Besuch in der KZ-Gedenkstätte

Gebet für die Holocaust-Opfer

v. r. Abba Naor (KZ-Dachau-Überlebender und Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees), Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Elke Büdenbender und ihr Mann Frank-Walter Steinmeier, Nechama und Reuven Rivlin, im Hintergrund: Kirchenrat Björn Mensing

Gebet zum Gedenken: v. r. Abba Naor (KZ-Dachau-Überlebender), Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Elke Büdenbender und ihr Mann Frank-Walter Steinmeier, Nechama und Reuven Rivlin, im Hintergrund: Kirchenrat Björn Mensing

Bild: Hans Sedlmayr

Nach der Einweihung des Gedenkorts für die Opfer des Olympia-Attentats besuchten der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die KZ-Gedenkstätte Dachau.

Für beide Staatsoberhäupter war es ihr ersten Besuch in der Gedenkstätte - Staatspräsident Reuven Rivlin hatte dies ausdrücklich gewünscht. Auf Einladung des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern nahmen auch Mitarbeiter der Versöhnungskirche an der Gedenkfeier teil. „Angesichts der tiefen schuldhaften Verstrickung der christlichen Kirchen in die Judenverfolgungen von der Spätantike bis zum Holocaust ein besonderes Zeichen der Verbundenheit“, sagt  Kirchenrat Björn Mensing, Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit und Pfarrer der Versöhnungskirche. Bayern-evangelisch.de befragte Björn Mensing zu der Versöhnungsarbeit in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Herr Mensing, was war für Sie besonders eindrucksvoll bei der Gedenkfeier an der Jüdischen Gedenkstätte?

Björn Mensing: Der Moment, in dem sich alle Anwesenden erhoben zum jüdischen Gedenkgebet El Male Rachamim für die Holocaust-Opfer, das Rabbiner Brodman singend vortrug. In dem hebräischen Gebet werden die Namen der Konzentrationslager genannt, Dachau ist auch darunter. Und dann – es wirkte fast improvisiert – sprach Staatspräsident Rivlin sichtlich bewegt das Kaddisch, das zentrale jüdische Gebet, das auch zum Totengedenken gesprochen wird, von den Anwesenden mehrfach mit dem gemeinsam gesprochenen Amen bekräftigt.

Wie gestaltet sich die christlich-jüdische Zusammenarbeit auf dem Gelände der Gedenkstätte?

Björn Mensing: Es hat sich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis entwickelt. Die Mitarbeiter der Versöhnungskirche haben gute Beziehungen zu den Repräsentanten des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern als Träger der Jüdischen Gedenkstätte in Dachau, zur Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, zur Liberalen Jüdischen Gemeinde München Beth Shalom und zum jüdischen Sportverein TSV Maccabi München. Das sind unsere Partner im Blick auf das gemeinsame christlich-jüdische Gedenken in Dachau, oft auf der christlichen Seite noch erweitert um die Katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau, die Schwestern im Karmelitinnenkloster Heilig Blut Dachau und Freunde aus den orthodoxen Kirchen. Neben wechselseitigen Einladungen zu eigenen Veranstaltungen, wie letzte Woche zur Jüdischen Gedenkfeier, haben wir auch gemeinsame Projekte im Gedenken und in der Erinnerungsarbeit. Schon mehrfach gab es gemeinsame Stationenwege, in die die Jüdische Gedenkstätte und einer oder mehrere der vier christlichen Gedenkorte einbezogen waren. Starke Nachfrage gibt es nach der Wanderausstellung „Kicker, Kämpfer, Legenden - Juden im deutschen Fußball“, die vom Centrum Judaicum in Berlin konzipiert wurde und in einer erweiterten Version bei der Versöhnungskirche entliehen werden kann. Ein ganz wesentlicher Teil der christlich-jüdischen Zusammenarbeit sind die Zeitzeugenberichte und Grußworte von jüdischen Shoah-Überlebenden in Veranstaltungen der Versöhnungskirche. Mit Ernst Grube (84) arbeitet ein Shoah-Überlebender sogar engagiert im Kuratorium der Versöhnungskirche mit.

War das früher anders?                                                         

Björn Mensing: Schon zur Grundsteinlegung und Einweihung der religiösen Erinnerungsorte in Dachau vor 50 Jahren gab es wechselseitige Einladungen. Auch die ersten Mitarbeiter der Versöhnungskirche konnten zu Shoah-Überlebenden Vertrauensverhältnisse aufbauen, was zwei Jahrzehnte nach dem Holocaust an ein Wunder grenzte. Mit der besseren personellen Ausstattung der Versöhnungskirche seit den Achtzigerjahren erweiterte sich auch das Spektrum der Veranstaltungen, in denen immer wieder an die Holocaust-Opfer erinnert wurde. Der christlich-jüdische Dialog war besonders den Pfarrern Hans-Ludwig Wagner, selbst Holocaust-Überlebender, und Heinrich Bauer ein großes Anliegen. Allerdings gab es nach der fast gänzlichen Auslöschung des deutschen Judentums im Holocaust in den ersten Jahrzehnten kaum Partner auf der jüdischen Seite.

Wie hat sich das Verhältnis verändert?

Björn Mensing: Durch die Zuwanderung von jüdischen Kontingentflüchtlingen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion kam es seit den Neuzigerjahren zu einem großen Wachstum in den jüdischen Gemeinden und Organisationen in Deutschland. In München beispielsweise stehen der Neubau des jüdischen Zentrums mit Synagoge und Gemeindehaus in der Innenstadt und die Gründung von Beth Shalom für die Rückkehr eines vielfältigen jüdischen Lebens, das nun auch mehr mögliche Kooperationspartner für die Gedenkstättenarbeit in Dachau bedeutet. Allerdings gibt es in den letzten Jahren auch eine sehr betrübliche Veränderung: Shoah-Überlebende, deren Offenheit, deren tiefe Humanität, deren Vertrauen und deren Freundschaft für uns das Herzstück der christlich-jüdischen Versöhnungsarbeit ist, gehen für immer von uns.

Wie unterscheidet sich jüdisches und christliches Gedenken?

Björn Mensing: Beim jüdischen Gedenken stehen, völlig nachvollziehbar, die sechs Millionen Shoah-Opfer im Mittelpunkt. Beim christlichen Gedenken geht es - nach unserem Verständnis - um alle NS-Opfer, aber immer auch um das selbstkritische Eingeständnis des weitgehenden Versagens der Kirchen in Deutschland angesichts der NS-Verbrechen und um die Würdigung der Wenigen, die Widerstand leisteten.

Ihr Wunsch für die gemeinsame Erinnerungsarbeit?

Björn Mensing: Ich wünsche mir, dass wir die vertrauensvolle christlich-jüdische Zusammenarbeit fortsetzen können, auch wenn uns unsere Freundinnen und Freunde aus der Generation der Shoah-Überlebenden nicht mehr dabei helfen können. Sehr wichtig wäre dafür die Errichtung einer hauptberuflichen Stelle für Jüdische Gedenkstättenarbeit in Dachau, als Ansprechperson für jüdische Gedenkstättenbesucher aus aller Welt, aber auch als Partner für uns vor Ort. Und ich habe einen Traum, dass wir eines Tages zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau gemeinsam zu einem multireligösen Gebet einladen können, denn unter den Häftlingen des Lagers waren neben Atheisten Menschen aller Religionen und Konfessionen.

Zur Person

Björn Mensing, Bild: © Thomas Ahlmeyer

Dr. Björn Mensing

ist Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit und Pfarrer der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau.


12.09.2017 / ELKB