Friedensdekade "Kriegsspuren"

"Ein sehr aktuelles Thema"

Klaudia Kuchenbauer, Leiterin der Arbeitsstelle kokon, vor einem Plakat mit der Aufschrift ' Frieden in der Welt'

"Kriegsspuren" ist diesjähriges Motto der Friedensdekade - ein sehr aktuelles Thema, sagt Claudia Kuchenbauer, Leiterin der Arbeitsstelle kokon.

Bild: Kokon

Mit einem Gottesdienst wurde am Sonntag in Markt Einersheim die Friedensdekade eröffnet. Ein Gespräch mit Claudia Kuchenbauer, Leiterin der Arbeitsstelle kokon, über die Bedeutung der Dekade.

Jahr für Jahr wird in den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag für den Frieden gebetet - und das bereits seit über 35 Jahren. In zahlreichen bayerischen Gemeinden wird auch in diesem Jahr die Friedensdekade begangen. Pfarrerin Claudia Kuchenbauer, Traumafachberaterin und Leiterin der Arbeitsstelle kokon für konstruktive Konfliktbearbeitung in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, erklärt, warum die Friedensdekade immer noch so wichtig ist - und warum das diesjährige Thema "Kriegsspuren" so aktuell ist.

Frau Kuchenbauer, was bedeutet für Sie die Friedensdekade?

Claudia Kuchenbauer: Mich beeindruckt, dass die Friedensdekade eine ökumenische Veranstaltung mit Tradition ist, die sich bereits seit 1980 hält. Es gibt zahlreiche Gemeinden in Bayern, die von Anfang an die Friedensdekade mit großem Ernst begehen. Dass wir seit 1994 die Dekade in Schwerpunktdekanaten eröffnen, soll das Thema und die Friedensdekade selbst in diesen Dekanaten zehn Tage lang besonders in den Fokus bringen. Bis jetzt haben sich in jedem Jahr Dekanate darauf eingelassen. Ich besuche die entsprechende Pfarrkonferenz und stelle das Thema vor – und in der Vorbereitungsgruppe entstehen dann die ersten Ideensammlungen. Es ist immer wieder erstaunlich, an wie viele bestehende Veranstaltungen man schon anknüpfen kann und wie viele neue Ideen die Menschen in den Dekanaten entwickeln.

Das Motto in diesem Jahr heißt „Kriegsspuren“. Was steht dahinter?

Claudia Kuchenbauer:„Kriegsspuren“ ist ein sehr aktuelles Thema –besonders bei uns. Seit etwa einem Jahrzehnt zeigen Forschungen über Spätfolgen, dass es noch deutliche Kriegsspuren in den Seelen der Menschen gibt, die sich noch über Generationen vererben. So sind Kriegsspuren etwas, das uns eint mit den Menschen, die heute auf der Flucht sind.

Wie muss man sich dieses „Vererben“ von Kriegsspuren vorstellen
?

Claudia Kuchenbauer: Unverarbeitete Kriegstraumata wirken sich auf die kommenden Generationen aus. So erzählen erwachsene Frauen und Männer von schwierigen Erfahrungen mit ihren Eltern, die ihnen nicht erklärlich sind. Wenn ich aber weiß, welche Erfahrungen dahinter stecken können und wie die Seele diese schweren Erfahrungen verarbeitet, dann kann ich das Verhalten der anderen und eventuell auch mein eigenes Verhalten besser verstehen.

Nehmen wir beispielsweise eine Frau, die aus einer Gutsherrenfamilie in Ostpreußen stammt und die als kleines Kind mit ihren Eltern fliehen musste. Als Kind hatte sie im Bewusstsein gelebt: Wir haben Vermögen, alles, was wir brauchen, wir sind angesehen und respektiert. Dann blieben Heimat, Besitz und Status zurück, sie erlebte viele Verluste und das Gefühl, als Flüchtling nichts wert zu sein. Diese Erfahrungen haben später ihre Stimmungen und Erziehungsgrundsätze geprägt. Sie sind ein Schlüssel, damit sie selbst und andere sie besser verstehen können.

Nun hat die Friedensdekade in diesem Jahr auch eine politische Botschaft. So bittet das Organisationsteam zusammen mit der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“ um Unterschriften für einen Exportstopp von Kleinwaffen und Munition aus Deutschland.

Claudia Kuchenbauer: Die Friedensdekade war schon immer politisch. Der Einsatz gegen Rüstungsexporte ist ein Hauptanliegen der Friedensbewegung. Auch die Arbeitsstelle kokon ist Mitglied bei der "Aktion Aufschrei". Man muss es einfach thematisieren, dass Kleinwaffen in Bürgerkriegen für die meisten Tode verantwortlich sind. Und Deutschland verdient daran. Unser Land ist weltweit einer der führenden Lieferanten von Rüstungsgütern, Kleinwaffen und Munition und trägt so direkt zur Verschärfung von Kriegen bei. Unsere Wirtschaft profitiert vom Handel mit Kriegswaffen. Die "Aktion Aufschrei" fordert eine Änderung des Rüstungskontrollgesetzes und beispielsweise parlamentarische Kontrolle für Rüstungsexporte. Wofür soll Deutschland stehen - für wirtschaftlichen Profit? Für Frieden? Und wie lässt sich das verbinden, ohne sich auszuschließen? Solche Fragen müssen deutlich gestellt und breit diskutiert werden.

Was erhoffen Sie sich von der Friedensdekade?

Claudia Kuchenbauer: Ich sehe sie als Gelegenheit, dass Menschen sich in den Gemeinden miteinander darauf besinnen, was sie zum Thema Frieden heute bewegt. Wir leben in Frieden, haben gesellschaftlich hohe Standards erreicht. Was bedeutet ein „gerechter Frieden“ für uns? Was haben wir in Deutschland schon erreicht, worauf wir stolz sein können, und wofür müssen wir uns noch einsetzen? Jeder Krieg hinterlässt jahrzehntelang tragische Spuren, das wissen wir doch aus eigener Erfahrung. Umso mehr müssen wir uns fragen: Was kann Deutschland aufgrund seiner einzigartigen geschichtlichen Erfahrung zur Förderung des Friedens exportieren?

Zur Person

Claudia Kuchenbauer, Bild: © kokon

Claudia Kuchenbauer

ist Pfarrerin, Mediatorin und Traumafachberaterin. Sie leitet die Arbeitsstelle kokon für konstruktive Konfliktbearbeitung in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

06.11.2016 / ELKB