Jahresempfang der Evangelischen Akademie

Bundespräsident Gauck zu Gast in Tutzing

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Bundespräsident Joachim Gauck, Daniela Schadt und Akademiedirektor Udo Hahn

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Bundespräsident Joachim Gauck, Daniela Schadt und Akademiedirektor Udo Hahn

Bild: Axel Mölkner-Kappl

Die Bedeutung der Medien und Appelle für einen sachlichen Dialog in der Gesellschaft bestimmten den Jahresempfang der Evangelischen Akademie Tutzing. Festredner war Bundespräsident Joachim Gauck.

In seinem Festvortrag hob der Bundespräsident hervor, dass Demokratie und eine offene Gesellschaft von dem kontroversen Gespräch lebten. Die zunehmende innenpolitische Polarisierung führe zu einer „Verrohung von Sprache“ und der „Erosion von Diskussionskultur“. Damit gehe auch eine zunehmende Fragmentierung des gesellschaftlichen Diskurses einher.

Der Jahresempfang in Wort un Bild von Axel Mölkner-Kappl

Der Qualitätsjournalismus ist Gauck zufolge wichtiger denn je in einer schnelllebigen Zeit. Es habe zwar auch bei diesen Medien Fehlentwicklungen und Versäumnisse gegeben, die eine selbstkritische Debatte innerhalb der Medien erzeugt hätten. Daraus aber abzuleiten, die traditionellen Medien seien eine „Lügenpresse“, sei eine „groteske Überzeichnung“ und selbst schon politische Propaganda, sagte Gauck. In den gegenwärtigen Verwerfungen sieht der Bundespräsident aber auch eine Chance: „Denn wir sind gezwungen, uns aufs Neue bewusstzumachen, was wir an unserer Demokratie haben“. Einmal mehr könne die Demokratie ihre Stärke, ihre Lernfähigkeit und ihre Anpassungskraft unter Beweis stellen.

Zitat

Offene Gesellschaft heißt: bereit sein zum Gespräch, zum Streitgespräch. Dieser Streit darf – zumal in rauen Zeiten – auch einmal heftig ausfallen. Aber solange er mit Respekt geführt wird, kann er am Ende bei der Verständigung helfen."

Bundespräsident Joachim Gauck

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zeigte sich besorgt über ein wachsendes „Klima von Abwertung und Diffamierung“. Ein solches Klima habe viele Menschen im US-amerikanischen Wahlkampf befremdet und drohe sich nun auch hierzulande auszubreiten. „Die Kübel von Hass und Verächtlichkeit, die täglich in den Internetforen ausgeschüttet werden, sind so unübersehbar geworden, dass auch ein bloßes Wegklicken nicht mehr reicht“, kritisierte der evangelische Theologe. Inzwischen sieht Bedford-Strohm die Diskurskultur in Deutschland in Gefahr: „Ja, diese einzigartige Diskussionskultur, die uns so gut getan hat, die unser Land stark gemacht hat und auch liebenswert gemacht hat, ist gefährdet."
 

Weiter zeigte sich Bedford-Strohm besorgt darüber, dass sich viele Menschen nicht mehr trauten, in einem angeblichen Klima der Political Correctness ihre Meinung zu sagen. Er könne die Menschen nur dazu ermutigen, „diese Angst zu überwinden und frei ihre Meinung zu äußern“. Es brauche eine Atmosphäre der Angstfreiheit in diesen Debatten, forderte der bayerische Landesbischof.

An die Gründung der Akademie vor 70 Jahren erinnerte der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) in seinem Grußwort. Die Akademie sei in christlicher Verantwortung ein Ort der Achtung und Toleranz sowie der kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen. Neben Wissen vermittele die Akademie Haltungen, die unverzichtbar für eine humane Gesellschaft seien.

70 Jahre kritische Auseinandersetzung

Wie Akademiedirektor Udo Hahn in seiner Begrüßung sagte, sei die Akademie Tutzing in all diesen Jahren zu einer Institution und Marke mit bundesweiter Ausstrahlung geworden. Die Akademie habe den unverwechselbaren Auftrag, aus christlicher Sicht Themen der Gestaltung von Welt und Gesellschaft aufzugreifen. Dazu gehöre auch die Aufgabe, dass die Akademie künftig ein Begegnungs- und Kompetenzzentrum für die digitale Welt werde. Bundespräsident Gauck bezeichnete die kirchlichen Akademien als Arenen, in denen viele Debatten ausgefochten wurden, die die Republik vorangebracht hätten.


20.01.2017 / Axel Schwanebeck