Anerkennungsfeier in Nürnberg

Erste eigenständige Gebärdensprachliche Gemeinde

Gebärdenchor der Gebärdensprachlichen Kirchengemeinde

Ein Höhepunkt der Anerkennungsfeier: Zusammen mit einem Kirchenchor aus Heroldsberg wird auch der Gebärdensprachchor der EGG auftreten

Bild: EGG

Mit einem ganztägigen Fest wurde am vergangenen Samstag das Anerkennungsfest der Evangelisch-Lutherischen Gebärdensprachlichen Kirchen-Gemeinde (EGG) mit etwa 1.000 Besuchern gefeiert.

Es ist schon etwas ganz Besonderes: 2000 Gemeindeglieder aus ganz Bayern und 16 Gemeindeteile zählt die neue Gemeinde, die sich nun ganz offiziell Evangelisch-Lutherische Gebärdensprachliche Kirchen-Gemeinde  (EGG) nennt und die damit die erste eigenständige Kirchengemeinde dieser Größenordnung in Deutschland ist.

„Heute feiern wir Geburtstag - die gebärdensprachliche Gemeinde ist geboren", freute sich die Landeskirchliche Beauftragte für Gehörlosenseelsorge, Pfarrerin Cornelia Wolf, in ihren Eröffnungsworten in der Egidienkirche in Nürnberg. „Wir haben die Anerkennung bekommen, wir können Lektoren ausbilden und wir können für gehörlose Menschen in Bayern da sein", betonte Wolf.

„Unter den über 1500 hörenden Gemeinden in Bayern gibt es jetzt einen besonderen Farbtupfer: die Evangelisch-Lutherische gebärdensprachliche Kirchengemeinde in Bayern – einzigartig in Deutschland. Eine Gemeinde mit allen Rechten und allen Pflichten, mit eigenem Kirchenvorstand und eigenem finanziellen Budget. Auf Augenhöhe mit all den anderen Gemeinden in den sechs Kirchenkreisen Bayerns", so Oberkirchenrat Detlev Bierbaum in seiner Festpredigt.

Bayern-evangelisch.de befragte Pfarrerin Cornelia Wolf zu der Bedeutung dieser Anerkennung.

Frau Wolf, was bedeutet es für die Gehörlosengemeinde, jetzt anerkannt zu sein?

Cornelia Wolf: Die Gebärdensprachliche Kirchengemeinde war auch schon vor der Anerkennung eine Gemeinde, wie jede Ortsgemeinde auch: Sie feierte Gottesdienste, Kausalen, bot Gruppen für Kinder, Familien, Erwachsene, Senioren an, legte großen Wert auf Fort- und Weiterbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter und wurde durch Gemeindevorstände geleitet. Durch die Anerkennung wurde der vorhandenen Struktur Rechnung getragen: Die einzelnen Gemeindeteile können weiterhin ihre Arbeit vor Ort verrichten. Geändert hat sich vor allem der Status. Die Kirchengemeinde wird nun durch einen bayernweiten Kirchenvorstand geleitet, hat Siegelrecht und endlich Zugang zu den Daten ihrer Mitglieder, sie kann Kasualien selbstverständlich durchführen und brauch keine Zäsion oder Dimissiorale von der hörenden Ortsgemeinde. Durch die Anerkennung ist die Gebärdensprachliche Kirchengemeinde auf „Augenhöhe“ mit der hörenden Kirche was Mitarbeit, Mitbestimmung und Verantwortung angeht. Ihre Bedürfnisse können nun deutlicher in Leitungsgremien eingebracht werden und Kirchenvorsteher der Gebärdensprachliche Kirchengemeinde können auch in Dekanatssynoden oder in die Landessynode gewählt werden.

Was wird durch die Anerkennung anders? 

Cornelia Wolf: Vor allem die Möglichkeit einen Kirchenvorstand zu wählen und der Umgang mit den Kasualien ist eine spürbare Veränderung. Durch den bayernweiten Kirchenvorstand (momentan ist ein Übergangskirchenvorstand berufen) müssen die einzelnen Gemeindeteile noch mehr zusammenarbeiten, was inhaltlich eine große Bereicherung ist, aber auch eine Herausforderung an das Zeit- und Finanzbudget.

Die meisten Kirchengemeinden definieren sich über den Ortsbezug und nicht über eine Zielgruppe. Wieso ist das in diesem Fall anders?

Cornelia Wolf: Die Gebärdensprachliche Kirchengemeinde  definiert sich wie schon ihr Name sagt über die Kommunikationsform. Der medizinische Hörverlust spielt dabei weniger eine Rolle, als die tatsächlich gewählte Kommunikationsform. Gebärdensprachliche Menschen haben im Alltag mit sehr vielen Kommunikationsbarrieren zu kämpfen. Immer wieder können sie in der hörenden Gesellschaft nicht verstehen oder werden nicht verstanden, sei es auf der Arbeit, bei Ämtern, selbst in der eigenen Familie. Sie treffen sich daher gerne in Gruppen, in denen sie unbeschwert kommunizieren können (Gehörlosenvereine, Gehörlosensprotvereine, etc.).
 Da Sprache auch Kultur formt, gibt es auch eine Gebärdenkulturgemeinschaft.

Wäre wirkliche Inklusion nicht, dass gehörlose Menschen in ihren Ortsgemeinden gut  integriert sind?

Cornelia Wolf: Nein. Unser Auftrag, die Frohe Botschaft zu verkünden, hat meiner Meinung nach Folgen: Wir können nicht warten, bis die Menschen zu uns kommen, sondern wir müssen zu ihnen gehen und in ihrer Sprache und Kultur die Frohe Botschaft weitergeben. Daher ist es nur folgerichtig, dass die ELKB nun die Gebärdensprachliche Kirchengemeinde anerkannt hat und ihr somit einen offiziellen Status verliehen hat.
Wirkliche Inklusion geht nur, wenn sich zwei Gruppen aufeinander einlassen, oder wenige Hörende in der Gebärdensprachliche Kirchengemeinde Heimat finden wollen. Ein einzelner Gehörloser in einer hörenden Gemeinde ist immer im Ausnahmezustand und wird trotz Dolmetscher (falls das überhaupt finanzierbar ist) Außenseiter bleiben. Die direkte Kommunikation bleibt schwierig für beide Seiten.

Welche weiteren Schritte sind jetzt geplant?

Cornelia Wolf: Wir konzentrieren uns im nächsten Jahr auf drei Projekte:
1. die bayernweite Kirchenvorstandswahl der Gebärdensprachliche Kirchengemeinde 
2. die Weiterführung der sehr erfolgreichen Ausbildung für gebärdensprachliche Hospizbegleiter
3. die Umsetzung der in diesem Jahr vorbereitete Lektorenausbildung und die damit verbundene Übersetzung wichtiger biblischer Texte in Gebärdensprache.

Pfarrerin Cornelia Wolf (rechts) mit Kirchenvorstands-Vertrauensmann Randolf von Hündeberg und Grafikerin Stefanie Lindnau bei der Präsentation des Logos der EGG.

Pfarrerin Cornelia Wolf (rechts) mit Kirchenvorstands-Vertrauensmann Randolf von Hündeberg und Grafikerin Stefanie Lindnau bei der Präsentation des Logos der EGG.

Bild: EGG

Am Samstag, 8. Juli wird die Anerkennung in Nürnberg groß gefeiert. Was sind Höhepunkte des Festes?

Cornelia Wolf: Da gibt es viele Höhepunkte: Besonders schön werden sicherlich die Auftritte der Gebärdenchöre im Gottesdienst werden. Dabei ist ein Höhepunkt die Zusammenarbeit des Gebärdenchores mit dem hörenden Chor der Gemeinde Heroldsberg. Weitere Höhepunkte sind die Begegnungen zwischen Kirchenleitung und Gemeindegliedern. Das „VIP-Interview“ wird sicherlich auch spannend werden, ebenso wie der Auftritt eines Überraschungsgastes - ein bekannter Münchner gehörloser Schauspieler. Zur Unterstützung der Kommunikation sind fünf Dolmetscherinnen vor Ort.

Der Festgottesdienst am Samstag, 8. Juli beginnt um 11 Uhr in der Egidienkirche, um 12 Uhr folgen die Festreden. Anschließend findet einen Sektempfang im Innenhof statt. Das Bühnenprogramm beginnt im Festzelt um 14.30 Uhr. Ab 17.30 Uhr klingt die Festveranstaltung mit dem Abschlusssegen und der Luftballonaktion vor der Kirche am Kaiser-Wilhelm-Denkmal ab.Die gesamte Veranstaltung ist als barrierefrei geplant. Sowohl der  Gottesdienst wie auch die anschließenden Programme werden von mehreren Gebärdensprachdolmetschern für hörende Gäste übersetzt.


07.07.2017 / ELKB