Dachau

"Jene überzeugen, die in rechtsextreme Positionen abdriften"

Zum 80. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938 hat die evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau eine Arbeitshilfe zur Gestaltung von Gedenkgottesdiensten und Friedensgebeten erstellt.

Zum 80. Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938 hat die evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau eine Arbeitshilfe zur Gestaltung von Gedenkgottesdiensten und Friedensgebeten erstellt.

Bild: iStock-Andreas Haas

Am 9. November jährt sich die Pogromnacht von 1938 zum 80. Mal. Der epd stellte Pfarrer Björn Mensing aus Dachau drei Fragen zur Aktualität von Gedenkfeiern zur Pogromnacht.

Fast alle jüdischen Synagogen wurden in dieser Nacht geschändet oder verbrannt, jüdische Geschäfte geplündert, Menschen jüdischer Herkunft misshandelt, beraubt, verschleppt. Die evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau bietet jetzt eine Arbeitshilfe, mit der Pfarrer, Lehrkräfte oder Bildungseinrichtungen mit weniger Aufwand eine Gedenkfeier zur Pogromnacht gestalten können.

Seit vielen Jahren gedenken Kommunen und auch Kirchengemeinden der Opfer der Novemberpogrome. Warum braucht es zum 80. Jahrestag noch eine neue Arbeitshilfe?
Gerade weil es schon so lange her ist, wollen wir die Geschehnisse vom 9./10. November 1938 wieder ins Bewusstsein rufen. Die aktuelle gesellschaftliche Situation macht uns Sorgen: Offener, aggressiv auftretender Antisemitismus nimmt zu, ebenso ein gegen Muslime und Sinti und Roma gerichteter Rassismus. Im Bundestag sitzen Abgeordnete, die öffentlich NS-Verbrechen verharmlosen oder relativieren. Die deutschen Kirchen in der NS-Zeit haben zur Judenverfolgung und Verfolgung Andersdenkender, von wenigen Ausnahmen abgesehen, geschwiegen. Umso wichtiger ist es mir, dass die bayerischen Kirchengemeinden möglichst flächendeckend ihre Stimme erheben - auch beim Gedenken an 80 Jahre Pogromnacht.
 

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Was bietet die Arbeitshilfe?
Pfarrerinnen und Pfarrer, aber auch Lehrkräfte oder Verantwortliche in Bildungseinrichtungen finden darin eine kurze historische Einführung zum 9. November 1938, außerdem fertige Textbausteine für Andachten oder Gottesdienste und zahlreiche Links zu Online-Archiven. Dort wiederum findet man leicht Verweise auf Spuren jüdischen Lebens im eigenen Ort - so wird das Gedenken persönlicher und konkreter. Durch die Arbeitshilfe wird der Aufwand, die Gedenkfeier zu gestalten, kleiner - und es machen hoffentlich mehr mit.

Wünschen Sie sich ein Engagement der Gemeinden über den Gottesdienst hinaus?
Ich erlebe in Dachau immer wieder, dass die Kirchen auch bei Demonstrationen gefragt sind. Wenn wir auf einer Kundgebung ein Friedensgebet gestalten, dann bringen wir eine andere Dimension hinein - etwas, was über den Ruf "Nazis raus!" hinausgeht. Eine Demonstration polarisiert. Es entstehen Lager: die Guten hier, die Bösen dort. Aber auch auf der anderen Seite stehen Menschen wie wir. Und jeder Mensch kann seine Haltung ändern. Es nützt nichts, jemanden wegen seiner politischen Einstellung zu verteufeln. Wir müssen versuchen, jene zu überzeugen, die in rechtsextreme Positionen abdriften. Eine Demo allein hält niemanden davon ab, die AfD zu wählen. Ein Friedensgebet kann die Polarisierung abmildern und versuchen, alle in die Verantwortung zu nehmen.

Die Arbeitshilfe "Als die Synagogen brannten..." kann unter info@versoehnungskirche-dachau.de als PDF-Dokument oder als Ausdruck angefordert werden. Auf der Internetseite der Versöhnungskirche steht sie auch zum Download bereit.
 


31.10.2018 / epd