50 Jahre Nagelkreuzzentrum Josefstal

Versöhnung leben

Von links: Johanna Falk, Heinz Dunkenberger-Kellermann, Canon Sarah Hills, Oberkirchenrat Oliver Schuegraf und  Rainer Brandt

Feierten 50 Jahre Nagelkreuzzentrum Josefstal: Johanna Falk vom Nagelkreuzzentum Würzburg, Heinz Dunkenberger-Kellermann, Canon Sarah Hills, Oberkirchenrat Oliver Schuegraf, Hannover, und Rainer Brandt, Leiter des Studienzentrums Josefstal

Bild: Elkb :

Es war ein doppeltes Jubiläum: Beim 50. europäisch-ökumenischen Studienkurs wurde auch das 50-jährige Jubiläum des Nagekreuzzentrums in Josefstal gefeiert.

In dem gleichen Jahr, in dem zum ersten Mal Christen unterschiedlicher Konfessionen aus ganz Europa in Josefstal zusammen gekommen waren, kam auch das Nagelkreuz, das Zeichen der Versöhnungsarbeit der Kathedrale von Coventry, dorthin und wurde das Studienzentrum ein Botschafter der Versöhnung. Und so feierte Josefstal Ende April „50 Jahre ökumenisches Lernen und Verständigung zwischen den verschiedenen Kirchen Europas, 50 Jahre Versöhnung im Geiste Coventrys“, wie Oberkirchenrat Oliver Schuegraf, Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland, betonte.

Canon Sarah Hills überbrachte Glückwünsche der Gemeinschaft aus Coventry und berichtete über aktuelle Projekte ihrer Versöhnungsarbeit. Bayern-Evangelisch.de befragte die Domherrin zu der Bedeutung der Nagelkreuzgemeinschaft früher und heute.

Was bedeutet es, “Canon” für Versöhnungsdienst  an der Kathedrale von Coventry zu sein?

Canon Sarah Hills: Ich habe einen lokalen, nationalen und internationalen Friedens- und Versöhnungsauftrag. Das umfasst sehr viel. Dabei verfolge ich zwei strategische Ziele: zum einen, den Frieden in der Welt voranzubringen. Und zum anderen, Menschen zu ermächtigen, in allen Teilen der Welt und in der Kirche versöhnend zu wirken. Kirchen haben genauso viele Probleme wie Kommunen, Gesellschaften und Nationen untereinander.

Das Haus St. Michael in Coventry ist ein Versöhnungszentrum, in dem wir Versöhnung lehren und Menschen, die Probleme miteinander haben, zeigen, wie sie sich versöhnen können. Dort ist die Nagelkreuzgemeinschaft. Formell wurde sie 1973 von Canon Kenyon Wright gegründet, einem meiner Vorgänger. Aber es gibt sie natürlich schon länger.

Zitat

Versöhnung beginnt ganz klein: zu Hause, auf dem Spielplatz, damit, „Entschuldigung!“ zueinander zu sagen. Es beginnt damit, freundlich zueinander zu sein. Das müssen wir unseren Kindern beibringen und vorleben."

Canon Sarah Hills

Seit wann?

Canon Sarah Hills: Wir datieren unsere Gemeinschaft zurück auf 1940. Denn da hat eigentlich alles angefangen. In der Mitte des Zweiten Weltkriegs wurde Coventry bombardiert und am 15. November ging Richard Howard, der Leiter der örtlichen Gemeinde, durch die Ruinen der Kathedrale und sagte: „Vater vergib“. Nicht: „Vater vergib den Deutschen, den Nazis, die uns bombardiert haben“, sondern „Vater vergib uns allen". Wir alle brauchen Gottes Vergebung. Das war der Beginn der Botschaft von Frieden und Versöhnung – eine sehr prophetische, radikale und manchmal auch unpopuläre Botschaft. Nun, der Krieg ging ja auch weiter, fünf lange Jahre. Wir bombardierten Dresden. Doch schon 1940 wurden die ersten Nagelkreuze zusammengefügt – aus mittelalterlichen Nägeln, die unter den Trümmern der Kathedrale gefunden worden waren.

Und nach dem Krieg?

Canon Sarah Hills:  Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg schickte die Gemeinschaft hundert Nagelkreuze quer durch Europa mit der Botschaft: „Lasst uns Frieden machen. Es ist Zeit, Europa wieder aufzubauen." Und weitere Kreuze wurden hinausgetragen in andere Teile der Welt, in denen es Konflikte gab: beispielsweise Südafrika, Nordirland, Israel und Palästina.

Heute haben wir weltweit mehr als 200 Partner in der Nagelkreuz-Gemeinschaft – Kirchen, andere christliche Organisationen und auch internationale Nagelkreuz-Schulen, denn wir denken, dass die nächste Generation etwas lernen muss über Frieden und Versöhnung für unsere Welt.

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Wie können junge Menschen lernen, Versöhnung zu leben?

Canon Sarah Hills: Versöhnung beginnt ganz klein: zu Hause, auf dem Spielplatz, damit, „Entschuldigung“ zueinander zu sagen. Es beginnt damit, freundlich zueinander zu sein. In der Litanei der Versöhnung in Coventry schließen wir mit den Worten: "Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus. (Epheser 4, 32)"  Das müssen wir unseren Kindern beibringen und vorleben. Es gibt auch Spiele, mit denen wir Kindern zeigen können, wie sie Brücken und nicht Mauern bauen können.

Was sind die Ziele der Nagelkreuzgemeinschaft?

Canon Sarah Hills: Wir haben drei Prioritäten, die heute so relevant sind wie sie immer waren. Erstens: die Wunden der Geschichte heilen. Zweitens: Unterschiede leben und Vielfalt feiern. Und drittens: eine Kultur des Friedens schaffen. Also: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Und wir hoffen, dass alle unsere Partnerorganisationen innerhalb ihrer Gemeinschaften und in ihrem Kontext auf diese drei Ziele hinarbeiten.

Wie hat sich die Arbeit über die Jahre hin verändert?

Canon Sarah Hills: Nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutete Versöhnungsarbeit, die von Coventry ausging, natürlich zuallererst den Wiederaufbau von Europa, insbesondere Versöhnung mit Deutschland. Von Anfang an hatten wir sehr starke Verbindungen zu Dresden oder Kiel. Menschen aus Coventry kamen nach Dresden und halfen beim Wiederaufbau.

Heute müssen wir immer noch die Verletzungen der Geschichte heilen und dürfen nicht vergessen, was geschehen ist. Aber in erster Linie fragt Versöhnung danach, was heute in unserer Welt geschieht. Wir dürfen nicht nur zurückblicken. Was bedarf heute der Versöhnung? Das betrifft Krisenherde in der Welt, das betrifft Fragen rund um den religiösen Fundamentalismus. Das betrifft  in Zeiten des Brexit - wieder  - Europa. Können wir durch die Nagelkreuzgemeinschaft einen anderen Weg finden, um Beziehungen und Partnerschaften in Europa zu schließen? Denn das ist entscheidend! Wir wollen nicht mehr dahin zurück, wo wir einmal standen. Andere Brennpunkte, die der Versöhnung bedürfen, sind beispielsweise der Umgang mit Geflüchteten in unseren Ländern oder der Konflikt in Syrien.

Geht es in Ihrer Arbeit auch um die Versöhnung mit der Umwelt?

Canon Sarah Hills: Ja, Natürlich. In der Tat beschäftigte sich die erste Konferenz zur Versöhnung, die Kenyon Wright Mitte der 70er Jahre in Atlanta organisierte, mit der Umwelt. Das war damals eine richtig große Sache. Wenn wir uns nicht mit der Erde versöhnen, wenn  wir unseren verwundeten Planeten nicht heilen, dann sind bald nicht mehr viele Menschen übrig, mit denen wir uns versöhnen können. In dem Marmorboden der Kathedrale in Coventry sind zahlreiche Fossilien eingeschlossen. Sie erinnern uns an die Notwendigkeit, uns mit dem Kosmos zu versöhnen und nachhaltig und umweltbewusst zu leben.

Kann man heute noch Mitglied der Nagelkreuzgemeinschaft werden?

Canon Sarah Hills: Ja. Es gibt ein Bewerbungsverfahren für Kirchen oder Institutionen, die unsere Partner werden wollen. Sie müssen uns zeigen, dass sie an mindestens zwei unserer drei Ziele arbeiten. Und dann treten wir in ein Gespräch mit ihnen ein, das für gewöhnlich mehrere Monate oder ein Jahr dauert. Wir bitten die Bewerber, im Mai oder September nach Coventry zu pilgern. Dort treffen sie andere Menschen, die sich um eine Mitgliedschaft bewerben, sie sehen die Gebäude, und sie erfahren, wie die Versöhnung in der Kathedrale von Coventry gelebt wird.

Derzeit ist die Kathedrale in Ottawa dabei, unser Partner zu werden, besonders wegen der Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Kanada, die sich in Schulen für indigene Kindern engagiert. Auch die Hilfsorganisation „Christian Aid“ bereitet sich auf die Mitgliedschaft vor. Eines unserer örtlichen Gefängnisse wurde letztes Jahr unser Partner, und das Land Palästina hat seine Mitgliedschaft erneuert. Erst kürzlich hat der Erzbischof von Canterbury Papst Franziskus ein Nagelkreuz überreicht – als Zeichen für die gemeinsame Arbeit an der Versöhnung. Das war wirklich ein ganz besonderer Moment.

Zur Person

Canon Sarah Hills, Coventry, Bild: © elkb

Canon Sarah Hills

Dr. Sarah HIlls ist "Canon for Reconciliation" an der Kathedrale von Coventry.


05.05.2017 / elkb