Verwaltungsreform

"Es geht um noch bessere Dienstleistung"

Oberkirchenrat Hübner

Oberkirchenrat Dr. Hans-Peter Hübner ist Leiter der Abteilung E "Gemeinden und Kirchensteuer" im Landeskirchenamt.

Bild: epd

Überlastete Pfarrer, zu große und veraltete Immobilien in den Gemeinden. Die Verwaltungsreform soll Abhilfe schaffen. Oberkirchenrat Hans-Peter Hübner erläutert im Interview wie.

Herr Hübner, wo ist die breit angelegte Verwaltungsreform in der Kirche inzwischen angekommen?
Die 35 Verwaltungseinrichtungen sind zu zehn Verwaltungsverbünden zusammengefasst. Dafür haben die Träger dieser Einrichtungen, also die Dekanatsbezirke und Gesamtkirchengemeinden, Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen. Ganz wichtig ist mir die Feststellung, dass es bei dieser Reform nicht um Schließung von Standorten oder Personalreduzierung ging, sondern um eine noch bessere Dienstleistung für die 1.540 bayerischen Kirchengemeinden - durch Spezialisierung, Synergie und mehr Know-How in der Verwaltung. Die ursprünglich 400, viel zu knapp bemessenen Vollzeitstellen in der Verwaltung für die Fläche der Landeskirche sind in den letzten Jahren schrittweise auf etwa 470 aufgestockt und die dafür vorgesehenen landeskirchlichen Mittel entsprechend erhöht worden.

Ein neuralgischer Punkt für die Gemeinden war das Bauwesen, das Gebäude-Management. Greift hier die Reform?
Der Immobilienbereich war in der Tat ein wesentlicher Auslöser für die Reform. Es gibt in Bayern rund 6.400 evangelische Kirchen, Gemeindezentren, Pfarrhäuser oder Verwaltungsgebäude. Die Gemeinden müssen viel Zeit und Geld aufwenden, um ihre Gebäude in Schuss zu halten. Außerdem passt der Gebäudebestand oft nicht mehr zur Gemeindeentwicklung, ein um 1900 gebautes Gemeindehaus kann beispielsweise heute viel zu groß sein. Kirchengemeinden können also durch ihren Gebäudebestand in eine Schieflage geraten. Man muss also auch hier die gesamtkirchlichen Zusammenhänge sehen, wie die regional bereits eingetretene oder absehbar rückläufige Finanzentwicklung und den demografischen Wandel. Für die Klärung dieser Immobilienfragen stehen den Gemeinde jetzt in den größeren Verwaltungsverbünden ausreichenden Umfang Fachleute zur Seite.

Evangelische Kirchengemeinden sind in hohem Grade autonom. Welchen Hebel haben Sie, um ein Immobilienkonzept durchsetzen zu können?
Es stimmt, dass wir keinen wirklichen Durchgriff haben, die Eigenständigkeit der Gemeinden ist ja gut evangelisch begründet und deshalb auch so gewünscht. Wir können allerdings im Rahmen der Aufsicht das Finanzgebaren einer Gemeinde anfragen, und bei Bauvorhaben gibt es natürlich nur dann landeskirchliche Zuschüsse, wenn das Projekt sinnvoll ist und in das Immobilienkonzept passt. Bei meinen vielen Besuchen in Gemeinden und Dekanaten spüre ich allerdings deutlich, dass das Bewusstsein für die Kosten ihrer Immobilien den Gemeinden sehr klar ist. Das in den Jahren 2008 bis 2013 landeskirchenweit durchgeführte Projekt lief vielleicht etwas schwerfällig an, weil es - abgesehen von dem häufig fehlenden Fachpersonal in den Verwaltungsstellen - anfangs Schwierigkeiten bei der Datenerfassung gegeben hat. Inzwischen stehen die technischen Hilfsmittel dafür zur Verfügung und die Gemeinden haben ganz überwiegend für ihre jeweiligen Bereiche eine strategische Gebäudekonzeption erarbeitet.

Was sind die weiteren Schritte?
Die bis 2013 entwickelten strategischen Gebäudekonzeptionen müssen aktualisiert und systematisch ausgewertet werden. Noch in dieser Amtsperiode werden die Kirchenvorstände gebeten, ihre Prioritäten zu überprüfen. Jede Gebäudekonzeption muss den Anspruch haben, die kirchlichen Immobilen in den großen kirchlichen Zukunftsprozess "Profil und Konzentration" zu integrieren. Das Projekt der Immobiliensicherung begann ursprünglich aus kaufmännischen und wirtschaftlichen Erwägungen und Notwendigkeiten heraus. Mittlerweile stehen die inhaltlichen und strategischen Aspekte im Vordergrund. Wir haben jetzt also den Dreiklang Gemeindeentwicklung - Landestellenplanung - Gebäude.

Zitat

Die Verwaltungsreform hat das Ziel, Pfarrer und Pfarrerinnen für ihre Kernaufgaben, also für Verkündigung und Seelsorge, zu entlasten. Dann haben sie auch Kraft und Luft für die geistliche Erneuerung der Kirche."

Hans-Peter Hübner

Im Immobilienprozess ist in erster Linie von Gemeindehäusern oder Pfarrhäusern die Rede. Stehen auch Kirchen zur Disposition?
Es gilt nach wie vor in der bayerischen Landeskirche der Grundsatz, dass Kirchengebäude in ihrem Bestand möglichst erhalten werden sollen. Wie bisher werden wir Kirchen allenfalls in ganz besonderen Ausnahmefällen aufgeben. Denn wir sehen hier auch eine gesamtkulturelle Verantwortung. Über ihren sakralen Bezug hinaus prägen Kirchen das Stadtbild, die Türme sind Markenzeichen der Kirche. Deshalb haben wir auch den Kirchensanierungsfonds eingerichtet, um eben diese Gebäude erhalten zu können, selbst bei abnehmenden Kirchensteuermitteln.

Ohne Menschen, die in ihnen tätig sind, haben Gebäude nur einen sehr begrenzten Wert. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Verwaltungsreform für das Profil und den Stellenzuschnitt der Pfarramtssekretärinnen?
Die Verwaltungsreform für Kirchengemeinden ist ganz eng mit dem Zukunftskonzept "Profil und Konzentration" und der angestrebten geistlichen Erneuerung für die Kirche verzahnt. Denn sie hat das Ziel, Pfarrer und Pfarrerinnen für ihre Kernaufgaben, also für Verkündigung und Seelsorge, zu entlasten. Dann haben sie auch Kraft und Luft für die geistliche Erneuerung der Kirche. Im Rahmen dieses Prozesses soll insbesondere auch ein differenziertes Aufgabenprofil der Pfarramtssekretärinnen erarbeitet werden. Neben den klassischen Aufgaben können diese dann je nach örtlichem Bedarf noch stärker als Sachbearbeiterinnen tätig sein, und beispielsweise weitgehend eigenständig das Belegungsmanagement für das Gemeindehaus oder geschäftsführende Funktionen übernehmen - vor allem dann, wenn sich mehrere Gemeinden in der Verwaltung zusammenschließen.

Sollen in diese Reform auch andere kirchliche Berufsgruppen eingebunden werden?
Auf allen Ebenen, auf denen ich mich bewege, habe ich eine große Zustimmung für die Reform erlebt. Dabei wurde sogar angeregt, auch weitere kirchliche Berufsgruppen mit einzubeziehen, wie etwa die Mesner und Hausmeister.

Ein weiterer wichtiger Mitspieler ist auch der Kirchenvorstand, kommt auf dieses Gremium Änderungen zu?
Nach meinen Erfahrungen sehen die Kirchenvorstände die Verwaltungsreform durchweg positiv und sind insbesondere sehr an einem neuen Stelleprofil für die Pfarramtssekretärinnen und einer Aufwertung des Pfarramts interessiert, das ja als erste Kontaktbörse für die Gemeinde eine immense Bedeutung hat. Das Profil für die Kirchenpfleger, die in den Gemeinden ehrenamtlich das Geld verwalten, wird sich wohl deutlich verschieben. Denn wir möchten flächendeckend die gemeinschaftliche Verwaltung des Geldbestandes durch die örtlichen Verwaltungsstellen erreichen, das bedeutet, dass der Kirchenpfleger nicht mehr jede Buchung selbst durchführen muss und für seine Überweisungen zur örtlichen Sparkasse geht. Dafür kommt er immer stärker in die Rolle eines Controllers, was ja letztlich eine Aufwertung seiner Funktion und eine Entlastung ist. Ohnehin tun sich immer mehr Gemeinden schwer, Ehrenamtliche für diese verantwortliche und aufwendige Tätigkeit zu finden. Der neue Zuschnitt korrespondiert auch mit der Einführung der "Doppik", der kaufmännischen Buchhaltung, in der Kirche. Vor allem den jüngeren Kirchenpflegern ist dieses System aus ihrer beruflichen Tätigkeit im Bankwesen und in der Wirtschaft vertraut.

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Wird die Einführung der "Doppik" zur unendlichen Geschichte in der Landeskirche?
Gewiss nicht. Aber gut Ding, das heißt die Erarbeitung passgenauer Regelungen für den Gemeindebereich und die Fortbildung aller von der Umstellung betroffenen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter, will Weile haben. Die Erfahrungen im Dekanatsbezirk Augsburg, dem Pilot für das Projekt, sind allerdings sehr ermutigend, wie auch bei einem Informationstag mit Beteiligung aus der gesamten Landeskirche noch einmal eindrücklich bestätigt worden ist. Die Umstellung funktioniert dort jedenfalls. Im nächsten Jahr wird die Erprobung auf den gesamten Kirchenkreis Augsburg ausgedehnt. 2018 und 2019 kommt eine umfassende Auswertung, das Ergebnis geht in die Landessynode, die dann eine richtungsweisende Entscheidung treffen muss. Der Roll-Out in die Fläche könnte bis 2025 abgeschlossen sein. Alle Gemeinde haben dann ein funktionsfähiges System, mit dem sie genau wissen, wo sie finanziell stehen und wo ihre Belastungen und Verpflichtungen sind. Nur so lässt sich künftig eine zuverlässige Finanzplanung bewerkstelligen.

Gibt es für alle diese unterschiedlichen Projekte und Reformen einen roten Faden?
Diese Prozesse stehen alle unter dem Leitgedanken der Kooperation mit dem Ziel der Konzentration der absehbar geringer werdenden personellen und finanziellen Ressourcen. So sollen die Reformen sollen dazu beitragen, dass Verwaltung und Gemeinden - noch - effizienter zusammenarbeiten, dass die verschiedenen Berufsgruppen sich mit ihren jeweiligen Kompetenzen besser unterstützen. Der Dekanatsbezirk als mittlere und vermittelnde Ebene wird hier noch mehr als bisher gefragt sein. Überhaupt denke ich, dass der Kooperationsgedanke künftig noch viel breiter als bisher durch dekliniert werden muss. Insbesondere sind die Möglichkeiten strukturierter Zusammenarbeit vor allem mit der Diakonie bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Diese könnte mit ihrem großen Verwaltungs-Know-how noch viel stärker mit der Verwaltung für Gemeinden verzahnt werden.
Außerdem ist es naheliegend, dass Gemeinden mit überparochialen Einrichtungen in ihrem Bereich, wie etwa Landvolkshochschulen, eine gemeinsame Nutzung der Räume organisieren. Es gibt ermutigende Beispiele von Kooperationen mit den politischen Gemeinden, dass beispielsweise Kirche und Kommune einen Gemeindesaal für Veranstaltungen nutzen. Demgegenüber ist die diesbezügliche Zusammenarbeit mit den katholischen Nachbargemeinden, wie sie auch in der Ökumenekonzeption unserer Landeskirche angeregt wird, noch sehr ausbaufähig. Freilich müssen wir dafür auch angemessene rechtliche Rahmenbedingungen schaffen. Das Ganze ist aber kein Selbstzweck, sondern allein dem Ziel zugeordnet, wie die Kirche auch in Zukunft weiterhin ihren Auftrag erfüllen kann, wenn auch unter geänderten Bedingungen.


05.10.2016 / epd