Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte

Erinnerung an das Leid polnischer Häftlinge

Der polnische Generalkonsul Andrzej Osiak begrüßt zu dem Gedenkkonzert in der Versöhnungskirche Dachau.

Zahlreiche Besucher waren der Einladung zum Gedenkkonzert zum 80. Jahrestag des ersten Transports mit polnischen Gefangenen gefolgt.

Bild: Dariusz Piasecki

Mit einem Gedenkkonzert haben sich Angehörige polnischer und deutscher NS-Verfolgter mit Vertretern aus Politik und Religionen an den ersten Transport von polnischen Häftlingen ins KZ Dachau erinnert.

Vor 80 Jahren - zwei Wochen nach dem deutschen Überfall auf Polen - traf am 16. September 1939 der erste Transport mit 25 Gefangenen im KZ Dachau ein. Zum Gedenken daran hatten die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, das Generalkonsulat der Republik Polen in München und die Katholische Seelsorge an der KZ-Gedenkstätte Dachau zu einem Konzert mit dem bekannten Jazz-Geiger Adam Bałdych aus Warschau eingeladen. Zahlreiche Gäste  - darunter auch Angehörige von polnischen Dachau-Häftlingen  - sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kirchen und der jüdischen Gemeinschaft waren der Einladung gefolgt.

Ermutigende Melodien

Musik sei für die polnischen Häftlinge am Ort des Terrors ein wichtiger Weg zur Selbstbehauptung gewesen, berichtet Björn Mensing, Pfarrer an der Versöhnungskirche und Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit. Zeitweise habe die SS kulturelle Darbietungen im Lager geduldet. „Hier in Dachau höre ich unsere Melodien … Ich vergaß den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun“ – so habe sich Adam Kozłowiecki SJ an die Aufführung Ende August 1943 auf dem Appellplatz erinnert. Melodien, die den polnischen Häftlingen in Dachau Mut gemacht hatten, improvisierte Adam Bałdych  auf seiner Geige und spielte Werke von Mieczysław Weinberg, Gideon Klein und Szymon Laks, einem Dachau-Überlebenden, der aus dem KZ Auschwitz, wo er das Männerorchester leitete, im November 1944 ins KZ Dachau (Außenlager Kaufering XI) gebracht und dort Ende April 1945 befreit wurde.

Pfarrer Björn Mensing, zeigt eine Kopie aus dem Zugangsbuch des KZ Dachau

Pfarrer Björn Mensing, der auch Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit ist, zeigt eine Kopie aus dem Zugangsbuch des KZ Dachau, auf der die ersten polnischen Häftlinge am 16.9.39 registriert wurden.

Bild: Norbert Elter

In seiner Begrüßungsrede erinnerte Björn Mensing daran, dass die evangelische Kirche, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht gegen den deutschen Überfall auf Polen und den unter der Besatzungsherrschaft verübten Massenmord an Millionen polnischer Bürgerinnen und Bürger protestiert hatte. Der Pfarrer berichtete von seiner eigenen Spurensuche in Polen. Mensings Großvater Konrad Mensing war als Amtskommissar und als NSDAP-Ortsgruppenleiter in Kcynia bei Poznan Teil der deutschen Besatzungsherrschaft. Mensing zitierte Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sich am 1. September vor den polnischen Opfern der Gewaltherrschaft verneigt und um Vergebung gebeten hatte.

Namentliches Gedenken

Nach der Begrüßung von Andrzej Osiak, Generalkonsul der Republik Polen, erinnerten unter anderem der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, Ernst Grube, und der katholische Seelsorger an der KZ-Gedenkstätte, Ludwig Schmidinger, namentlich an sechs polnische Häftlinge in Dachau und entzündeten Kerzen für sie: den Geigenvirtuosen Mieczysław Kulawik, der in Dachau die Lagerkapelle leitete und mit seiner Musik die Mithäftlinge tröstete, und den Chirurgen Bronisław Werner, der eine "Eindeutschung" ablehnte, ins KZ Neuengamme bei Hamburg verschleppt und von dort nach Dachau verlegt wurde, wo er 1941schwer erkrankt starb. Auch Mania Knobloch, die mit neun Jahren ins Ghetto, mit 13 Jahren ins KZ Ravensbrück und schließlich ins Dachauer Außenlager Türkheim kam und seitdem unter ihren Erfahrungen im Holocaust leidet, war unter den Genannten sowie Jakub Sabasz, der 68jährig in einer Latrine im KZ Dachau bestialisch ertränkt wurde, der Jesuit und spätere Kardinal Adam Kozłowiecki, der in Dachau in der Baracke für Geistliche einquartiert wurde, und Szymon Laks.

Bis April 1945 verschleppten die Nationalsozialisten mehr als 40.700 polnische Männer und Frauen nach Dachau, fast 10.000 von ihnen wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt, etwa 1.800 als Geistliche unterschiedlicher Konfessionen. Im Lager stellten die Polen die größte nationale Gruppe. Etwa 8.400 von ihnen wurden im Dachauer KZ-System ermordet.


19.09.2019 / ELKB