Nordbayern

"Franken zählte zu den schwerer verwüsteten Regionen"

Bad Windsheim St Kilian

In St Kilian in Bad Windsheim findet der ökumenische Gedenkgottesdienst statt.

Bild: By Tilman2007 - Own work, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19622845

Des Ausbruchs des Dreißigjährigen Krieges vor 400 Jahren wird in diesem Jahr gedacht. Der Historiker Professor Georg Seiderer beantwortet drei Fragen zu den Auswirkungen des Krieges in Nordbayern.

Hunger, Seuchen, Tausende von Tote: Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 brachte unvorstellbares Leid nach Europa. Davon waren auch die vier kleinen Reichsstädte Dinkelsbühl, Nördlingen, Rothenburg ob der Tauber und Bad Windsheim im heutigen Westmittelfranken und nördlichem Schwaben betroffen. Die Städte gedenken dem Ausbruch des Konflikts vor 400 Jahren mit vielen Veranstaltungen - den Auftakt bildet diesen Sonntag, 25. Februar, ein ökumenischer Gottesdienst in der evangelischen Bad Windsheimer St. Kilianskirche. Danach referiert der Professor für Neuere Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Uni Erlangen- Nürnberg, Georg Seiderer, über "Die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf die bayerische Geschichte".

Herr Seiderer, der Dreißigjährige Krieg hat halb Europa verwüstet. Wie war die Region des heutigen Mittelfrankens davon betroffen?
Franken zählte zu den schwerer verwüsteten Regionen des Heiligen Römischen Reiches während des Dreißigjährigen Krieges. Die Bevölkerungsverluste der Region waren neben dem heutigen Schwaben und Mitteldeutschland mit die höchsten. Das liegt daran, dass Franken mit den angrenzenden Regionen seit 1631 beinahe ständig zum Kriegsschauplatz wurde. Schwedische, kaiserliche, ligistische, französische Truppen durchzogen das Land und brachten Hunger und Seuchen mit sich. Gustav Adolf und Wallenstein standen sich wochenlang bei Nürnberg gegenüber, ehe es dort Anfang September 1632 zur Schlacht an der Alten Veste kam. Zwei Jahre später fand bei Nördlingen eine weitere entscheidende Schlacht statt; hinzu kamen zahlreiche kleinere Gefechte und Belagerungen, die für den Krieg zwar nicht entscheidend waren, für die Bevölkerung aber verheerende Auswirkungen hatten.

Zur Person

Bad Windsheim St. Kilian Kirchenraum mit Orgel, Bild: © Dekanat Windsheim

Gedenkgottesdienst

Der ökumenische Gottesdienst in St. Kilian in Bad Windsheim am Sonntag, 25. März 2018, beginnt um 10 Uhr. Im Anschluss daran findet ein kleiner Festakt statt.

Der ökumenische Gottesdienst in St. Kilian in Bad Windsheim beginnt um 10 Uhr, im Anschluss daran findet ein kleiner Festakt statt.

Welche Rolle haben die reichsfreien Städte im heutigen Raum Westmittelfranken in diesem Konflikt damals gespielt?
Reichsstädte wie Nördlingen, Rothenburg ob der Tauber, Windsheim und Dinkelsbühl hatten nur eine sehr passive Rolle und wurden zum Spielball der Interessen. Wenn Truppen durch das Umland zogen, bedeutete das: Teuerung, Plünderungen, Hunger und Brandschatzung. Die Befestigungsanlagen kleinerer Städte stammten oft noch aus dem Mittelalter und hielten der Waffentechnik des 17. Jahrhunderts kaum stand. Finanz-, Handels- und Rüstungszentren wie Nürnberg und Augsburg profitierten vom Krieg, bis sie selbst zu einem Austragungsort des Konflikts wurden. Während in Nürnberg um 1633 Zehntausende Opfer von Epidemien wurden, bedeutete die Belagerung des von den Schweden besetzten Augsburgs durch ein katholisches Heer 1634/35 eine Katastrophe.

Welche Auswirkungen haben die Auseinandersetzungen während des Dreißigjährigen Krieges in Franken bis heute?
Die Auswirkungen des Krieges waren bis in das 18. Jahrhundert hinein zu spüren. Die Bevölkerungsverluste wurden erst nach und nach ausgeglichen; für Nürnberg bedeutete der Krieg einen nachhaltigen demografischen und wirtschaftlichen Einbruch. Heute ist der Krieg Teil der Erinnerungskultur - etwa mit der Kinderzeche in Dinkelsbühl oder dem Meistertrunk in Rothenburg. Beide Historienspiele haben ihre Wurzeln in realen Begebenheiten, sind jedoch literarische Fiktion. Beide waren Maßnahmen, um den wirtschaftlich darbenden Städten um 1900 zu einem Aufschwung zu verhelfen: In der Ausschmückung von Geschichtslegenden wurde der Dreißigjährige Krieg zu einem farbenfrohen Spektakel.


22.02.2018 / epd