Oberammergau

Evangelisches Ausrufezeichen im Passionsspielort

Kreuzkirche Oberammergau

Das absolute Highlight der neu gestalteten Kirche ist jedoch das schöne, große Kruzifix. Es ist eine Leihgabe des Lukasvereins der Oberammergauer Schnitzer.

Bild: ELKB

Zu ihrem 90. Geburtstag präsentiert sich die evangelische Kreuzkirche Oberammergau in neuem Format: heller, ökologisch, barrierefrei. Die umgebaute Kirche wurde mit einem Gottesdienst eingeweiht.

Auf dem Weg zum Passionsspielhaus empfängt die Kreuzkirche Touristen wie Einheimische neuerdings wie ein Ausrufezeichen: Ein sattes Terracotta-Rot ziert die Fassade, statt des sanften gelben Anstrichs von früher. "Wir haben uns eine selbstbewusste Farbe gewünscht", sagt Gisela Wagner, Vertrauensfrau des Kirchenvorstands. Nun kommt schon rein optisch niemand mehr an dem Kirchlein vorbei, das 1928 an der Stelle eines Stalls erbaut worden war - als Heimat für viele protestantische Flüchtlinge, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Häuflein der Oberammergauer Lutheraner verstärkten.

Doch die Farbe ist nicht die einzige bemerkenswerte Verwandlung. Eine Mauernische zur Straßenseite und eine gepflasterte Lutherrose markieren den alten Eingang. Jetzt öffnet die Kirche ihre Türen an der Stirnseite, auf die jeder direkt zuläuft, der vom Ortskern zum nur 100 Meter hinter der Kreuzkirche liegenden Passionstheater will. "Wir sind Station auf dem Weg zur Passion ", sagt Pfarrer Peter Sachi - dass es eine evangelische Kirche mitten im tiefkatholischen Dorf gebe, sei durch den Umbau neu bewusst geworden.

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Auch der Innenraum hat einen neuen Charakter: Die schwere dunkle Holzdecke wurde naturweiß lasiert, die Apsis von dunklem Klinker befreit, die wuchtige Kanzel entfernt. An sie erinnern die vier geschnitzten Evangelisten, die nun die Besucher gleich nach dem Eingang erwarten. "Unser Heiliges Quartett", nennt Sachi die Figuren mit Augenzwinkern. Sie wachen wie freundliche Beschützer über jeden Täufling, der am renovierten Taufstein gegenüber - an der Stelle des alten Eingangs - in die Gemeinde aufgenommen wird.

Eine Besonderheit ist das große Kruzifix von 1965, das erst seit wenigen Wochen als Leihgabe der Vereinigung der Oberammergauer Schnitzer in der Apsis hängt. "Es ist ein empfangender, bewahrender Christus mit offenen Augen", findet Sachi. Kurios, weil nicht geplant, ist das Schattenspiel der Sonnenstrahlen, die durch die Apsisfenster auf das Kreuz fallen: Je nach Sichtweise sieht man ein großes Herz, in dem das Kruzifix steht, oder einen Stern, oder einen Schmetterling zu Füßen des Gekreuzigten - "das Symbol für die Auferstehung", sagt der Pfarrer.

500.000 Euro muss die evangelische 1.500-Seelen-Gemeinde im Ammertal selbst zum 1,9 Millionen teuren Umbau beisteuern, der mit Fußbodenheizung und eigenem Blockheizkraftwerk nun auch ökologischen Ansprüchen genügt. Dass mittlerweile nur noch ein 160.000-Euro-Darlehen offen ist, macht Pfarrer Sachi stolz. "Jeder Cent ist Gold wert", beschreibt er die Haltung beim Spendensammeln.

Neben vielen kleinen Spenden habe es auch einige größere Patenschaften für den Altar, die Renovierung des Taufsteins und die Reinigung der Fenster durch die Mayer'sche Hofkunstanstalt gegeben. Damit die Kosten finanzierbar blieben, habe der Kirchenvorstand außerdem ein großes "Streichkonzert" veranstaltet: Über 30.000 Euro wurden durch Eigenleistung eingespart, der Vorplatz zum Pfarrhaus vorläufig nur gekiest statt gepflastert, auf teure Technik im neuen Gemeindesaal verzichtet.

Durch den Anbau des Saals gewinnt die Gemeinde rund 80 Plätze mehr für Veranstaltungen - das sorgt vor allem während der berühmten Oberammergauer Passionsspiele für Entlastung. "Nach dem Passionsspiel können die Theaterbesucher bei uns eine Tasse Tee trinken und wir beantworten Fragen zur Aufführung", sagt Gisela Wagner.

Schon seit zwei Jahren plant die Kreuzkirche mit der katholischen Schwesterkirche St. Peter und Paul für das Großereignis 2020 ihr Begleitprogramm zusammen mit Theater und Kommune. Unter dem Motto "Leidenschaft leben" bieten die Gemeinden Gesprächsangebote, Gottesdienste, Raum für Stille, theologische Einführungen ins Passionsspiel, einen Passionsweg durchs Dorf, Kirchenführungen, seelsorgerliche Begleitung und eine Kunstinstallation auf dem Dorfplatz für die 4.000 internationalen Zuschauer pro Aufführung.

Es ist ein Kraftakt, der nur mit vereinten Kräften der Kirchen zu stemmen ist. Schon jetzt sucht die Kreuzkirche Ehrenamtliche als Gastgeber, schon jetzt können sich Pfarrerinnen, Pfarrer und Kirchenmusiker als Verstärkung für Oberammergau bewerben.

Bei aller Betriebsamkeit ist die neu gestaltete Kreuzkirche jetzt ein Ruhepol und Kraftort. Von ihr aus können die Oberammergauer Lutheraner das geistliche Leben im Passionsspielort prägen. Und auch die Touristiker dürfen sich freuen: Ihr Dorf hat jetzt eine Sehenswürdigkeit mehr.


31.07.2018 / epd/Susanne Schröder