Religionsunterricht

Schüler lernen Toleranz und Dialogbereitschaft

Religionsunterricht

Auch beim Thema Medienkompetenz und den ethischen Herausforderungen bei der Mediennutzung sind die Religionslehrer gefordert.

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Der schulische Religionsunterricht ist ganz und gar kein Auslaufmodell, erklärt Oberkirchenrat Detlev Bierbaum im Gespräch mit dem epd. Denn dort lernen die Schüler Toleranz und Dialogbereitschaft.

Pünktlich zum Schuljahresbeginn hat das Religionspädagogische Zentrum auf Ihre Anregung hin eine Handreichung für Religionslehrer für eine "stabilisierende Schulgemeinschaft" veröffentlicht. Was hat Sie dazu veranlasst?
Der Münchner Amoklauf hat ganz deutlich vor Augen geführt - ganz gleich welche Motive letztendlich den Täter bewegt haben -, dass es notwendig ist, Kinder und Jugendliche aufmerksam und sensibel zu begleiten. Religionslehrkräfte sind hier besonders gefordert. Vor allem, wenn es um sozial auffällige Schülerinnen und Schüler geht. Mit sozial auffällig meine ich auch Schüler und Schülerinnen, die sich immer mehr zurücknehmen und in eine ganz eigene Welt eintauchen. Auch wenn furchtbare Taten eine Ausnahmen sind, belasten im Alltag Konflikte und Mobbing den Schulfrieden und führen zu häufig schwerwiegenden Problemen bei den Kindern und Jugendlichen, unter denen sie lange leiden. Unsere Handreichung "Empfehlungen für Religionslehrkräfte zur Unterstützung einer stabilisierenden Schulgemeinschaft", die sich an alle Lehrkräfte generell wendet, gibt ganz konkrete Hilfestellungen, wie Lehrer helfen können, was sie bei einem konkreten Verdacht auf eine geplante Gewalttat tun können, wie sie auf Mobbing in ihrer Klasse reagieren sollten und welche Möglichkeiten der Fortbildung es in diesem Bereich für die Lehrkräfte gibt.

Sehr dankbar bin ich, dass unser Religionspädagogisches Kompetenzzentrum in Heilsbronn diese Handreichung in wenigen Wochen entwickelt hat. Die Empfehlungen leben davon, dass sie von zwei sehr kompetenten Experten auf diesem Gebiet erarbeitet wurde, nämlich von Pfarrerin Dr. Ute Baierlein, die unsere Schulseelsorge-Ausbildung verantwortet, und dem stellvertretenden Leiter des RPZ, Thomas Barkowski, der die Notfallseelsorge an Schulen aufgebaut hat.

Wird die Schule aber nicht immer stärker mit der Erwartungen konfrontiert, eine Art Reparaturbetrieb für alle gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zu sein?
Der Trend ist schon seit langem beobachtbar, dass Schule alles ins Lot bringen soll, was in der Gesellschaft nicht funktioniert - gerade auch in der Erziehung. Diese Erwartung greift jedoch viel zu kurz. Denn Schule kann - und darf - den Eltern gar nicht die Verantwortung abnehmen, die sie nun einmal für ihre Kinder haben. Außerdem ist Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb brauchen wir Angebote, mit denen Eltern unterstützt werden. Auch ein Feld für unsere evangelische Erwachsenenbildung. Die Schule wiederum muss adäquate Formen finden, um Jugendliche möglichst optimal zu fördern und zu begleiten.

Welche Rolle spielen dabei die Lehrkräfte?
Lehrerinnen und Lehrer sind und bleiben die Schlüsselpersonen mit einer hohen Verantwortung. Das bedeutet, dass sie neben der Wissensvermittlung sehr sensibel für ihre Schüler sein müssen und deshalb merken, wenn etwas bei den jungen Menschen aus dem Ruder zu laufen droht. Nach meinen eigenen Erfahrungen als Lehrer nehmen Kinder und Jugendliche sehr genau wahr, mit welcher Einstellung ihnen der Lehrer, die Lehrerin gegenübertritt. Eine große und - vielleicht - manchmal noch zu wenig genutzte Chance ist das Zusammenwirken verschiedener Lehrkräfte, die alle mit ihrem je spezifischen Fachunterricht in einer Klasse arbeiten. Nicht zu vergessen die weiteren unterstützenden Systeme; zum Beispiel die Schulpsychologen. Von unterschiedlichen Ansätzen her können sie überlegen, wie sie dem einzelnen Schüler am besten gerecht werden. Dabei könnten auch Pfarrer, Religionspädagoginnen und staatliche Lehrkräfte mit vocatio als Religionslehrer eine wichtige Rolle spielen, weil sie ja spezielle Fähigkeiten, beispielsweise in Kommunikation und Seelsorge, einbringen.

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...für so manche Pfarrerinnen und Pfarrer ist wegen ihrer vielfältigen Anforderungen in der Gemeinde der Religionsunterricht ein eher ungeliebtes Kind...
Sicherlich haben Pfarrer ein breites Aufgabenspektrum neben der Schule zu bewältigen und stehen dadurch häufig auch unter heftigem Zeitdruck. Allerdings verfügen sie allein schon durch ihre fundierte Ausbildung in der Seelsorge über ein Grundrepertoire an Möglichkeiten, wie sie Lehrer so nicht unbedingt haben können. Dazu kommt, dass Pfarrerinnen und Pfarrer möglicherweise durch Bezüge in der Gemeinde das familiäre Umfeld der Schüler viel besser kennen. Alle diese Kenntnisse und Fähigkeiten sollten sie auch in die Schule einbringen. Dadurch kann ganz wesentlich zu einer stabilen, fördernden und fürsorglichen Schulgemeinschaft beigetragen werden. Deshalb wünsche ich mir, dass Pfarrerinnen und Pfarrer - und so viele tun es ja vorbildlich, wenn es irgendwie möglich ist - sich mit Leib und Seele in den Lebensraum Schule hineinbegeben, also im Lehrerzimmer präsent sind, Kontakt mit der Kollegenschaft suchen, bei Schulveranstaltungen vor Ort sind und vielleicht sogar mitmachen. Das alles ist nicht immer eine Frage des Zeitbudgets und der Vielzahl der Schulen, die zu bedienen sind, sondern eine Frage der inneren Haltung zu diesem beruflichen Feld. Dafür bekommt man auch viel an Sympathie und Wertschätzung in einem sehr säkularen und kirchlich ungefilterten Umfeld zurück.

Durch die öffentliche Debatte um Flüchtlinge und Integration ist auch der Religionsunterricht wieder in den öffentlichen Fokus gerutscht. Stimmen aus der Politik fordern eine Art gemeinsamen Ethik-Unterricht für alle Schüler. Wird der Religionsunterricht überflüssig?
Ganz im Gegenteil! Der Religionsunterricht unterstützt Schüler, sich ihrer eigenen Religiosität bewusst zu werden und ihre persönliche Identität auszubilden, um sich über die eigene Konfession auch mit dem nötigen Wissen und der nötigen Tiefe äußern zu können. Voraussetzung für jeden interreligiösen Dialog ist es doch gerade, dass beide Gesprächspartner eine eigene, fundierte Position haben. Dafür ist es auch nötig, und es wird von den Schülern erwartet - das zeigt uns gerade eine neue Umfrage -, dass die Lehrkräfte in diesem Fach authentisch sind und zu dem stehen, was sie sagen. Zudem ist schon seit langem in den Lehrplänen verankert, dass der konfessionelle Religionsunterricht im Sinne einer Differenzkompetenz auch die anderen Religionen in den Blick nimmt. Ich befürworte diesen sogenannten konfessionell-kooperativen Religionsunterricht, in dem beispielsweise zwei Lehrkräfte unterschiedlicher Konfession unter ihren, je eigenen, Gesichtspunkten ein Thema bearbeiten. Dieser konfessionell-kooperative Ansatz muss dringend und zügig weiter ausgebaut werden, vor allem in der Ausbildung der Lehrer.

Zitat

Ich rate Eltern generell zu mehr Gelassenheit gegenüber den schulischen Laufbahnen ihrer Kinder.

Detlev Bierbaum

Für muslimische Schüler ist dann ein eigener Islamunterricht geradezu überfällig, wie ihn ja auch der bayerische Landesbischof angeregt hat.
Ein Islamunterricht stellt das System des konfessionellen Unterrichts nicht in Frage, sondern würde genau dieses Modell der Identitätsfindung, religiöser Sprachfähigkeit, Toleranz und Dialogbereitschaft stärken. Deshalb sollte der Islam gerade nicht in den Schulen außen vorbleiben. Ein flächendeckender Islamunterricht kann die Chance bieten, junge Muslime gegen Versuchungen des Fundamentalismus immun zu machen. Voraussetzung für diesen Unterricht, der natürlich auf Deutsch gehalten wird, müssten dann - genauso wie bei den anderen Religionen - die Ausbildung der Lehrkräfte an deutschen Universitäten, Begleitung und Kontrolle durch die Schulaufsicht und staatlich genehmigte Lehrpläne sein. Indoktrination hat keinen Platz im konfessionellen Religionsunterricht, der im Grundgesetz und in der bayerischen Verfassung verankert ist, und darf ihn auch nicht im Islamunterricht haben.

Werden die konfessionellen Schulen zunehmend zu einer pädagogischen Parallelwelt, in der Integration und interreligiöser Dialog gar nicht vorkommt?
Wenn jemand seine Kinder abschotten will, sollte er sie gerade nicht auf eine evangelische Schule schicken. Denn genau diese Schulen stehen - eben aufgrund des eigenen gefestigten Profils - für Offenheit und Toleranz. Nach meiner Überzeugung haben evangelische Schulen nicht in erster Linie die Funktion, mit einem engen konfessionellen Ansatz die Leute der evangelischen Kirche zuzuführen. Evangelische Schulen basieren auf der Grundlage christlicher Werte, dem christlichen Menschenbild, das sich speist aus der Gottesebenbildlichkeit des einzelnen Menschen, sie verkörpern deshalb Toleranz, Respekt, Internationalität und auch Leistung. So gesehen ertüchtigen sie junge Menschen, das Leben und die komplexen Anforderungen einer mobilen Gesellschaft zu meistern. Aber natürlich freue ich mich, wenn religiöse Sozialisation gelingt, wenn Jugendliche und Eltern all das mit evangelischer Kirche in Verbindung bringen.

Was würden Sie denn einem Schüler sagen, der eine Schulaufgabe total in den Sand setzt, sich dann aber auf die evangelische Rechtfertigungslehre beruft, dass alle Menschen ohne eigene Leistung geliebte Wesen Gottes sind?
Dem würde ich erst einmal sagen, dass er zumindest im Religionsunterricht gut aufgepasst hat und dass er diesen Gedanken verinnerlichen soll. Er wird ihm helfen eine selbstständige Persönlichkeit zu werden. Sodann würde ich ihm erklären, dass er auf dieser Grundlage des Geliebtseins seine eigenen Fähigkeiten - gerade eben ohne Versagensängste - entwickeln und er sich deshalb mühen kann, bessere Leistungen zu erbringen.

Zum Stichwort Leistung - mit jedem Schuljahr poppt eine heftige Kritik am Übertrittsverfahren von der Grundschule zum Gymnasium auf, weil dafür der Maßstab ein Notenschnitt, also Leistung, ist.
Diese Diskussion halte ich für verfehlt, weil wir ein äußerst durchlässiges Schulsystem haben, der Übergang von der Grundschule ins Gymnasium also längst nicht mehr eine endgültige Weichenstellung ist. Außerdem sollte die schulische Einordnung der Kinder nicht völlig den Eltern überlassen sein, sondern in einer guten und vertrauensvollen Kooperation mit den Lehrkräften erfolgen. Denn Eltern fehlt oft die nötige Distanz zu ihren Kindern. Wenn Eltern beispielsweise aus überzogenem Ehrgeiz ihre Kinder überfordern, kann das viel Leid bis hin zu Traumatisierungen schaffen. Da ist es häufig viel sinnvoller, wenn ein Kind nach der Realschule über die Fachoberschule zum Abitur kommt oder über eine erfolgreiche Ausbildung. Aber diese Frage des Übertritts ist auch ein gesellschaftliches Problem. Für viele beginnt der Mensch erst mit dem Abitur - für mich eine, sehr milde gesagt, merkwürdige, unverständliche Haltung. Ich rate Eltern generell zu mehr Gelassenheit gegenüber den schulischen Laufbahnen ihrer Kinder.

Eine weitere aktuelle Diskussion dreht sich um das Medienverhalten junger Menschen. Was kann die Schule - egal unter welcher Trägerschaft - da tun?
Medienkompetenz und Medienpädagogik ist ohne Zweifel eine echte Herausforderung für die Schulen. Schon seit Jahren mache ich mich deshalb für eine stärkere Medienpädagogik gerade an unseren evangelischen Schulen stark. Diese beginnt schon bei der Ausbildung der Lehrer; wichtig ist auch gezielte Fort- und Weiterbildung; hier vermisse ich ein etwas größeres Engagement. Lehrkräfte müssen sich doch auf Augenhöhe mit ihren Schülern und Schülerinnen bewegen können, und müssen deshalb auch auf der Höhe der technischen Entwicklungen sein.

Inhaltlich gilt es Jugendlichen zu vermitteln, dass neben den unbestreitbaren Vorteilen auch Gefahren in den sozialen Netzwerken lauern. Das Netz vergisst überhaupt nichts. Unsere Smartphones sammeln ununterbrochen Daten, erstellen Profile, bilden uns ab, wissen mehr über uns als wir selbst, machen uns zur leichten Beute für Konzerne. Aus all diesen Gründen fordere ich schon seit Jahren eine intensivere Beschäftigung mit den modernen Medien, habe aber den Eindruck, dass ich bisher noch nicht genug gehört worden bin. Doch damit sinnvoll umzugehen ist nicht zukünftig, sondern schon jetzt eine Grundkompetenz, um das Leben verantwortlich gestalten zu können. Wiederum sind gerade unsere evangelischen Religionslehrkräfte hier gefordert, um die damit verbundenen ethischen Herausforderungen mit jungen Menschen zu diskutieren: Was stelle ich ins Netz, vor allem aber was nicht, weil ich damit anderen Menschen schade.

Zur Person

Bierbaum, Bild: © ELKB

Detlev Bierbaum

Oberkirchenrat Detlev Bierbaum ist der Leiter der Abteilung „Gesellschaftsbezogene Dienste“ im Münchner Landeskirchenamt. In der Kirchenleitung verantwortet Bierbaum die Arbeitsbereiche Diakonie, Schule, Bildung, Seelsorge und Medien im Bereich der bayerischen Landeskirche.


21.10.2016 / epd/Achim Schmid