Tag der deutschen Einheit

Geistliches Wort zum Tag der deutschen Einheit

Brandenburger Tor

Bild: iStockphoto / TerricDelayn

Der Präsident des Diakonischen Werks Bayern, Michael Bammessel, fordert im geistlichen Wort zum Tag der deutschen Einheit mehr Fairness in der deutschen Debattenkultur - und weniger Beleidigungen. 

Der Tonfall ist scharf geworden hierzulande. Lange galt die Bundesrepublik aus Sicht vieler Nachbarn als erstaunlich harmonisches Land: stabiler innerer Friede, wenig Streiks, kaum gewaltsame Auseinandersetzungen, eine Große Koalition als Regierung und an der Spitze eine Kanzlerin, die Konflikte eher zudeckt als anheizt. Ein Land, das auch bei der Integration von Zuwanderern Erstaunliches leistet. Besungen von einer Nationalhymne, die im Vergleich zu manch anderer Hymne ausgesprochen friedlich klingt: Einigkeit und Recht und Freiheit.

Doch die Einigkeit scheint vorbei zu sein. Menschen gehen mit aggressiven Parolen auf die Straße. Der Bundespräsident muss sich öffentlich beschimpfen lassen und innerhalb der Koalition ist die Kritik so heftig, wie man es höchstens von der Opposition gewöhnt war. Ist das geeinte Deutschland zum gespaltenen Land geworden?

Streit muss keine Gefahr für die Einheit sein. Das gilt bekanntlich selbst für eine gute Ehe: lieber ab und zu eine ehrliche Auseinandersetzung als resigniertes Schweigen oder gar stille Verachtung. Erst recht zählt das für eine gute Demokratie: Um den richtigen Weg muss debattiert, gerungen und auch leidenschaftlich gestritten werden. Wer miteinander ringt, bleibt in Kontakt. Wird der Streit offen und fair ausgetragen, so kann er geradezu förderlich sein für die Einheit.

Doch gerade die Fairness ist bedroht. Besonders ungeschminkt ist das in Internetforen zu beobachten. Hasserfüllte Äußerungen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Bedenkenlos werden Falschmeldungen weiterverbreitet, Verschwörungstheorien gepflegt und böse Verdächtigungen gestreut. Beim Flüchtlingsthema blieb manchem Online-Medium nichts anderes mehr übrig, als die Kommentarfunktion abzuschalten, weil die Redakteure den Schmutz gar nicht mehr herausfiltern konnten. Selbst hilfsbereite Ehrenamtliche, die sich um Flüchtlingsfamilien kümmern, berichten von übler Nachrede.

"Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" - unser christlich geprägtes Land muss sich dringend wieder an dieses uralte Gebot erinnern. Und dessen Auslegung im Kleinen Katechismus beherzigen: Wir sollen von unseren Mitmenschen "Gutes reden und alles zum Besten kehren". Ein hervorragendes und bewährtes Heilmittel für den Umgang miteinander!

Wer ein wahrhaft geeintes Deutschland will, muss wieder damit anfangen: Gut übereinander reden. Beleidigungen aus dem Wortschatz streichen. Bei Sachkritik die gegenseitige Wertschätzung bewahren. Selbst bei großen Meinungsunterschieden fair bleiben. Dem anderen einen Vertrauensvorschuss geben. Es sind diese alten christlichen Werte, die unser Land jetzt für seine Einigkeit braucht.

 

Zur Person

Michael Bammessel, Bild: © (c) ELKB / Poep

Michael Bammessel

Michael Bammessel ist Präsident des Diakonischen Werks Bayern.


28.09.2016 / epd