Wort zum Advent

Licht kommt ins Dunkel

Wort zum Advent

"Wo ist bei all dieser Kälte, bei all solchen Dunkelheiten ein Funke Hoffnung, etwas Wärme, ein Licht?"

Bild: iStock/Smileus

"Im Advent werden wir daran erinnert, dass dieses Licht in unsere Welt gekommen ist, " - Oberkirchenrat Michael Martin, Leiter der Abteilung „Ökumene und kirchliches Leben", im Wort zum Advent.

Die Blätter der Bäume sind weg, es ist kalt und nass, die Tage sind wieder kurz, Dunkelheit macht sich breit. Auch in unserer Welt ist es kalt und dunkel. Anschläge in Afghanistan, Krieg in Syrien, Terror im Kongo, im Südsudan und auch an verschiedenen Orten in Europa. 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, zwei Drittel davon Flüchtlinge im eigenen Land. Im Mittelmeer sind in diesem Jahr schon mehr als 4000 Menschen ertrunken. Ertrunken auf der Suche nach Frieden, nach Lebensperspektiven, nach Hoffnung auf Leben. Dunkel ist es aber auch im Leben vieler Menschen in Europa. Mehr als 50% junge Menschen in Spanien sind arbeitslos. Die Mieten in unseren großen Städten steigen und sind für Viele unbezahlbar geworden. Die Schere zwischen Reichen und Armen geht immer weiter auseinander. Neue Gräben entstehen, manche wollen Mauern aufrichten und sich abschotten, Ängste kommen auf – vor den Anderen, den Fremden, den Mächtigen, den Politikern; Ohnmacht angesichts der unübersichtlichen Welt; Furcht unterzugehen, nicht mehr mithalten zu können, auf der Strecke zu bleiben.

Wo ist bei all dieser Kälte, bei all solchen Dunkelheiten ein Funke Hoffnung, etwas Wärme, ein Licht? Müssen wir uns angesichts der aktuellen Erfahrungen damit abfinden, dass es dunkel ist in unserer Welt? Müssen wir uns resigniert zurück ziehen angesichts solcher Realitäten? Müssen wir aufgeben und die Finsternis akzeptieren?
Solche Fragen beantwortet die Bibel klipp und klar: Nein, wir müssen nicht aufgeben, angesichts von Kälte und Dunkelheit. Nein, wir müssen uns nicht resigniert zurück ziehen. Nein, wir müssen uns nicht abfinden mit der Finsternis, auch wenn sie überall nach uns zu greifen scheint. Denn: „Licht scheint ihn der Finsternis“. (Joh 1,5)

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Hier ist von einem Licht die Rede, dass auch unsere Dunkelheiten hell machen kann. Es ist kein grelles Licht, keine unübersehbare hell blinkende Reklamebotschaft; kein Scheinwerfer, der alles in gleißendes Licht taucht. Dieses Licht, das hier beschrieben wird, ist eine kleine Flamme; ein unscheinbares Licht, das aber doch unsere Dunkelheiten hell macht. Denn das ist ja das Entscheidende am Licht, auch wenn es noch so klein ist, es gibt keine Finsternis, die dadurch nicht hell wird.

Genau das ist die Botschaft des Advent. In unsere Welt kommt ein Licht. Ein Licht, das Wärme verbreitet und unsere Dunkelheit hell macht. Ein Licht, dass hell scheint, wo Finsternis sich ausbreitet. Ein Licht, das wir in der Zeit des Advent erwarten. Im Evangelium nach Johannes heißt es von diesem Licht „die Finsternis hat’s nicht ergriffen“. Wir orientieren uns noch immer an den Abgründen, den Spannungen, den Dunkelheiten um uns herum. Wenn wir aber dem Licht vertrauen, das in unsere Welt gekommen ist, dann sehen wir manches mit anderen Augen. Dann sehen wir, wie viele Tausend Menschen sich in unserem Land einsetzen für Flüchtlinge und Menschen, die Hilfe brauchen; dann sehen wir, wie unzählige Politiker versuchen, Konflikte nicht zu verschärfen, sondern mit friedlichen Mitteln beizulegen; dann sehen wir, wie Versöhnung gelingt – zwischen Menschen, Völkern und Konfessionen.

Am Reformationstag in Lund haben Lutheraner und Katholiken einen gemeinsamen Gottesdienst gefeiert. Sie haben dabei erinnert, wie viel Leid sie sich in ihrer Geschichte angetan haben. Sie haben gegenseitig um Versöhnung gebeten und sie haben miteinander versprochen, in Zukunft gemeinsam auf das Licht, das in unsere Welt gekommen ist zu vertrauen. Deshalb ist es gut und richtig, die Erinnerung an 500 Jahre Reformation als Christusfest zu feiern. Denn Jesus Christus ist das Licht, das wir im Advent erwarten. Er ist die Hoffnung, dass Wärme und Mitmenschlichkeit sich durchsetzen werden. Er ist es, der uns zusagt, unser Leben hell zu machen. Er ist die Hoffnung auf Leben trotz Dunkelheiten, Leid und Tod.

Im Advent werden wir daran erinnert, dass dieses Licht in unsere Welt gekommen ist und immer wieder in unsere Welt kommen will. Und wir können einen neuen Blick bekommen, für das Licht, das trotz aller Finsternis unseren Weg hell macht. Dann sehen wir eine Hand, die zur Versöhnung ausgestreckt wird. Waffen, die niedergelegt werden. Neue Anfänge nach jahrelangem Streit. Zupackende Menschen, die sich für andere einsetzen. Hilfe für die, die in Angst, Leid und Not verstrickt sind.

Licht kommt auch in unsere Dunkelheit. Die Zeit des Advent will uns dafür die Augen öffnen und sie will uns hinweisen auf den Gott, der in unsere Welt kommt, damit wir nicht in den Finsternissen verloren gehen.


23.11.2016 / Michael Martin