufen kann.

Zur Person

Paula Gröhe, Bild: © Brigitte Vordermayer

Paula Göhre

"2013 wurden Tim und ich in den Jugendausschuss des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (JA_DNK/LWB) gewählt. Seitdem diskutieren wir, lernten und bereiteten die Vollversammlung in Namibia vor. Ich glaube daran, dass wir nach dieser intensiven Vorbereitung unsere Stimme als Jugend einbringen und als lutherische Weltgemeinschaft wirklich etwas bewegen können. Denn das ist das Schönste: zu sehen, wie bunt und vielfältig, aber doch eben gleich wir alle sind. Ich freue mich nun unglaublich auf die bevorstehenden Tage, das internationale Gottesdienstleben, die vielen Begegnungen und Gespräche."

epd: Spielt Namibia denn auch inhaltlich eine Rolle während der Tagung?

Martin: In Namibia hat es seit vier Jahren nicht mehr geregnet, was eine direkte Folge der Klimaerwärmung ist. Dass das katastrophale Auswirkungen auf die Ernte hat, kann man sich vorstellen. Die Menschen hungern, können ihr Land nicht mehr bewirtschaften und werden dann zu Flüchtlingen im eigenen Land. Meistens kommen sie in Städten in den Elendsquartieren unter, weil sie keine Jobs finden. Natürlich müssen wir - gerade in Namibia - darüber sprechen, wie afrikanische Länder am Weltmarkt beteiligt sind, wie es mit Flüchtlingsbewegungen oder der Klimaerwärmung aussieht.

epd: Hat das auch etwas mit dem diesjährigen Stichwort der Vollversammlung zu tun: "Not for Sale" (nicht zum Verkauf)?

Martin: In gewisser Weise schon. Der Rat des Lutherischen Weltbundes wollte im Jubiläumsjahr natürlich das Thema Reformation aufnehmen: Gottes Gnade und Freiheit. Daraus ist dann das Motto geworden "Liberated by God's grace" (Befreit durch Gottes Gnade). Um die Arbeitsfelder des LWB deutlich zu machen, hat man sich auf die drei Begrifflichkeiten "Human beings" (Menschen), "Creation" (Schöpfung) und "Salvation" (Erlösung) geeinigt, die alle unter der Überschrift "Not for Sale" stehen. Die Liebe Gottes, die Gerechtigkeit Gottes kann man sich nicht kaufen. Genauso wenig wie die Schöpfung oder Menschen. Kein Mensch darf Gegenstand von Kaufverhandlungen werden.

Zur Person

Tim Sonnemeyer FB, Bild: © Tim Sonnemeyer FB

Tim Sonnemeyer

"Von der Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds in Namibia erwarte ich mir ein Zeichen der Glaubensgemeinschaft. Wenn Christen aus 145 Mitgliedskirchen, Vertreter von über 70 Millionen Christen zusammenkommen, dann ist das eine einzigartige Möglichkeit zu zeigen, wie lebendig unsere Kirchen sind - Ich wünsche mir Geschichten aus anderen Ländern, die ich mit nach Hause nehmen kann, die ich weiter erzählen kann und die Mut machen. Mut zu einem vorwärtsgewandten Glauben und Lust darauf mitzumachen. Ich freue mich auf die Andachten und Gottesdienste, die jeweils von ganz unterschiedlichen Regionen gestaltet werden und deshalb zeigen, wie vielfältig und bunt unser gemeinsamer Glauben sein kann. Als jugendlicher Delegierter wird es besonders spannend zu sehen, wie meine Generation sich einbringt und was wir erreichen können und wollen. Der Lutherische Weltbund ist groß und wichtig genug, um international wahrgenommen zu werden: Hier gibt es eine echte Chance, unsere Zukunft zu gestalten!"

epd: Und dann muss bei der Vollversammlung auch noch der 70. Geburtstag des Lutherischen Weltbundes gefeiert werden...

Martin: ..., der ein Zeichen dafür ist, dass die lutherische Kirche heute eine weltweite Kirche ist. Das war vor 70 Jahren noch völlig anders. Da waren die lutherischen Kirchen regionale Kirchen, die wenig miteinander zu tun hatten. Durch die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs kam die Idee auf, dass die lutherischen Kirchen sich zusammentun, um ihren Brüdern und Schwestern in Europa zu helfen. Deutschland war damals Empfängerland. Wir haben eine Menge bekommen zum Aufbau von Kirchen oder Gemeindezentren. Neben dieser Entwicklungsarbeit ist der große Schwerpunkt Theologie dazugekommen, also dass die lutherische Kirche mit einer Stimme spricht im Verhältnis zu anderen Kirchen.

epd: Wie stark ist denn diese Stimme?

Martin: Man kann auf jeden Fall sagen: Diese eine Stimme ist sehr stark. Der LWB-Präsident, der in Namibia wieder neu gewählt wird, ist das Gegenüber für andere Konfessionen. Er ist zum Beispiel das Gegenüber für den Papst. Bleiben wir mal bei der Theologie und der weltweiten Versöhnung 2010 mit den Mennoniten, also den Täufern im 16. Jahrhundert, die von den Lutheranern verfolgt wurden. Die wurde nur möglich durch Gespräche zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Mennonitischen Weltkonferenz.

Auch bei politischen Fragen können wir mit einer Stimme sprechen. Wir haben ja ein weltweites Kirchennetzwerk, aus dem wir unsere Erfahrungen ziehen können. In Europa jammern wir derzeit gewaltig über den Zuzug und die Unterbringung von Flüchtlingen. Afrikanische Länder und Kirchen haben uns da aber einiges voraus. Die meisten Flüchtlinge bleiben ja in ihrer Heimatregion, nur die wenigsten schaffen es zu uns. Da können wir lernen.

Zur Person

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel, Bild: © (c) ELKB / Rost

Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel

"Für mich wird die Reise nach Namibia der Höhepunkt im Jubiläumsjahr  2017 werden; das wurde mir schon bei den Vorbereitungen auf die Vollversammlung deutlich. Und so freue mich darauf, aus der Perspektive des afrikanischen Kontinents noch einmal ganz neu auf die Reformation zu blicken.  Gleichzeitig wird in Namibia, einem Land, das unter extremer Armut und Dürre leidet, aber auch der Blick geschärft für die gemeinsame Verantwortung für Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung  und Frieden. Der LWB hat als ein weltumspannendes christliches Netzwerk  hier eine wichtige Rolle. Darüber hinaus stehen wir als Mitglieder der deutschen Delegation aus historischen Gründen in einer besonderen Verantwortung und haben uns in der Vorbereitung auf die Vollversammlung auch intensiv mit der Kolonialpolitik Deutschlands sowie dem Völkermord an den Herero und Nama Anfang des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt."

epd: Der Lutherische Weltbund setzt sich aus so vielen Kirchen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Wie viele Gemeinsamkeiten bleiben denn zum Schluss?

Martin: Die größte Gemeinsamkeit ist, dass man miteinander Gottesdienst feiert. In verschiedenen Sprachen, mit verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten, Liedern, Gesängen, Tänzen. Das ist jenseits aller Resolutionen und theologischer Texte eine ganz wichtige Sache für die Vollversammlung. Das Erlebnis, dass wir weltweite Kirche sind. Ein tansanischer Pfarrer erzählt vielleicht, dass seine Kirche oder sein Gemeindezentrum aus allen Nähten platzt, weil die Kirche dort so viel Zulauf hat. Und unsere Pfarrer erzählen dann vielleicht von homosexuellen Pfarrern, die im Pfarrhaus zusammenleben. Das wäre in Tansania nicht denkbar. Aber das Schöne ist: Man ist weltweite Kirche und bleibt trotz solcher Differenzen zusammen.

epd: Andere Kirchen haben aber ganz andere Probleme als Homosexualität oder Frauenordination. Da geht es um Hunger, Armut, fehlende Bildungschancen. Bleibt da nicht nur der kleinste gemeinsame Nenner übrig?

Martin: In den vergangenen Jahren hat man im LWB intensiv an der Frage zur Homosexualität gearbeitet. Denn daran ist die Kirchengemeinschaft fast auseinandergebrochen. Durch viele Gespräche im LWB-Rat und durch Überlegungen zum Bibelverständnis hat man es geschafft, dass man zusammenbleibt, obwohl man unterschiedliche Wege geht. Ähnlich ist es mit der Frauenordination, die eigentlich Standard innerhalb des LWB ist. Und trotzdem gibt es einige Kirchen, die noch keine Frauenordination haben, wie etwa unsere Partnerkirchen in Papua-Neuguinea und Australien. Aber wir unterstützen die Diskussion darüber, wohlwissend, dass so ein Gespräch über die Kulturen hinweg natürlich nicht nur konfliktfrei ist. Ein kirchentrennender Grund ist das aber noch nicht.

Zur Person

Maria Stettner Ökumenereferentin ELKB, Bild: © ELKB

Ökumenereferentin Maria Stettner

"Es ist meine erste Reise nach Afrika und damit auch nach Namibia – ich freue mich auf ein spannendes Land in einem völlig anderen kulturellen Kontext. Ich freue mich auch, dass ich zum zweiten Mal an einer Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes teilnehmen kann. Die Begegnung mit den anderen Delegierten fand ich in Stuttgart 2010 in der kurzen Zeit der wenigen Konferenztage sehr intensiv – der Austausch über die unterschiedlichen kirchlichen Situationen und über die persönlichen Glaubenswege und Glaubenserfahrungen hat mich bereichert und mir auch vor Augen gestellt, wie gut es uns in Deutschland geht – in materieller Hinsicht und auch was die Möglichkeiten unseres kirchlichen Lebens betrifft. Der Blick über unseren bayerischen Tellerrand ließ mich sehen, dass wir oft auf ziemlich hohem Niveau jammern. Die Vollversammlung steht unter der Überschrift „Befreit durch Gottes Gnade“ und hat sich vorgenommen, diese Grundaussage lutherischen Glaubens neu in unsere Zeit zu übersetzen. Wie wird das gelingen? Was heißt eigentlich „Gnade“ heute oder „Erlösung“? Und wie macht man dies den Menschen in einer säkularen Gesellschaft verständlich, wenn sie keine Vorstellung davon haben, was das sein könnte? Ich bin gespannt auf Impulse und Antworten."

epd: Was wäre denn so ein Grund?

Martin: Den gab es sogar schon einmal. Und zwar bei der Vollversammlung 1984 in Budapest. Damals war der große Streitpunkt zwischen vielen lutherischen Kirchen die Apartheid in Südafrika. Zwei "weiße" Kirchen aus dem südlichen Afrika unterstützten die Rassentrennung und schlossen sich dadurch selbst aus dem LWB aus. Denn niemand darf wegen seiner Hautfarbe aus der Abendmahlsgemeinschaft ausgeschlossen werden. Ansonsten würde man das Innerste der Verkündigung beschädigen. Als die Apartheid abgeschafft war, konnten sie in einem Versöhnungsprozess wieder eingegliedert werden.

epd: Sie sprechen viel über das Erlebnis "Weltweite Kirche" bei so einer Vollversammlung. Was bringt die aber den einzelnen Kirchengemeinden?

Martin: Das ist eine ganz schwierige Frage, denn der LWB ist natürlich weit weg von den Gemeinden. Deshalb haben wir eine zehnköpfige Begleitgruppe aus ganz Bayern dabei, die der Basis dann berichten soll. Greifbar wird so eine Vollversammlung, wenn die Beschlüsse Auswirkungen auf das Miteinander in der Gemeinde haben. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre mit der römisch-katholischen Kirche von 1999 ist so ein Beispiel, denn dadurch hat sich das ökumenische Miteinander in den Kirchengemeinden intensiviert.

Oder anderes Beispiel: Wir haben vor kurzem im Landeskirchenrat mit der katholischen Freisinger Bischofskonferenz eine gemeinsame Regelung für ökumenische Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen erarbeitet. Das ist nur möglich, weil es eine vertrauensvolle Beziehung zwischen der Lutherischen Weltkirche und der römisch-katholischen Weltkirche gibt.

epd: Wir danken für das Gespräch.


08.05.2017 / epd/ELKB