Programm Augsburger Friedensfest

Die Kraft der Rituale

Übermannshoher Buchstabenturm 'Rituale' auf einer Wiese

Sehr aktuell: das Motto zum Hohen Freidensfest 2020 "Rituale"

Bild: Fabian Schreyer

Wie kann man eine Veranstaltung planen, wenn Menschenmengen verboten sind? Das Augsburger Friedensfest zeigt es. Unter dem Motto "Rituale" ist ein buntes Programm geboten, das der Corona-Krise trotzt.

Die Planung des kulturellen Rahmenprogramms zum Hohen Friedensfest seien durch die Corona-Pandemie durcheinandergewirbelt worden, heißt es im Programmheft zum Fest. Zentrale Elemente wie das Festival der Kulturen, die kleinen Friedenstafeln und die große Friedenstafel am Rathausplatz könnten aufgrund des Verbots von Großveranstaltungen nicht stattfinden. Dennoch müssen die Feierlichkeiten nicht ausfallen: Die Organisatoren haben Wege gefunden, in veränderter Form und unter den aktuellen Hygieneauflagen ein Festprogramm anzubieten. Seit dem 30. Juni finden live und digital Veranstaltungen rund um das Thema "Rituale" statt - ein Motto, das in dieser Zeit eine besondere Bedeutung gewinnt.

Zitat

Gerade jetzt stellt sich die Frage: Wie wichtig sind Rituale, und können sie uns persönlich und auch als Gesellschaft in Krisen helfen?"

Christiane Lembert ­Dobler und das Team des Friedensbüros der Stadt Augsburg

Wie stark Rituale als wichtige Bestandteile der menschlichen Kommunikation und das tragende Element des Zusammenlebens unseren Alltag prägen und strukturieren, sei seit Mitte März 2020 besonders deutlich geworden, erklärt Christiane Lembert­ Dobler, Leiterin des Friedensbüros der Stadt Augsburg. Viele Rituale seien nicht oder nur in veränderter Form möglich. Ganz offensichtlich sei dies zum Beispiel an den gängigen Begrüßungsritualen in Deutschland ablesbar: "Kein Händeschütteln, keine Umarmungen oder Küsschen. Rituale zu Hochzeiten, Taufen und auch Beerdigungen können nach wie vor nur eingeschränkt stattfinden." Dafür seien neue Rituale entstanden, wie das gemeinsame Singen und Musizieren auf Balkone oder Verabredungen zum Video-Chat.

Inwiefern beeinflussen sie unser Leben und unseren Alltag? Was sind überhaupt Rituale? Was unterscheidet sie von (überkommenen) Bräuchen und Regeln, von Routinen, Zeremonien oder Etikette? Was drücken sie aus? Sind sie ein Hindernis oder schweißen sie Gemeinschaften erst richtig zusammen? Dem allen will das Friedensfest-Programm an mehreren Orten in Augsburg nachspüren – drinnen und vor allem draußen. Zum Beispiel auf der „Sommerbühne im Annahof“, in Kirchen, Gärten, Innenhöfen und im Netz.

Vom 21. Juli bis zum 8. August entsteht das inzwischen 8. großformatige Wandgemälde im öffentlichen Raum innerhalb des Friedensfest-Kulturprogramms zum Thema „Rituale“ von Eva Krusche und Vera Daffner. Über 20 Künstler*innen haben sich in diesem Jahr mit ihren Entwürfen beworben.

Mehr zum Thema

Der Stadtjugendring beteiligt sich ab Ende Juli mit mehreren Programmpunkten und Aktionen: Über eine digitale Mitmach-Aktion entsteht zum Beispiel eine Collage, die sich mit Ritualen des Friedens befasst. Es gibt einen Workshop zur Frage, wie Rituale das Leben prägen. Eine Online-Videokonferenz bringt junge Leute ins Gespräch, die unterschiedliche religiöse Rituale kennen.

Das Festival der Kulturen findet am 24. und 25. Juli in einer gekürzten und veränderten Version statt. Es gibt zum einen Live-Konzerte von Meşk, Harrycane Orchestra und Wang Li und zum anderen einige Video-Vorführungen. Das Online-Dinner „Welcome home in (y)our kitchen“ hinterfragt und erprobt Rituale der Gastlichkeit (28.Juli, 19 Uhr). Erwin Schletterer von Brücke e.V. hat mit „Immer wieder...“ sieben internationale, zum Teil ausgezeichnete Kurzfilme zum Thema Rituale zusammengestellt (28. Juli, 20 Uhr, Kino Mephisto).

Rituale in den Weltreligionen

Welche Bedeutung hat Wasser in den Weltreligionen? Wasser ist in vielen Regionen der Erde kostbarer denn je. Mitglieder der Frauengruppe Religions for Peace Augsburg-Schwaben zeigen, wie wichtig das Wasser auch für die unterschiedlichen Religionen für körperliche Reinigung wie seelische Heiligung ist (23. Juli) .

Mit dem Vortrag "Predigerpodest und Engelsträger" - Entstehungsgeschichte der Kanzel von St. Anna beteiligt sich das Evangelische Forum am 29. Juli an dem Kulturprogramm. Am 4. August sind der katholische Bischof Dr. Bertram Meier und Abbé Felix Quédraogo aus Burkina Faso im Austausch über Rituale in zwei unterschiedlichen kirchlichen Traditionen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede laden ein, voneinander zu lernen.

Die Autorin, Forscherin und Rednerin Silke Helfrich untersucht in der Reihe „IN COMMON“ im Grandhotel Cosmopolis Rituale eines zukünftigen Miteinanders (1. bis 3. August).  Der Interreligiöse Frauendialog des Friedensbüros mit der Gleichstellungsstelle und Volkshochschule der Stadt Augsburg findet am 6. August auf der Sommerbühne im Annahof statt.

Traditionelle Veranstaltungen

Neben den genannten und weiteren Veranstaltungen finden auch einige traditionelle Formate des Friedensfest-Programms wie das multireligiöse Friedensgebet am 7. und die Gottesdienste am 8. August statt. Als Großveranstaltung musste die Friedenstafel leider abgesagt werden. Doch in kleinerem Rahmen wird Oberbürgermeisterin Eva Weber auf der Sommerbühne im Annahof ein Grußwort zum Feiertag sprechen, die Vertreter*innen der in Augsburg ansässigen Religionsgemeinschaften werden die Friedensgrüße übermitteln.

Teil werden vom Friedensfest mit #friedenteilen

Den gesamten Sommer über lädt das Friedensbüro die Augsburger*innen dazu ein, persönliche Gedanken zum Thema Rituale zu Papier zu bringen und per Mail oder Post zu schicken, gern mit einem Foto. Oder ein kurzes Video zu senden (max. 60 Sekunden und im Querformat). Das Friedensbüro teilt diese Einsendungen auf der Webseite und den sozialen Medien. Noch direkter geht’s mit #friedenteilen: Um Teil des digitalen Friedensfestes zu werden, einfach (persönliche) Rituale, Friedensmomente und -grüße auf Instagram und Twitter mit #friedenteilen posten oder auf Facebook @friedensstadt.augsburg taggen und auf der Social Wall (www.augsburg.de/friedenteilen) zum Friedensfest erscheinen.

Viele Friedenspicknicks statt einer großen Friedenstafel

Traditionell treffen sich am 8. August über 1000 Menschen auf dem Augsburger Rathausplatz, um an weiß gedeckten Tischen das mitgebrachte Essen mit bekannten und (noch) fremden Menschen zu teilen. In den vergangenen Jahren kamen außerdem weitere kleine Stadtteil-Friedenstafeln hinzu. Aufgrund der Corona-Pandemie ist dies in 2020 nicht möglich. Aber den Friedensgedanken zu teilen geht doch: Das Friedensbüro und die Stadt Augsburg laden die Bevölkerung dazu ein, am 8. August, dem Augsburger Hohen Friedensfest, kleinere Friedenspicknicks abzuhalten. Ob im Park, am See, am Flussufer, auf dem Balkon, im Garten... Wo auch immer es möglich ist und unter Einhaltung der Hygieneregeln. Die Augsburger*innen sind aufgerufen, ihr Essen - soweit es den Corona-Regeln entspricht - zu teilen, um damit an den Auftrag zu erinnern, für den Augsburg in seiner Tradition als Stadt des Religionsfriedens steht: Niemand soll aufgrund seiner Religion oder Herkunft und anderer Zugehörigkeiten ausgeschlossen werden.


15.07.2020 / ELKB