Geistliches Wort zum Ewigkeitssonntag

Spuren menschlicher Hoffnung

Ewigkeitssonntag

"Die Hoffnung auf eine bergende und tröstliche Ewigkeit bei Gott kann ich an vielen Gräbern ablesen."

Bild: iStock-horstgerlach

Der Ewigkeitssonntag, ist dem Gedenken der Verstorbenen gewidmet. Regionalbischof Michael Grabow hat zu dem Gedenktag, der auf die Reformationszeit zurück geht, ein paar Gedanken aufgeschrieben.

Ich gehe gern über den Augsburger protestantischen Friedhof. Es ist ein Ort Lebens, ein Ort der Erinnerung und Geschichte - und auch ein Ort der Ewigkeit. Es ist ein lebendiger Ort. Eine alte Frau pflanzt vielfarbige Heidekrautpflänzchen auf das Grab ihres Mannes. Ein junger Mann schiebt sein Fahrrad zum Ausgang. Fast immer auch sitzen Mütter auf den Bänken, den Kinderwagen vor sich, und genießen die letzte Herbstsonne. Man hört sie reden und auch einmal fröhlich lachen.

Es ist nicht nur ein Ort für Trauer und Tod. Es ist auch ein Ort, wo tagtägliches, auch fröhliches Leben sich abspielt - mitten zwischen den Gräbern.

Ein Junge fragt seine Mutter, während er mühsam buchstabiert: "Mama, was ist eigentlich ein Kom-mer-zien-rat?". Die Mutter versucht zu erklären. Und mir wird wieder bewusst, dass sich von den Gräbern eine ganze Bandbreite von Geschichte (und Geschichten) ablesen lässt: Viele Titel und Berufe stehen auf den Grabsteinen. Ganze Familiengeschichten vom Urgroßvater bis zur heutigen Generation stehen als Namen eingraviert. Und auch wichtige Personen der Stadtgeschichte liegen hier auf dem Friedhof: vom Renaissancebaumeister Elias Holl bis zu den Eltern von Bert Brecht. Aber auch viele andere Namen von Menschen, die nicht so bekannt sind, die aber einmal von anderen geliebt waren und nach ihrem Tod betrauert worden sind. Manche der Gräber sind sorgfältig hergerichtet, an anderen sieht man an den Spuren, die die Zeit hinterlassen hat, dass schon lange niemand mehr gekommen ist, um am Grab seiner Angehörigen zu stehen oder zu beten.

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Und während ich so weitergehe, entdecke ich inmitten aller Vergänglichkeit auch die Spuren menschlicher Hoffnung. Manche beschreiben nur eine kleine Zeitspanne dieser Hoffnung: "In unseren Herzen lebst Du weiter". Andere eröffnen den weiten Blick auf Gottes Ewigkeit, wo keine Zeit mehr ihre Spuren hinterlassen kann, weil es keine Zeit und damit keine Vergänglichkeit mehr gibt. Ewigkeit ist ein so großes Wort, dass manchem dabei der Atem stockt. Es ist aber auch ein Wort der Hoffnung und des Trostes. Es öffnet uns den Blick auf Gott, der uns in die Welt gesetzt, der seine Hand über uns gehalten und uns durch unser Leben begleitet hat. Dieser Gott wird uns eines Tages zu sich zurückholen in seine Geborgenheit, wo es keine Trauer mehr gibt und keinen Schmerz und kein Leid. Dieses Wort ist Gottes Versprechen, dass unser Leben seinen Sinn gehabt hat und wir eines Tages diesen Sinn erkennen können in allem, was da durch alle krummen und schiefen Spuren unser ganz persönlicher Weg war.

Diese Hoffnung auf eine bergende und tröstliche Ewigkeit bei Gott kann ich an vielen Gräbern ablesen. Deshalb gehen auch viele evangelische Christen am Ewigkeitssonntag auf die Gräber und in die Gottesdienste. Sie spüren, dass ihre eigene Trauer und ihr Leid gut aufgehoben sind und blicken schon ein wenig hinein in Gottes zukünftige Geborgenheit und in sein wärmendes Licht. Vielleicht gehe ich deshalb so gern über Friedhöfe. Weil sie mich all das erfahren lassen von meinem heutigen, ganz fröhlichen Leben bis hin zum Leben bei Gott, das mich erwartet. Wann? Das weiß nur er - Gott sei Dank.

Zur Person

Regionalbischof Michael Grabow, Bild: © Kirchenkreis Augsburg

Michael Grabow

Oberkirchenrat Michael Grabow ist Regionalbischof im Kirchenkreis Augsburg-Schwaben.


22.11.2017 / Michael Grabow/epd